Neue Fronten gegen den Bachelor


Die Stimmung in der Wagenburg der Bachelor-Befürworter wird immer bedrückter. Außer der Kultusministerkonferenz (KMK) und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) finden sich in der deutschen Bildungspolitikszene fast keine Fürsprecher mehr für den Systemwechsel zum sechssemestrigen Bachelor. Nun hat auch der Vorsitzende des einflussreichen „TU9“-Verbunds der Technischen Universitäten, Ernst Schmachtenberg, die Rückkehr zum alten Diplom-Ingenieur-Abschluss eingefordert.

Rätselhaft (CC-by-nc-sa/3.0 by Luc Viatour)
Sesame, öffne dich! (CC-by-nc-sa/3.0 by Luc Viatour)

Mit sichtlicher Nervosität forderte daraufhin der niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (cdu) die TU9-Universitäten auf, die Beschlüsse der KMK hochzuhalten und in den technischen, natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereichen vermehrt Bachelorstudiengänge anzubieten.

Das hessische Ministerium für Wissenschaft zeigte sich gegenüber der taz besorgt, es dürfe auf gar keinen Fall „zu einer Konkurrenz zwischen Master und Diplom kommen“.

Zu den Belagerern der Wagenburg der „Bolognisten“ gehört der Hochschulverband, die Interessenvertretung von 23.000 Hochschullehrern und Professoren, die Bildungsgewerkschaft GEW sowie eine Mehrheit der Bachelor-geschädigten Studierenden.

Am „Bildungsstreik“ der studentischen Aktivisten nahm allerdings nur eine Minderheit teil, weil Hörsaal-Besetzungen vielen nicht als tolle Aktionsform einleuchtete. Dennoch ist in der Bevölkerung wohl immerhin der Eindruck angekommen, dass der Bachelor extrem unpopulär ist und als zukunftsuntauglich eingeschätzt wird.

Nun müssten andere Aktionsformen weiteren Druck aufbauen. Da die herdentriebsgesteuerte Mehrheit der Landes- und Bundesparlamentarier zu Wahlzeiten jedem alles versprechen aber bei wichtigen Abstimmungen „kneifen“, um ihre nächste Kandidaten-Aufstellung als Abgeordenete nicht zu gefährden, muss man sie „über die Bande“ in die Enge treiben. „Überzeugen“ kann man routinierte Opportunisten ohnehin in den seltensten Fällen.

Eine bisher meines Wissens nicht ausprobierte aber durchaus erfolgsversprechende Taktik wäre, aus den Reihen der vielen IHK-zwangsverpflichteten kleinen Unternehmer möglichst zahlreiche Sympathisanten zu gewinnen. Diese würden dann nicht nur vereinzelt und nicht nur auf öffentlichen IHK-Veranstaltungen das Wort ergreifen und Statements gegen die untauglichen Bachelors abgeben. Ihre zahlenden Mitglieder werden die IHKs nicht „rausschmeißen“ können.

Die lokalen Journalisten würden sich die Finger danach lecken, bei ihren oft langweiligen Reports über IHK-Veranstaltungen öfter von kleinen Tumulten und Meinungskonflikten berichten zu können. Das steigert den Nachrichtenwert und die Auflage. Falls die Chefredakteure auf Anweisung von „oben“ eine Nachrichtenunterdrückung versuchten, gäbe es sicher einen mehr als mittleren Skandal. Denn flächendeckende Meinungskämpfe lassen sich nicht so leicht ersticken, es sickert immer einiges durch. Dafür ist es zu medien-attraktiv.

Bildungsdemo '09 (CC-by-nc-sa/3.0 von Kuro Sawai)
Bildungsdemo '09 (CC-by-nc-sa/3.0 von Kuro Sawai)

Noch toller wäre gewiss, wenn auch vermehrt studierende Töchter und Söhne von Mittelständlern ihre Väter rumkriegten, in all den Gremien und Vereinen, wo sie Sitz und Stimme haben, Anti-Bachelor-Stellungsnahmen laut werden zu lassen. Selbst unter cdu-Mitgliedern gibt es genug kluge und querdenkerische Individuen, die sich ein Vergnügen daraus machen könnten, in dieser Frage „querzuschießen“. Schließlich geht es um die Zukunft ihrer Kinder.

