Bildungsmangel – woher kommt's?


Die von mir als couragierte Intellektuelle geschätzte Schriftstellerin Juli Zeh hat die Misere der Bildung in Deutschland von allen Seiten scharfzüngig in den Blick genommen. Gut, dass dabei mal nicht nur die institutionellen Strukturmängel sondern gerade auch der selbstverbockte Anteil der Individuen aufgedeckt wird. „Wer keine Zeit hat, ein Buch zu lesen, während es für die tägliche Stunde Fitnesscenter reicht, der darf sich nicht über den Mangel an Bildung wundern.“

Farn knospend (CC-by-nc-sa/3.0 by Luc Viatour)
Farn, knospend (CC-by-nc-sa/3.0 by Luc Viatour)

Auch ich wunderte mich mehr als einmal darüber, dass ich von heutigen Studenten zu hören bekam, meine Postings wären inhaltlich lohnend, aber sie müssten da öfter mal nach unbekannten Vokabeln googeln.

Tja, woher bekommt man einen großen Wortschatz? Einzig vom vielen Lesen – unterschiedlichster Textsorten aus diversen Epochen – und Schreiben. Wer für beides keine Zeit hat, weil der Beruf oder das Bachelor-System keine „übrig“ lässt, der/die entwickelt nicht so leicht Liebe zur eigenen Sprache. Da bleibt die Bildung auf der Strecke.

Kabarettisten schildern gelegentlich, dass ihr Bühnenjob sich über die Jahre stark verändert habe. In der Breite des Publikum könnten sie zunehmend weniger Bildungs-Vorkenntnisse, die zum „Zünden“ ihrer Pointen als Basis nötig sind, abrufen und voraussetzen. Matthias Deutschmann oder Heinrich Pachl etwa haben sich in dieser Weise geäußert. Auch viele Schauspieler reden über verlorengegangene Wahrnehmungs-Bildung. Indizien.

Tja, den fulminanten  Essay von Juli Zeh zur Analyse der Misere findet man unter dem Titel „Selbstgewählte Dummheit“ auf „Die Welt online“ vom 19. Dezember 2009. Wer sich selber die im Titel gestellte Frage annähernd beantworten möchte, der kommt nicht drumherum, das zu lesen. Mein Posting ist nur ein Wegweiser dorthin.

Zeh beleuchtet hier mal nicht die Unterfinanzierung des Bildungsystems sondern die innere Abwendung der „bürgerlichen“ Zeitgenossen, die Bildung schlicht zu „unsexy“ finden. Lohnt sich dennoch inhaltlich wie stilistisch, ist ein prägnanter aber kein langer Text.

Das Thema bietet mehr als genug Stoff für so einige Diskussionen mit (bildungszugewandten) Freunden. Zehs Ansatz erfüllt Franz Kafkas wuchtige Forderung: „Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“

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