Afghanistan, einige Entwicklungen


Ein Mangel an Meldungen aus oder um Afghanistan herrscht gewiss nicht. Nur ist auffällig, dass kaum je positive Nachrichten dabei sind. Liegt das daran, dass Positives (Häuserbau, Nicht-Drogen-Handel, seriöse Justiz- und Polizei-Erfolge …) keinen medialen Nachrichtenwert hätte? Die Zeichen stehen auf  „Weiter so“, ohne Optimismus zu gestatten. Jetzt steht erstmal der ruhigere, weil harte Winter bevor.

Die notgedrungene Tolerierung des Wahl-Fälschers Hamid Karsai als einheimischen Ansprechpartner und Präsidenten von NATO-Gnaden ist eine weitere schwere Hypothek. Zumal Karsai außerhalb der Hauptstadt nicht einmal bei seinen eigenen paschtunischen Volksstämmen wirklich starke Anerkennung und Legitimation als Staatsführer genießt.

technokratische Weltsicht (CC-by.2.0 von wahlkampf09)
technokratische Weltsicht (CC-by/2.0 von wahlkampf09)

Zögen die ausländischen Soldaten ab, so packten Karsai und seine Minister ihre Koffer und Reichtümer und verließen das Land in Windeseile.  Diese Einschätzung eines Beobachters der Verhältnisse klingt hart, aber nicht unglaubwürdig.

Karzais Bruder, Ahmed Wali Karzai, ist nach Meldungen der New York Times vom 28. 10. ohnehin nicht nur schwer im Opium-Handel aktiv, sondern „gets regular payments from the Central Intelligence Agency“ (CIA) seit 2001. Der Kabuler „Regierung“ ist nicht zu trauen. Der Kommentator der Deutschland Debatte sieht das ähnlich.

Wenige Tage nach dem Anschlag auf ein von UN-Mitarbeitern bewohntes Gästehaus in Kabul, bei dem acht UN-Mitarbeiter getötet wurden, ordnete die afghanische UN-Mission (Unama) die vorübergehende Evakuierung von rund 600 ihrer 1.100 internationalen Mitarbeiter an. Die Vereinten Nationen nutzten bislang in Kabul rund 90 Wohnhäuser, berichtete die TAZ vom 5.11.09.

In der ersten Novemberwoche hatten die Vereinten Nationen aufgrund von Anschlägen bereits einen Teil ihres Personals aus der Nordwestprovinz abgezogen. Zu Protesten mehrerer hundert Menschen gegen die internationalen Truppen soll es am 5. November auch in der östlichen Provinz Khost gekommen sein.

Nicht nur von den italienischen ISAF-Truppen sondern nun auch von weiteren NATO-Kampf-Einheiten kam nach und nach heraus, dass an regionale einheimische Warlords Schutzgelder gezahlt worden sein sollen.  Die meisten afghanischen Warlords werden von der Bevölkerung gehasst. Denn die von ihnen kontrollierten Privatarmeen bestehlen und schikanieren Zivilisten, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Am 4. November irritierte dann eine kleine Agentur-Meldung, dass ein afghanischer Polizist in der südlichen Provinz Helmand fünf britische Soldaten erschossen habe. Acht weitere Beteiligte des Schusswechsels an einem Kontrollpunkt wurden verletzt.

Hauen und Stechen wie bei Goya (gemeinfrei da aus 1819)
Hauen und Stechen wie bei Goya (gemeinfrei da aus dem Jahr 1819)

Der ranghohe  US-Diplomat Matthew Hoh quittierte seinen Dienst in Afghanistan Ende Oktober und begründete das mit der Aussichtslosigkeit des dortigen Krieges. Ein 39-jähriger US-Militärpsychiater lief am 6. November in Fort Hood Amok, als er in Afghanistan stationiert werden sollte. Er tötete 13 Leute. Hatte er einfach unkontrollierbare (psychotische) Angst-Wut?

Aus einem eindrucksvollen YouTube-Video „Vets to Congress: Rethink Afghanistan Now“ mit Interviews von US-Veteranen über die verfahrene Lage bleibt unter anderem diese Passage im Gedächtnis:

„Dies ist kein Krieg, der einfach vorbei ist, sobald Afghanistan sicher ist und eine Regierung hat. Denn die Leute, die in den Fluechtlingslagern unter der herrschenden Armut leiden, diese 250.000 Fluechtlinge, die in Lagern leben, stellen eine Brutstaette fuer Al Quaida dar.“ (Übersetzung von sha-mash)

Währenddessen hat Deutschland einen neuen Verteidigungsminister zu Guttenberg. Die einzige Neuerung dieser Personalie ist, dass er abweichend von der bisherigen Vernebelungspraxis tatsächlich erstmals von „Krieg“ sprach. Aber das ist eine kosmetische Erleichterung.

Zugleich stellte sich der Neue nämlich (wider besseren Wissens) hinter die umstrittene Auffassung, Oberst Klein hätte nicht anders handeln müssen und können, als den Luftschlag anzufordern. Er will es sich nicht mit denen verderben, mit denen er von nun an eng kooperieren muss. Das ist einerseits verstehbar, aber es ist bloßes Taktieren.

Die Übergabe des Verfahrens zum Luftangriff in Kundus an die Bundesanwaltschaft belegt nach Auffassung des Bundeswehrverbandes, dass am Hindukusch Krieg herrscht. Die hohe Justiz soll klären, ob die von US-Kampfjets durchgeführte Bombardierung und Tötung zahlreicher Zivilisten im Sinne des Völkerstrafrechts zulässig war. Das geht aus einer dpa-Meldung vom 7.11.2009 hervor.

Ermutigend für die Befürworter des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr sehen die neueren Entwicklungslinien nicht aus.

3 Comments

  1. Für den Friedensnobelpreisträger Obama ist es scheinbar einfacher, in seiner Bevölkerung 30000 WEITERE Grenadiere für Afghanistan zu finden, als 2000 perfekt ausgebildete Lehrer, die Afghanisch, Pasthunisch, Englisch und Arabisch sowie Mathe, Biologie (etc.) könnten und damit den Talibans entgegentreten könnten.

    Grenadiere gibt es scheinbar genug auf dieser Welt… (aber keine Leute mit einem IQ über 200).

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    1. Nun ja, wirklich populär ist die wundersame Soldaten-Aufstockung im Feindesland nur bei rechtsgestrickten Schreibtisch-Strategen und Republikanern, nicht so sehr bei der „vernünftigen“ Hälfte der Amis, die welche Obama wählten.

      „Grenadier“ werden im Kriegseinsatz ist kein Zuckerschlecken, sondern aus der Not zu erklären, dass es verdammt hart ist, in den USA als gewöhnlicher Durchschnittstyp einen passabel bezahlten Job zu ergattern. Die Arbeitslosenunterstützung ist da noch übler als bei uns, übrigens.

      Friedensnobelpreisträger sein heißt nicht viel, siehe Bombenbauer-Politiker wie Menachem Begin oder Pinochets Hintermann Henry Kissinger. Im Fall Obama ist’s halt eher Vorschusslorbeeren auf der Carte Blanche des Prinzips Hoffnung.

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  2. Pingback: CONTRACOMA

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