Kanadier: Basis des Natur-Verstehens im Grundschulalter


Aufgeschreckt durch einen Beitrag in der Zeitschrift Science. 2002 Mar 29;295(5564):2367.)“ haben kanadische Wissenschaftler die Online-Initiative „Phylomon Project“ gestartet.  Zugrunde lag die Beobachtung, dass normale Grundschulkinder 150 Pokemon-Figuren aber kein einziges Wildtier des eigenen Landes detailliert beschreiben konnten. Dieser fatalen Tendenz des Bildungsbasisverlusts wollte man etwas entgegensetzen.

Fatal ist das zeitgenössische Aufwachsen ganzer Generationen mit „blutleeren“ Trickfilmen. Weder über die konsumierten Medien und Spiele, noch über die oftmals überforderten Schulen und Eltern bekommt der Nachwuchs hinreichend Zugänge zu Natur-Verstehen. Das machte für die Zukunft Verständnis und Unterstützung für Umwelt- und Naturschutz eher illusorisch. Jenen Biologen, die nicht Biochemie und Molekularbiologie betreiben, sondern in Ökologie, Botanik oder Zoologie ihr Betätigungsfeld sehen, bräche damit die Basis weg.

Viele Schritte erzeugen einen Weg (CC-by-nc-sa/3.0 by Kuro Sawai)
Viele Schritte erzeugen einen Weg (CC-by-nc-sa/3.0 by Kuro Sawai)

Die Initiatoren vom ScienceBlog The Science Creative Quarterly, ansässig an der  University of British Columbia, Kanada, haben sich mangels Geldüberfluss einen simplen, aber effektiven Gegenentwurf zu den Pokemon-Kartensets ausgedacht.

Gestützt auf Vokunteers-Beiträge aus der Online-Community der Grafiker sollen attraktiv bebilderte Karten für sämtliche Wildtiere Nordamerikas erstellt werden. Diese werden mit echten biologischen Eigenschafts-Parametern versehen unter Open Source Lizenz den Lehrern und Kindergruppenleitern zur Verfügung gestellt. Zugegeben ein bescheidener, aber organisatorisch praktikabler Ansatz. Und um der Publicity willen wird es als Beitrag zum International Year of Biodiversity 2010 angegeben, obwohl viel früher entstanden.

Den Fragen nach der Evaluation und der möglicherweise zu geringen Konkurrenzfähigkeit gegenüber stark beworbenen kommerziellen Produkten (mit Suchtfaktor-Erzeugung) müssen sich die Macher allerdings dennoch stellen. Klar, der Pokemon-Mode-Spuk ist längst ebenso Vergangenheit wie die unsäglichen Tamagotschis. Aber der Ansatz, man müsse rechtzeitig bei den Grundschülern und zwar in voller Breite der Jahrgänge ansetzen, Besseres als TV-Trash anzubieten, das ist zweifellos wichtig und richtig.

Solche Projekte stehen und fallen mit dem Vorhandensein von „Bezugspersonen„, die sich der großen Gruppe der vernachlässigten, aus elterlicher Zeit-Not sich weitgehend selbst überlassenen Kindern widmen. Denn auch bisher schon gibt es Pfadfinder-Gruppen und zahlreiche Angebote für die Kinder von zahlungskräftigen Bessergestellten, aber verflixt wenig für die Kinder der Ärmeren.

In Europa gibt es mittlerweile ein sichtbares Bewusstsein (grüne Parteien, Bürgerinitiativen) und eher mehr praktische Umsetzungen als im mit seinen religiösen Obsessionen beschäftigten Nordamerika. Die verbreitete Waldkindergarten-Bewegung  sowie die seit Jahren etablierte Europäische Fledermaus-Nacht sollen als Beispiele, die für noch viele andere stehen, genügen.

Die in zahlreichen europäischen Ländern populäre „European Bat Night“ vereint in herausragender Weise natur-pädagogische Zielsetzung, Erlebnisorientierung der Kinder und große Attraktivität für Familien. Mit einem „Bat-Meter“ die nachts so schwer sichtbaren Flugtiere zu orten und ihnen nachspüren zu können, ist ein absolut nachhaltiges Natur-Erlebnis.

In meinem eigenen kommunalen Umfeld in der Stadt Marburg gibt es viel Gutes: diverse Waldkindergärten, Pfadfinder-Gruppen, mehrere Kinder-Kunst-Werkstatt-Angebote, sowie Ferien-Spielangebote. Toll ist ein jährlich stattfindende Woche namens „Flusskindergarten„. Bei dieser Kooperation von Kindergärten mit DLRG, kommunalem Fachdienst Kinderbetreuung und BUND wird für 30 Kinder jeweils ein Erlebnistag mit Flossfahren und Naturbeobachten auf der Lahn gestaltet.