Wie religiös ist die Linke schon?


Quelle: der Freitag

Von Alexander UlfigDer Freitag

Die Kritik, die von linker Seite am Christentum geübt wurde, wird gegenüber dem Islam kaum geäußert. Ein Beitrag nicht nur zum Zustand der Religionskritik

Die Linken standen früher an vorderster Front im Kampf gegen die Religion. Sie haben den modernen Atheismus erfunden und setzten sich auch politisch mit allem Nachdruck für die Beseitigung der Religion ein. Karl Marx schreibt am Anfang seines berühmten Buches Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“. Marx bestimmt Gott in Anlehnung an Feuerbach als ein Produkt des Menschen, genauer: ein Produkt der Projektion menschlicher Fähigkeiten und Wünsche. Die Religion ist für ihn Ideologie, falsches Bewusstsein. Sie lenkt als „Opium des Volks“ die Menschen von ihren eigentlichen Problemen ab. Mit ihrer Hilfe wird das Volk von der herrschenden Klasse unterdrückt. Ein Ziel des Kommunismus ist daher die Abschaffung der Religion.

Die Linken nach Marx folgten diesem radikal atheistischen und antireligiösen Standpunkt. Die orthodoxen Marxisten versuchten in den von ihnen errichteten kommunistischen Diktaturen, die Religion langfristig auszumerzen. Die Neomarxisten der 68er Bewegung bekämpften das Christentum und die katholische Kirche, indem sie die sexuelle Revolution in Gang setzten, sich für das Recht auf Abtreibung und gegen den Religionsunterricht aussprachen. Der Mensch sollte sich in einem Emanzipationsprozess von allem, was ihn behindert, also auch von religiösen Schranken, befreien. Die 68er Bewegung war eine antiautoritäre Bewegung. Sie lehnte jegliche Autorität, sei es familiärer, erzieherischer, staatlicher, intellektueller oder religiöser Art ab.

Wiederkehr des Religiösen

Ich kann mich daran erinnern, dass noch in den 80er Jahren, in meiner Studienzeit, die Mitglieder der Katholischen Studentengemeinde von linksgerichteten Studenten gar nicht ernst genommen, oft wegen ihres Glaubens ausgelacht wurden. Nebenbei bemerkt: Studenten aus dem islamischen Kulturkreis, die ich damals kennen gelernt habe, waren ausnahmslos links. Es waren Marxisten, Kommunisten und Sozialisten, die völlig areligiös waren. Sie kamen meist aus der Türkei, dem Iran und Palästina.

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4 Comments

  1. Och, ich denke, man hat halt erst mal vor seiner eigenen tür gekehrt.

    Die „eigene“ Religion war und ist halt das Christentum.
    Um zugewanderte Religionen kann man sich erst kümmern, wenn man davon was versteht.

    Oder aber, wenn man begriffen hat, daß alle Religionen sich verflixt ähneln.

    Also, mir persönlich ist völlig schnuppe, um WELCHE Religion es sich konkret handelt, ich sehe die übereinstimmenden Merkmale.
    Ich zähle mich aber nicht im eigentlichen Sinne zu „Links“, da ich eine Allergie gegen -ismen habe.

    alle diese -Ismen haben einen Pferdefuß, die Religionen aber haben dergleichen jeweils gleich mehrere.

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  2. Nun, die Diktaturen Osteuropas als „orthodox marxistisch“ zu beschreiben ist etwas gewagt – vielleicht eher „orthodox lenistisch“.

    Der „orthodox marx’sche“ Ansatz war eher der, dass Religion eine Reaktion des Einzeln auf seine miserablen Lebensumstaende sei, eben das Opium _DES_ Volkes (und nicht wie vielfach falsch zitiert „fuer das“). Fuer Marx selber war Religionskritik nicht so sehr Kritik an der Religion, diese hatte sich intellektuell fuer ihn schon selber erlegt, aber an den konkreten Umstaenden, die diese Religion erzeugen.

    Wenn wir dem marx’schen Ansatz folgen, dann muesste sich Religion bei einer Verbesserung der Lebensumstaende weiter Schichten des Volkes nahezu „von alleine erledigen“.

    Interessanterweise ist genau das in hochkapitalistischen Laendern mit entsprechender sozialer Absicherung zu beobachten, dass eben unsere Gesellschaften in West- und Nordeuropa immer sekularer werden.

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  3. Linke Politik bedeutet in erster Linie eine Politik der Veränderung, also ein Gegenpol zur rechten, also konventionellen Politik. Da in einer ansonsten christlichen Gesellschaft die „Gefahr einer Islamisierung“ gleichbedeutend ist mit „Chance für einen Umsturz der Konventionen“, ist diese durchaus willkommen. Es geht der Linken nicht um eine atheistische sondern um eine weniger christliche Gesellschaft.

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