Religionskritik selbst in den USA enttabuisiert


Der famose US-Philosoph Daniel C. Dennett („Breaking the Ban“) hat in der Washington Post vom 11. Jan. Erfolg gemeldet. Endlich trauten sich sogar in den obsessiv religiösen USA mehr und mehr Menschen, zu ihrer religionskritischen, „ungläubigen“ Lebenseinstellung öffentlich zu stehen und den irrationalistischen Heilslehren aller Art Paroli zu bieten. 

Auf die Journalistenfrage, ob man neuerdings einen aggressiven atheistischen Tonfall gegen US-Evangelikale wie Sarah Palin wahrnehme, sagte Dennett, das sei doch eine Täuschung. Denn es habe lediglich eine Normalisierung stattgefunden, wo man jahrzehntelang aus Selbstschutz mit Kritik sich zurückhalten musste und nicht an die Tabus rühren durfte.

„There is no media bias against Christianity. If it appears to some people that there is, it is probably because after decades of hyper-diplomacy and a generally accepted mutual understanding that religion was not to be criticized, we have finally begun breaking through that taboo and are beginning to see candid discussions of the varieties of religious folly in American life.“

Eine Gasse (CC-by-nc-sa/3.0 by Luc Viatour)
Eine Gasse (CC-by-nc-sa/3.0 by Luc Viatour)

Dennetts langjährige, systematische und höchst verdienstvolle wissenschaftliche Entzauberung der althergebrachten „Kritikverbote“ an christlichen Allgemeingültigkeits-Ansprüchen hat allmählich doch Früchte getragen. Es gebe ein größere Offenheit.

Durch Fanatismus und religiöse Verhetzung ausgelöste Gewalttaten müssten egal von welcher Glaubensgemeinschaft ausgehend als besonders verwerflich und eben nicht durch religiöse Überzeugungen „entschuldbar“ voll sanktioniert werden.

„When I was young, drunk drivers tended to be excused because, after all, they were drunk! Today, happily, we hold them doubly culpable for any misdeeds they commit while under the influence. I look forward to the day when violence done under the influence of religious passion is considered more dishonorable, more shameful, than crimes of avarice, and is punished accordingly.“

Nach einer Auswertung periodisch wiederholter repräsentativer Umfragen des US-Meinungsforschungs-Unternehmens Gallup verleirt das Bekenntnis zum christlichen Glauben langsam an Boden. Gefragt worden waren die US-Bürger nach der individuell selbst eingeschätzten Bedeutung der Religion im eigenen Leben. Alle fünf Jahre etwa nimmt die Anzahl der bekennenden Nichtreligiösen um fünf Prozent zu.

Das mag manchem ein sehr langsamer Prozess erscheinen. Denn noch haben die US-Christen aller Schattierungen von sympathisch liberal-weltoffen bis fanatisch und feindselig eine satte Mehrheit unter den US-Amerikanern. Doch wie sagte schon Max Planck über die historische Durchsetzung neuer wissenschaftlicher Sichtweisen: „Die Wahrheit triumphiert nie; ihre Gegner sterben nur aus.“

Quellen:

    Daniel C. Dennett: Religious no longer a protected class, (Washington Post vom 11. Jan. 2010)

    Im Gottesstaat USA scheint die Religion jetzt auch an Bedeutung zu verlieren (Telepolis k-news vom 27. Dez. 2009)

    aktuelle Gallup-Umfrage, Dezember 09 publiziert (engl. Original-Text der Gallup-Auswertung)

1 Comment

  1. Pingback: Kuro Sawai

Kommentare sind geschlossen.