„Bakterien haben keine Arten“


Ernst Mayr (1904-2005), war seit 1994 Ehrenmitglied der Akademie - eine seltene Auszeichnung. - Foto: picture-alliance/akg-images akg
Ernst Mayr (1904-2005), war seit 1994 Ehrenmitglied der Akademie - eine seltene Auszeichnung. - Foto: picture-alliance/akg-images akg

Von Kärin NickelsenTagesspiegel

Ernst Mayr verbrachte fast sein ganzes Leben damit, über die Evolutionstheorie nachzudenken – aus biologischer, historischer und philosophischer Sicht. In jeder dieser drei Karrieren hat er mehr geleistet als die meisten in einer einzigen Laufbahn.

„Bakterien haben keine Arten“, stellte Ernst Mayr einmal in einem Interview fest. Und fügte hinzu: „Warum man einen Zellkern braucht, um eine Art sein zu können, weiß ich auch nicht.“ Dass viele Mikrobiologen in diesem Punkt anderer Meinung sind, kümmerte ihn wenig. Mayr verstand eine Art als Gruppe von Populationen, die sich untereinander fruchtbar kreuzen, und von anderen ähnlichen Gruppen reproduktiv isoliert ist. Wer Arten im traditionellen Sinne anhand von Merkmallisten definierte, beging in Mayrs Augen die Sünde des „typologischen Denkens“, das er zeitlebens bekämpfte – und dabei auch ab und an über das Ziel hinausschoss.

Geboren wurde Ernst Mayr 1904 in Kempten im Allgäu, gestorben ist er 2005 in Bedford, Massachusetts. Dazwischen lagen 101 Jahre, die er in großen Teilen damit verbrachte, über die Evolutionstheorie nachzudenken: aus biologischer, historischer und philosophischer Perspektive. Mayr begann seine erste Karriere, die des Naturforschers und Evolutionsbiologen, im Jahr 1923 als Student in Greifswald. Drei Jahre später, 1926, schloss Mayr sein Studium ab und wurde Assistent von Erwin Stresemann, Kustos der Vogelsammlung des späteren Berliner Naturkundemuseums. Hier lernte Mayr die Prinzipien der Systematik, übte sich in der Beobachtung kleinster Unterschiede, und erfuhr die neuesten Ansichten zur Artbildung.

„Gucken und päng!“, so beschrieb Mayr seine Expedition nach Neu-Guinea

Mayrs Leben nahm eine entscheidende Wende, als er zwischen 1928 und 1930 Expeditionen nach Neu-Guinea und zu den Solomon-Inseln begleitete. „Gucken und päng!“: so beschrieb Mayr einmal seine Arbeit auf dieser Reise. Allein in den ersten acht Monaten sammelte er über 3000 Vogel-Bälge. Die Auswertung der Sammlung führte ihn 1931 an das American Museum of Natural History in New York – und dort blieb Mayr die nächsten 20 Jahre. Hier schrieb er neben vielem anderen sein vielleicht einflussreichstes Buch: „Systematics and the Origin of Species, from the Viewpoint of a Zoologist“ (1942). Es war ein eindringliches Plädoyer dafür, dass aus Sicht der Systematik die Evolutionstheorie nach Darwin durchaus mit den Erkenntnissen der Genetik vereinbar war. Was heute selbstverständlich erscheint, bedurfte damals noch sorgfältiger Argumentation; zur Etablierung dieser sogenannten synthetischen Theorie der Evolution hat Mayr entscheidend beigetragen.

Mayr blieb einer der zentralen Denker der Evolutionstheorie – berühmt ist er insbesondere für seine Auffassung der Art, die bereits zitiert wurde. Mayr klärte indessen nicht nur, was eine Art ist, sondern auch, wie neue Arten entstehen; und löste damit eine Frage, die Darwin selbst nicht hatte beantworten können. Wenn geographische Isolation oder andere Faktoren eine Population spalten, habe dies zur Folge, so Mayrs Vorschlag, dass die Teilpopulationen verschiedenen Selektionsdrücken unterliegen und sich daher unterschiedlich entwickeln – bis zu einem Punkt, an dem keine fruchtbare Kreuzung mehr möglich ist: Aus einer Art wurden zwei.

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