Klima als Selektionsfaktor


Prof. Dr. Reinhold Leinfelder, Foto: MfN (Museum für Naturkunde, Berlin)

Kurzinterview auf klima-sucht-schutz.de

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe, in seinen aktuellen Forschungen beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Riffen, Umweltveränderungen und neuen Methoden des Wissenstransfers. Seit 2006 steht er dem Museum für Naturkunde in Berlin als Generaldirektor vor. Er ist Vorsitzender des Konsortiums „Deutsche Naturwissenschaftliche Forschungssammlungen“, Gründungsmitglied des Geo-Bio-Zentrums an der Universität München sowie Korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Seit 2008 gehört er dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) an.

1. Welcher Aspekt des Klimawandels wird bei der öffentlichen Diskussion in
Deutschland bisher vernachlässigt?

Noch sehr wenig öffentlich berücksichtigt ist die enge Verbindung zwischen Biosphäre und Klima. So verschieben sich Ökosysteme bei Klimaerwärmung nicht einfach weiter polwärts oder in größere Höhen, sondern es kann zu einem kompletten Umbau kommen. Des Weiteren werden kumulative Effekte und „Kippelement-Reaktionen“ zunehmen. Dies bedeutet, dass bei Erreichen eines bestimmten klimatischen Schwellenpunkts ganze Kaskaden von irreversiblen  und sehr raschen Änderungen auftreten können – der berühmte letzte Tropfen bring das Fass zum Überlaufen.  Ein Beispiel sei genannt: Gesunde Korallenriffe vertragen ohne weiteres eine vorübergehende Überhitzung des Wassers, sie werden zwar geschädigt, aber erholen sich davon. Andere, die bereits an Übersäuerung – auch ein Klimaeffekt –, Überdüngung oder Überfischung leiden, können beim selben kleinen Überhitzungsereignis komplett kollabieren. Auch gesunde Riffe können kollabieren, wenn die Überhitzungsereignisse einfach zu oft auftreten und die Regenerationszeiten dazwischen zu kurz werden. Die umfassenden Ökosystemgüter und -dienstleistungen der Korallenriffe für die Menschen sind natürlich davon betroffen – neuere Arbeiten gehen von einem ökonomischen Nutzen der Korallenriffe von ca. 270 Milliarden Euro pro Jahr aus.  Umso wichtiger ist es, jetzt endlich zu einer umfassenden Reduktion des anthropogenen CO2 zu kommen, um das 2 °C-Ziel einzuhalten.

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