Vom Wert des Glaubens


Wolfgang Schäuble, Quelle: wikipedia

Braucht unsere Gesellschaft Religion?

Dem ehemaligen deutschen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wird kaum zu widersprechen sein, wenn er die Vorzüge der Demokratie im Bezug auf die gesellschaftlich gewährte Vielfalt und den Raum für Diskussion und Streit in ihr herausstreicht. Eine „Balance zwischen Prinzipien und Pragmatismus“ verlangt der Innenminister.

kismetonline.atFerdinand Lughofer

Auf Reinhold Schneiders Worte „nicht die Irrtümer haben wir zu fürchten, sondern die Lüge“ verweist er dabei und markiert hier einen wesentlichen Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie.

In „Braucht unsere Gesellschaft Religion? Vom Wert des Glaubens“ finden sich drei Reden Wolfgang Schäubles, die sich mit der Thematik rund um die Bedeutung von Religion – sei es nun die christliche oder die islamische – auseinandersetzen. Drei Reden aus den Jahren 2005 bis 2008 wurden hierfür abgedruckt. Mit dieser Reihe leistet die Berlin University Press einen gelungenen Beitrag zur Einsicht in die Weltanschauung eines zentralen Politikers der Deutschen Bundesrepublik.

Wenn Schäuble die Vorzüge der Demokratie herausstreicht und die Verletzung der Menschenrechte in der großen weiten Welt als „Heuchelei“ kritisiert, zeugt es zwar von keiner Realitätsferne, die Kluft zwischen Anspruch und Realität wird im Falle Murat Kurnaz aber nur kurz als Frankfurter Fall angesprochen. Von Orwells Phantasien und die Stasi-Verhältnisse seien wir heute weit entfernt, so Schäuble. Die Debatten über die Allmachtsphantasien sind Schäuble zu „reflexartig und oberflächlich“.

Fragwürdige Zusammensetzung

Die zweite der drei abgedruckten Reden behandelt „Staat und Islam in Europa“. Und wenn die Islamkonferenz auch in Anbetracht der 50 Jahre Stillstand im Bezug auf dieses Thema in alle Höhen gelobt wird, so erscheinen doch etliche Formulierungen Zeugnis davon zu geben, in welcher verengten Sicht sich Deutschland im Bezug auf seine MuslimInnen sieht und wie verfahren die Situation heute ist.

Im Koordinationsrat der Muslime sieht der Innenminister nur 10 Prozent der MuslimInnen vertreten. Da kommen dann die „liberalen“ Muslime, KünstlerInnen und die IslamkritikerInnen, um den nicht repräsentierten 90 Prozent ihre Stimme zu geben. Und das macht natürlich alles der Vater Staat. Als würde ein Hans Küng stellvertretend für die Katholische Kirche über das Konkordat verhandeln dürfen. Und das wäre noch denkbarer als der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexueller Priester ein Mandat zu geben.

Interessant ist das Büchlein dennoch. So zeigt es, wie der Innenminister „Integration“ definiert und warum das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Zugehörigkeit für ihn so zentral sind. Etwas eigenartig mutet es auch an, wenn der Innenminister erklärt, warum westlich und östlich vom Atlantik so gravierende Unterschiede im Bezug auf das Zusammenleben existieren.

In Amerika könnten die Menschen „ohne größere Probleme schlicht nebeneinander leben, während wir das in der europäischen Dichte und Vielfalt nicht vermögen“. Jaja. Und das nennt der Herr Innenminister dann noch „europäische Geschichte“. Mit einer Umsiedlungspolitik könnten wir dann ja vielleicht alle Probleme, die die Migration so mit sich gebracht hat, verhindern.

Wolfgang Schäuble: Braucht unsere Gesellschaft Religion? Vom Wert des Glaubens. Berlin University Press