Marburg zwischen Füllhorn und Tristesse


Marburg ist eine kulturell reiche kleine Universitätsstadt mit hoher Lebensqualität. Da es hier aber wenig Industrie, mittelgroße Unternehmen und Kaufkraft gibt, müssen die meisten Leute rasch nach dem Studium ihre Wahlheimat woanders hin verlegen. Leider gibt es auch außer dem hübschen kleinen Wahlerfolg der studentischen „Aktive Humanisten“-Gruppe – ein Sitz im Studierendenparlament – keine ausgeprägte, lebendige säkulare Szene. Warum nur? 

Drachen und Teufel in Marburg (CC-by-sa/3.0 by Sicherlich)

Dabei bietet doch die Marburger Kulturszene mehr als genug schöne, anregende Reibungsflächen. Der unten wiedergegebene Auszug aus der aktualisierten Termine-Seite dieses Blogs dokumentiert das zweifelsfrei.

Doch Nichtreligiöse/Brights/Agnostiker/Atheisten/Freigeister sind einfach sehr individualistisch ausgerichtet. Da findet sich nicht leicht etwas zusammen. Aber das macht auch nicht wirklich die Lebensqualität schmäler, dass es eben keine Gruppenzwänge gibt.

Die „religiöse Rechte“ in Gestalt von „missionarisch“ gepolten, strenggläubigen Glaubensgemeinschaften, Sekten und Freikirchen ist in der Stadt durch imposanten Immobilienbesitz und Aktivitäten präsent. Es gibt mit dem Unternehmen Francke eine DGD-Missions-Medienzentrale, mit dem Tabor-Seminar ein Missionars-Ausbilder-Zentrum, eine große Stadtmission und zusätzlich eine Studentenmission.

Doch als normaler Bewohner Marburgs ohne familiäre oder psychische Vorbelastung in diese Richtung bekommt man wenig davon mit. Nur dass das viele Menschen sind, sieht man, und offenkundig durch die großen, sichtbaren Immobilien sind etliche dieser Gemeinden reich oder doch sehr spendenfreudig zugunsten ihrer Repräsentanten.

Als Bedrohung spürt man sie, die im Wissen um ihren Status als grundsteuerbefreite große Minderheit eher zurückhaltend agieren, eigentlich nicht. In den USA muss man als Nicht-Christ da ganz anders um seine Gleichberechtigung und Anerkennung kämpfen. Daher sind auch „Brights“ dort ganz anders präsent.

Weil es außer bei Sonderveranstaltungen wie dem evangelikalen Psycho-Kongress am Himmelfahrtstag 2009 kaum je zu Konfrontationen kommt (aber wozu auch?), wird die Zahl und der Einfluss dieser „Strenggläubigen“ leicht unterschätzt. Eine tolerante Weltanschauung und entsprechende Lebenspraxis gegenüber Nicht- und Andersgläubigen sollte man bei den Menschen aus diesem Spektrum nicht ohne Weiteres voraussetzen. Wie überall gibt es „Solche“ und „Solche“.  Es gilt, wachsam zu sein und genau hinzugucken.

„Außerdem gab /gibt es noch folgende Veranstaltungen, die für unser Themenspektrum interessant sind und ggf. zu Verabredungen einladen:“

Sa. 16. Jan. 2010 Waggonhalle, Rudolf-Bultmann-Str. 2, ab 15 Uhr
Hare Krishna Fest“ mit Bhagavad-gita-Vortrag, Mantra Meditation u. veget. Essen
Hmm, wer steckt dahinter? Eher ein Kommerz-Event oder eine Missionars-Veranstaltung?

Mi. 20. Jan. 2010 Szenario im Auflauf, Steinweg 1, 20 Uhr
Sinasi Dikmen, türkischstämmiger Kabarettist mit s. Programm „Islam für Anfänger“

Fr. 22. Jan. 2010 G-Werk, Afföllerwiesen 3a , 21 Uhr (Café Trauma)
Interaktive Lesung mit den Autoren Frank Witzel, Klaus Walter u. Thomas Meinecke zum Oberthema „Die Bundesrepublik Deutschland“

Sa. 23. Jan. 2010 Alte Aula der Philipps-Universität, Lahntor 3, 9 Uhr
XII. Marburger Ökumenegespräch, Thema „Neuer Konfessionalismus – Eiszeit in der Ökumene?“ Vorträge von Dr. Margot Käßmann, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Speyer, sowie Matthias Drobinski von der Süddeutschen Zeitung. Diskussionen!

Do. 28. Jan. 2010 Waggonhalle, Rudolf-Bultmann-Str. 2, 20 Uhr
Autorenlesung/Endausscheidung des Schreibwettbewerbs FB09 (Germ. Lit.-Wiss)

Sa. 30. Jan. 2010 Stadtverordnetensitzungssaal, Barfüßerstr. 7, 10:30 Uhr
Öffentl. Tagung der Humanistischen Union (HU), Thema „Kurskorrektur hin zu Sozialen Grundrechten
Vorträge von Volkswirt Friedhelm Hengsbach, Verfassungsrechtler Peter Hauck-Scholz, Sozialrichter Udo Geiger, Staatsrechtler Prof. Martin Kutscha, HU-Bundesvorsitzende Prof. Rosemarie Will, und Diskussionen!

Di. 9. Feb. 2010 Waggonhalle, Rud.-Bultmann-Str. 2, 20 Uhr
Max Goldt („Kultautor“, Chefironiker): „Berichte aus der hellen alten Zeit“