Wenn aus dieser für die Partei-Politnasen unerwarteten Seite reichlich Zunder gesteckt würde, dann könnte nicht nur in den Medien sondern auch in den Parteien sehr viel mehr als bislang schon in Bewegung geraten. Die vielbeschworene Zivilgesellschaft hätte an dieser Front eine richtig gute Chance, diesmal gegen die neoliberalen Ideologen und Lobbyisten zu gewinnen.

Die „Lufthoheit“ in der öffentlichen Meinung ließe sich bestimmt erobern, denn die Tendenzen sind jetzt schon günstig, die Abstimmungen in den Länder-Parlamenten mittelfristig aber eben auch.

Der beschriebene Vorschlag zielt darauf, einen neuen „Volkssport“ anzustoßen, etwa so wie der massenhafte Boykott der Shell-Tankstellen damals den Konzern zum Einlenken in der Ölplattform-Verschrottungs-Sache bewegte. Wer diesen Weg für nicht gangbar und erfolgsversprechend hält, muss sich selber Besseres ausdenken. Viele Wege führen an „Rom“ – einem weitgehend privatisierten, durchkommerzialisierten Bildungssystem – vorbei!

Quellen:

    Profs wollen Diplom zurück und zugehöriger pfeffriger Kommentar (taz vom 9. Jan. 2010)

    GEW kritisiert Bologna-Reform – “Der Bachelor ist wertlos“ (Süddeutsche Zeitung vom 10 Sept. 2009)

    Vergleich zwischen Bachelor und Diplom (HRK vom 10. Apr. 2007)

    Kritik am Bachelor-Studiengang: Studiert heißt nicht qualifiziert … (taz vom 2. Feb. 2009)

4 Comments

  1. Pingback: Red Star
  2. Wieso sollte man erwarten, dass gerade die kleinen Unternehmen (Thema IHK) gegen den Bachelor vorgehen und sich für das Diplom (hier wohl im allg. Dipl.-Ing. und Dipl.-Kaufmann) stark machen ???? Das geht an der Realität vorbei.
    Gerade in diesen Unternehmen arbeiten ja bisher in der Hauptsache Ingenieure mit FH-Abschluß. Warum sollte man sich dort Gedanken darüber machen, ob es besser wäre, wenn jemand noch ein paar Jährchen Studium dranhängt. Kann derjenige/diejenige ja gern machen, interessiert aber in der Regel die Firma doch nicht. Und warum sollten FH-Ingenieure den Bachelor schlecht reden? Zumal wir doch aus der Praxis wissen, dass es gute und schlechte Ausbildungen bei allen Studiengängen gibt und geben wird.
    Da reden wir noch nicht mal von guten und schlechten Abschlüssen ….. Da ist alles andere doch nur noch Detail!!
    Im übrigen kann sich ja jeder, der sich für fähig und interessiert genug hält, noch den Master dranhängen. Ich glaube nicht, dass man für die Bachelor-/Mastergänge neue Inhalte gegenüber dem Diplom erfunden hat.

    Im Technik- und BWL-Bereich erscheint mir das alles als Spiegelfechterei. In den Geisteswissenschaften mag das anders sein.

