Hilfe, die Uni brennt


Quelle: sueddeutsche.de

Prof. Axel Meyer, D., Ph., Evolutionsbiologe und Zoologe Universität Konstanz

Den Studentenstreik unterstützen alle, aber die Uni kann nicht alles für alle sein

Die Studenten streiken. Sie halten das Audimax mehrerer Universitäten besetzt und protestieren gegen die Verschulung und den Prüfungsdruck der neuen Bachelorstudiengänge. Sie sind auch gegen Studiengebühren, aber für mehr Bafög, Mitbestimmung und mehr Chancengleichheit für alle sozialen Schichten und mehr soziale Durchlässigkeit im Bildungssystem. So weit, so üblich.

Merkwürdig ist aber einiges an diesem Streik. Der Ursprung dieses Protestes kommt aus Österreich. Österreich? Angeblich streiken dort sogar mehr deutsche Numerus-Clausus- Flüchtlinge als österreichische Studenten. Vielleicht werden sie sich ins eigene Fleisch schneiden, wenn dort nach dem Streik mehr Zulassungsbeschränkungen und/oder Studiengebühren von ausländischen Studenten erhoben werden.

Die Zulassung neuer Studiengänge war ein schlechter Witz

Und dann werden die Studenten in ihrer Kritik auch von Hochschulleitungen, der Hochschulrektorenkonferenz und sogar der Bildungsministerin höchstselbst unterstützt. Vor der Wahl war noch alles okay mit der Umstellung auf Bachelor, jetzt gibt es plötzlich „handwerkliche“ Fehler bei der Umsetzung der so tollen Bologna- Idee mit dem Bachelor und dem Master. „Handwerkliche Fehler“ ist gut. Die neuen Studiengänge mussten von privaten (!) Akkreditierungsagenturen zugelassen werden. Ein schlechter Witz. Denn es gab sie ja noch nicht einmal, aufgrund welcher Kriterien sollten sie also begutachtet werden? Außerdem war diese Methode nichts als ein Bereicherungs- und Zeitverschwendungssystem, von dem allein pensionierte Bildungspolitiker und ihre Agenturen profitierten.

Ja, wer protestiert denn dann hier gegen wen, wenn sich anscheinend alle – Politiker, die die Reformen forderten, und davon betroffene Studenten – einig sind, dass gegen etwas protestiert werden müsse? Es gibt eine Mehrheit von Studenten, denen der Streik nicht nur egal ist, sondern die gegen die protestierenden Studenten protestieren, denn sie wollen endlich wieder ungestört studieren und zurück in die Hörsäle. Verkehrte Welt.

Der Drang zur ständigen Reform ist das eigentliche Übel

Bildung und Ausbildung, Forschungund Lehre, Grundlagen und praxisorientierte Forschung. Die Universität kann nicht alles können. Das eigentliche Problem ist der Drang, ständig reformieren zu wollen. D ie Reformitis und die deutsche Manie, alles zu regeln und zu vereinheitlichen, sind das Übel. Die Universitätslandschaft braucht Diversität, praxisorientierte Ausbildung, wie auch oldfashioned Bildung, aber beides an einer Universität geht eben nicht. Macht nichts, dafür gibt es ja Fachhochschulen und Universitäten, und davon gute und bessere. If it ain’t broken, don’t fix it.
So sagt man in den USA.

3 Comments

  1. Absolut lesenswert und immer noch hochaktuell ist die Streitschrift des Wiener Philosophie-Professors Konrad Paul Liessmann über den wirklichen Zustand unserer so hochgelobten „Wissensgesellschaft“. Eine intelligente und knackig geschriebene Analyse des Irrsinns der gegenwärtigen Hochschulpolitik.

    Konrad Paul Liessmann:
    Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft
    http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-552-05382-3

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  2. „Es gibt eine Mehrheit von Studenten, denen der Streik nicht nur egal ist, sondern die gegen die protestierenden Studenten protestieren, denn sie wollen endlich wieder ungestört studieren und zurück in die Hörsäle“

    Das sind die wenigsten. Es wird ja gerade auf andere Studenten Rücksicht genommen. Die Tübinger Unibestzer unterbrachen bzw verlegten ihren Besetzung, weil in dem besetzten Raum ein Klausur der Juristen statt finden sollte die schon lange geplant war. Ich glaube es war in Münster oä. ließen die Besetzer die Erstsemeterstudenten abstimmen ob die Mathematikvorlesung stattfinden sollte , einer Mehrheit war die Mathevorlesung wichtiger, deshalb räumten die Besetzer für diese Zeit den hörsaal.

    Die meisten Studenten streiken nicht, finden die Sache aber grundsätzlich gut. Der zweitgrößte teil meint zu dieser Sache es sei ihm egal. Danach kommen die aktiven Bildungsstreikstudenten und dann erst die Studenten die dem Protest negativ gegenüberstehen.

    Was hat der Protest bewirkt? Eine ganze Menge. Bafög soll nun doch erhöht werden. (was ja logisch ist, die Lebensunterhaltungskosten werden auch immer teurer) Anfangs wurde beschlossen man erhöhe das bafög nicht.
    Nun sind sich aufeinmal viele politiker in Sachen Bachelor einig, dass da etwas falsch gelaufen ist. Vor einem halben Jahr war das nicht so. Meinungswandel fing vorallem nach der ersten großen Aktionswoche des Bildungssteik an bei der über 100.000 Studneten in ganz Deutschalnd demonstrieren. Damit war eine rießige Medienpräsenz geschaffen.

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