Kreationismus auf dem Vormarsch


Christoph Lammers
Christoph Lammers ©Brightsblog

Hintergrund. Darwins Gegner machen mobil

Von Christoph Lammersjw

Heute, 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Charles Darwins (r)evolutionärem Hauptwerk »On the Origin of Species« (»Über den Ursprung der Arten«), steht die Evolutionstheorie, trotz aller wissenschaftlicher Belege, immer noch unter Beschuß. Eine wachsende Zahl bibeltreuer Christen sieht sich dazu berufen, einen heiligen Krieg gegen die Vertreter des rational begründeten Weltbildes der Naturwissenschaften zu führen. Lange Zeit galt die Sorge vor einer Rückkehr irrationaler Erklärungsmuster als unbegründet. Inzwischen wächst jedoch die Zahl derer, die sich als Verlierer der Modernisierung sehen und die auf die wachsende Komplexität der Gesellschaft mit Zuwendung zu irrationalen und religiös-fundamentalistischen Ideologien reagieren. Daraus resultierend hat sich der Kreationismus, gemein der Schöpfungsglaube, als derzeit stärkster Widerpart zur wissenschaftlich fundierten Evolu­tionsbiologie in Europa breitgemacht. Die Gefahr, daß wir in ein neues Zeitalter der Gegenaufklärung eintreten, ist nicht von der Hand zu weisen.

Über die Biologie hinaus

Mit Fug und Recht kann man sagen, daß die Evolution1 die Grundlage und der wichtigste Baustein der modernen Biologie ist. Ohne sie ist Biologie nicht denkbar, oder wie es der Evolutionsbiologe Theodosius Dobzhansky (1900–1975) formulierte: »Nothing in biology makes sense, except in the light of evolution« (Nichts in der Biologie macht Sinn, außer im Licht der Evolution). Als Basis aller biologischen Prozesse ist sie somit der Schlüssel zum besseren Verständnis des Lebens.

Mittlerweile reicht der Erklärungsgehalt der Evolutionstheorie über die Biologie hinaus. Es gibt kaum noch einen Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, der nicht von ihr beeinflußt wird. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich kulturelle, soziale, politische oder ökonomische Systeme entwickeln (siehe hierzu auch den zweiteiligen Beitrag von Hanns-Werner Heister, jW-Thema vom 24. und 28.12.). Es wird gefragt, welchen Nutzen bestimmte Phänomene für ihren Träger haben. Hierzu zählen Moral und Kultur ebenso wie die Religion und der freie Wille des Menschen. Somit hat sich die Evolutionstheorie in den letzten 150 Jahren von einer speziellen naturwissenschaftlichen zur universellen (historischen) wissenschaftlichen Theorie entwickelt, in der Phänomene in eine kohärente Entwicklungsdynamik einbezogen werden – von der Lebensentstehung bis zur kulturellen und geistigen Entwicklung des Menschen und seiner nächsten Verwandten.

Damit ist sie zugleich weltanschaulich rationales Moment der aufgeklärten Gesellschaft.2 Darwin verabschiedet sich nämlich sowohl von der Vorstellung einer (zielgerichteten) Höherentwicklung des (menschlichen) Lebens wie von der irrationalen Ideologie eines Leben schaffenden Gottes. Somit ist die Evolutionstheorie nach der Durchsetzung des heliozentrischen Weltbildes (Kopernikus, Galilei) und der Entdeckung des Unbewußten (Freud) die stärkste und nachhaltigste der drei Kränkungen, die der Mensch im Laufe seiner Geschichte erfahren hat. Diese Entwicklung hat in der Gesellschaft sichtbare Spuren hinterlassen, die sich bis zu Darwin zurückverfolgen lassen.

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