Enkes Freitod jenseits familiärer "Tragik"


Die indivduelle Tragik des Freitods von Robert Enke ist den Medien rauf und runter viele Geschichten wert gewesen. Die lesenswerteren Kommentare legen zumindest nachdenklich „den Finger in die Wunde“, dass Protagonisten der Leistungsgesellschaft heute ein klagloses Lächelgesicht und Verstecken gegenläufiger Emotionen abverlangt wird.

Der Spiegelfechter-Blog hat – wie gewohnt – akkurat das Versagen der „Qualitätsmedien“ herausgearbeitet. Beispielsweise „virtuelle Kondolenzbücher“ als wundersame Klickfänger. Es wird „spekuliert, was das Zeug hält“. Die Negativliste aus den Medienempfehlungen der „Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention“ findet sich in dieser Berichterstattung der „Qualitätsmedien“ geradezu abgebildet. Dieser niederschmetternden Diagnose ist ohne Wenn und Aber zuzustimmen.

Weit über die kurzzeitige Aufregung beim depressionsbedingten Tod eines allgemein beliebten Nationaltorwarts hinaus geht ein bislang zu wenig beachteter Blog-Artikel von Frank Berzbach: Massenproteste gegen Depression?

Auf dem „Sciencegarden“-Blog wird nicht die übliche Frage nach der individuellen Psychologie sondern die nach den sozialpsychologischen Handlungsrahmen in den Blick genommen. Denn erst die betrifft nicht nur das redliche Mitgefühl für einen fremden Menschen sondern die eigene Lebensrealität der meisten Gesellschaftsakteure.

„Bald sieht sich jeder — ob im Web 2.0, an der Uni oder im Betrieb — den Rankings ausgesetzt. Und erstrebens- und lebenswert ist natürlich nur die Tabellenspitze. Die ganz oben leben in psychischer Lebensgefahr, die anderen sind Loser. Aber ist das die Gesellschaft, die wir wollen?“ (Zitat Frank Berzbach)

Der Verweis auf ein diese Zusammenhänge einigermaßen angemessen beschreibendes Sachbuch rundet Berzbachs Posting und jetzt auch meines ab:

Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst: Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Mit einem Vorwort von Axel Honneth. Suhrkamp, Frankfurt/Main, Neuauflage: 2009

Update: Der Hannoveraner Sportwissenschaftler und Hochschullehrer Gunter Pilz vertieft in einem Interview des Deutschlandradio Kultur diese Sichtweise. Im Sport und auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen hätten die Menschen ihre „Beißhemmung“ gegenüber Schwächeren verloren, so der Sportsoziologe.

„Das ist ein Problem unserer heutigen Gesellschaft: Dass wir nicht nur diese Beißmentalität haben und auf Schwächen rumtrampeln, sondern, wenn dann jemand betroffen ist und wirklich darunter leidet, wir uns nicht mehr ein Stück der Sensibilität bewahrt haben, das wahr zu nehmen und dann vielleicht noch zu korrigieren.“

Das vollständige Gespräch mit Gunter Pilz kann man bis zum 14.4.2010 als MP3 im Audio-on-Demand-Angebot nachhören, teilt die Online-Redaktion dort mit.

Wer sich über den medizinischen Aspekt Depression vertieft Gedanken machen möchte, findet auf dem Blog „mentalnet news“ einen recht guten Artikel von „Dr. Mew“: Depression und Mythos (14.11.09). Er verweist auf das Kompetenznetzwerk Depression sowie auf seine Beobachtung, dass bei Robert Enke auch eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) mit hineingespielt haben dürfte.