Der virtuelle Nudelauflauf ist trefe


Ultraorthodoxe Juden beim Gebet, ©Associated Press
Ultraorthodoxe Juden beim Gebet, ©Associated Press

Kulturkampf ums Internet

Von Joseph CroitoruFAZ.NET

Das Internet war bei den Ultraorthodoxen, vor allem bei den aschkenasischen, in Israel lange Zeit tabu. Teufelszeug sei es, wetterten ihre Wortführer, eine Zone der Sünde und der Verderbnis. Als sich 2006 herumgesprochen hatte, dass junge strenggläubige Männer in Jerusalem ein säkulares Internet-Café im Stadtzentrum unweit von einem Wohnviertel der Haredim (Gottesfürchtigen) frequentierten, wurden sie von den eigenen Sittenwächtern nicht nur verwarnt, sondern auch heimlich fotografiert. Nachdem die Drohungen, man werde die Aufnahmen publik machen, nicht halfen, wurde das Lokal von Eiferern gestürmt und verwüstet.

Dem virtuellen Netz und seinen Vorteilen völlig verschließen wollten sich die Haredim allerdings auch nicht, zumal die Internetportale der großen israelischen Tageszeitungen religiöse Surfer zunehmend mit einschlägigen Nachrichten versorgten – zum Ärger der ultraorthodoxen Rabbiner, die keinerlei Kontrolle über den Inhalt hatten. Zähneknirschend mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass sich unter den netzfreundlichen Haredim eine virtuelle Subkultur etabliert hatte. In – wohlgemerkt streng reglementierten und überwachten – Chatforen wurde hier von Ultraorthodoxen zum erstenmal öffentlich Kritik an der Berichterstattung der eigenen Printpresse und deren Meinungsmonopol geübt. Ein Teil dieser rasch populär gewordenen Foren wurde vor einigen Jahren von einem säkularen israelischen Geschäftsmann aufgekauft, der sie zu dem Portal „Behadrei haredim“ (zu Deutsch etwa: unbeobachtet bei den Gottesfürchtigen) bündelte.

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2 Comments

  1. 😀 .

    Kugel ist bei den aschkenasischen Ultraorthodoxen ein Nudelauflauf mit Kultstatus.

    So fängt es an!
    Am Anfang war der Nudelauflauf. Dann strich man das zweite Wort weg und betonte das erste in Verbindung mit Fleischbällchen. Und wenn die Liebe zur Nudel sich „aufrichtig“ zeigt (Definition von Aufrichtigkeit ist von Nudelteller zu Nudelteller unterschiedlich!), dann beginnen die Nudel zu schweben und offenbaren ihre Nudligkeit an alle Mitesser!

    So sprach der Hammhamm, der Hohepriester der Nudligkeit. Pasta! 😉 .

    Aber mal im ernst, Ernst … es ist wunderbar, dass sich der Meinungsaustausch und die Informationsfähigkeit den Menschen dort neue Wege eröffnet. Und es ist wunderbar zuzusehen, wie die total(itäre) Machtkontrolle sich so offen zeigt 😉 :

    Vor einigen Wochen gingen sie zum Angriff über: Dreißig von ihnen schlossen sich zusammen und gaben über eine Annonce in drei ihrer einschlägigen Zeitungen bekannt, dass ihren Anhängern die Nutzung der ultraorthodoxen Nachrichtenportale ab sofort untersagt sei. Wie einst zu Zeiten des totalen Internet-Boykotts wurde auch jetzt wieder mit dem angeblich moralisch verderbenden Einfluss des Internets argumentiert.

    Nicht einmal ein Dampfwölkchen in der Sauna wert, diese „Argumentation“ 😛 . Die Freiheit im Internet kann jeder für sich erkunden. Sich darauf zu beziehen, dass man auf gewissen Seiten gelangen könnte, ist genausoklug wie das Gehen zu verbieten. Man könnte ja stolpern und sich verletzen! Und nicht nur das. Man kann sogar in ein Rotlichtbezirk gehen. Ergo… Gehverbot – parallel zum Internetverbot. Ende der Diskussion 😉 .

    Das die Meinungsfreiheit in Geistersekten faktisch nicht existiert, das ist kein Geheimnis. Da gebe ich den Mitgliedern den Rat, sich mit ROT13, oder besser, mit PGP und vertrauenswürdigen Signaturen zu verständigen. Solange, bis eines Tages ein intelligenter Sektengläubiger der oberen Gruppe sein Machtwort spricht und entweder den Strom verbietet und die Steinzeit einführt, oder bis er nachgibt und (ketzerische) Meinungen zulässt … selbst den JHWH sich bei den Texten verschlucken möge 🙂 .

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