    Bezüglich kritischer Abschlüsse sehe ich ein ganz anderes und m.E. größeres Problem: In einigen Bundesländern lockt man nun junge Menschen mit der Aussicht, ganz ganz ganz schnell zu einem „Titel“ (wie sich das manche vorstellen) zu kommen. An sogenannten Berufs“akademien“ kann man einen Turbo-Ing. machen. (Turbo ist hier zwar nicht der richtige technische Vergleich, aber umgangsprachlich wohl verständlich). Drei Jahre aufgeteilt in anderthalb Jahre Studium + anderthalb Jahre sog. Praktikum in einer Firma. Absolviert in Intervallen von z.B. jeweils 12 Wochen. Theoretisch dürfen nur „zertifizierte“ Firmen diese Praktikumsplätze bieten. Wie wissen alle, dass so etwas heute nichts mehr bedeutet.
    Dieser Abschluß heißt dann Dipl.-Ing (BA). Aus eigener Erfahrung mit jungen Absolventen kann ich bestätigen, dass dieser Abschluß ein viel größeres Problem ist, als die dagegen kleinlich erscheinenden Probleme mit den o.g. Bachelorabschlüssen. Manche merken erst im Job, dass man für Wissen-Erlangen wohl auch Zeit braucht. Nur der Abschlußtitel bewahrt einen nicht vor dem Scheitern.
    Stelle ich Absolventen ein, gibt es für mich drei Akzeptanzen:
    – Dipl.-Ing. (Uni/Hochschule; Hochschule im früheren Sinne) und Master Ing.
    – FH-Ing. bzw. Bachelor (egal, ob Uni oder Hochschule; Hochschulen im alten und im neuen Sinne)
    – BA-Ing. Wobei ich diesen in der Funktion als Techniker einsetze.

    Grundsätzlich schaue ich dabei auch auf die Vorbildung: Schulabitur oder Berufsausbildung+Fachabitur oder Schulabitur+Berufsausbildung.

    P.S.
    Früher war das Diplom mal der erste akdemische Grad. Mittlerweile wird dieses Wort so inflationär gebraucht(siehe BA und z.B. auch Wellness-Berufe u.ä.), dass schon aus diesem Grund – eigentlich notgedrungen – zumindest die Bezeichnung Diplom-Ing. verschwinden muß. Man kann ja nicht immer nach dem „In-Klammern“ fragen 😉
    Dagegen sind Bachelor-Ing. und Master-Ing. klare Ansagen.
    Dipl-Ing. werden sich in Zukuft die Ing. von den Berufsakademien nennen, weil es für diese Ausbildung noch keine neue Sprachregelung gibt.

    Gefällt mir

    1. @karl
      Ich danke für deine ausführliche argumentative Stellungsnahme. Tja, warum sollten gerade kleine Unternehmer bereit sein, sich in dieser Frage zu Wort zu melden? Ich denke da nicht verengt in der sowieso umstrittenen, ja widerlegten Modellvorstellung vom „homo oeconomicus“. Viele Leute haben auch andere handfeste Motive als nur unmittelbare ökonomische. Und zum zahlungspflichtigen Zwangsmitglied wird jeder kleine Gewerbetreibende, auch wenn er in seinem Erwerbsfeld z.B. als selbständiger kleiner Transporteur oder Ladner von der Mitgliedschaft nichts hat als Beitrags-Kosten und Bürokratie-Erlebnisse. Da ergibt sich hier mal eine Möglichkeit, etwas „heimzuzahlen“. Nicht wenige haben auch Kinder, die der Bachelor negativ betrifft, das ist ein noch überzeugenderes Motiv.

      „Im übrigen kann sich ja jeder, der sich für fähig und interessiert genug hält, noch den Master dranhängen.“

      Mit dieser Einschätzung irrst du m.E. gewaltig. Nur eine ziemlich kleine Minderheit von Bestbenoteten hat nach den gegenwärtigen Vorgaben die freie Wahl, den Master draufzusetzen. Was ist mit den vielen Anderen?

      „BA-Ing. Wobei ich diesen in der Funktion als Techniker einsetze.“

      Hm, toll, aber nicht gerade einleuchtend. „Techniker“ wird man bislang dadurch dass man viel Praxiserfahrung gesammelt hat und dann in der Technikerschule noch einiges an theoretischen Zusatzkenntnissen erwirbt. – Wieso nun ein sechsemestriger Bachelor-Absolvent konkurrenzfähig sein soll gegenüber einem echten Praktiker, dem bisherigen Techniker – das beantwortest Du überhaupt nicht schlüssig!

      Berufsakademien sind wenig überzeugende Angebote, die sch an die Kinder aus wohlhabenden Elternhäusern richten. Denn sie kosten mächtig „Knete“. Deine Ideen dazu finde ich nicht recht nachvollziehbar. Dass die den Dipl-Ing „erben, nee, bestimmt nicht.

      Gefällt mir

  3. Pingback: Kuro Sawai

Kommentare sind geschlossen.