Vortrag zur Santeria in Deutschland


Manche religiösen Phänomene sind fast so spannend und schlingpflanzenhaft wie selber Science Fiction/ Fantasy Romane zu schreiben. Die auf Kuba entstandene synkretistische Santeria-Religion ist so ein Fall. Obwohl sie von der vortragenden Ethnologin geschätzt in Deutschland bislang „nur“ auf 3000-3500 praktizierende Gläubige kommt, ist sie doch ein offenbar attraktives, stetig wachsendes Segment des Religionsangebots im Land. Ob das an der wachsenden deutschen Armut und Lebensunsicherheit liegt?

Dozentin Rossbach de Olmos (CC-by-nc-sa/3.0/de von Kuro Sawai)
Dozentin Rossbach de Olmos (eigene Aufnahme)

Im religionswissenschaftlichen Institut der Philipps-Universität Marburg finden monatlich einmal die „Religion am Mittwoch“-Vorträge statt. Wer über die Entwicklungen am Mem-„Psychomarkt“ auf dem Laufenden bleiben möchte, ist gut beraten, dort Augen und Ohren auf zu halten. Meistens referieren Hochschul-Dozenten über ihr Forschungsgebiet. So war es diesmal ein Phänomen aus Lateinamerika in der hiesigen Spielart. Nächsten Monat wird es der Daoismus aus Ostasien sein.

Die Feldforschung der Ethnologie-Dozentin, Dr. Lioba Rossbach de Olmos, begann laut eigener Aussage beinahe zufällig, da ihr Nachbar der afrikanischen Ethnie der Yoruba entstammt. Die kubanische Santeria wiederum hat Yoruba-Wurzeln und nutzt die Stammessprache als Sakralidiom. Santeras lernen daher diese Sprache. Bei Kulthandlungen, Riten und Initiationen ist es, so die Vortragende, äußerst wichtig für den religiös-magischen Erfolg der Prozedur was und wie gekonnt etwas gesagt wird.

Santeria ist eine Art Selbst-Lebenshilfe-Religion. Das will sagen, sie hat nichts mit Staat, Hierarchie und gesellschaftlich „von oben“ zu tun. Sie entsteht im privaten Wohnzimmer mit einem Hausaltar, nachdem ein Individuum das Mem bei einem Santero/einer Santera oder einem Kult-Fest aufgeschnappt hat. Die Ausbreitung dieser Individual-Religion basiert ganz und gar auf der Ansteckungs- und Überzeugungskraft von Individuuen, um sich herum eine Schar neuer Mem-Anhänger aufzubauen. Alles nach der Do It Yourself Leitidee wie bei der ursprüngliche Punk/New Wave-Bewegung gehabt.

Kult-Feste und Zeremonien gibt es nur, wenn ein Individuum die Organisation dafür leistet und sich dann Gleichgesinnte dazu einlädt. Verständlich dass es daher meist ein großstädtisches Phänomen ist. Die höchste Dichte an Santeros und ihren religiösen Veranstaltungen gibt es offenbar in Berlin. Teilnahme ist gewöhnlich nur auf persönliche Empfehlung hin möglich. Die wegen ihrer langjährigen Erfahrung am höchsten geschätzten Babalaos (Kult-Hohepriester) – zwei sehr freundlich wirkende alte Männer wurden im Foto gepowerpointet – verdienen ihren Lebensunterhalt z.B. als Musiker.

Santero beim Chango Orakel
Santero beim Chango Orakel (Gemeinfrei, von Lilmitrion 03-12-2009)

Um als Santero/a geweiht zu werden, also als Priester der Santeria anerkannt, muss ein aufwändiger Initiations-Ritus mit Tieropfer durchgeführt werden. Da das in Deutschland wegen der Tierschutzgesetze strafbar wäre, müssen die Initianten deswegen allesamt nach Kuba (oder nach Nigeria ins Yoruba-Stammland) reisen. Das behindert die Ausbreitung dieser neuen Religion ein wenig. Am empfänglichsten reagieren Künstler und Frauen auf die Attraktionen des Kultes. Das verwundert wenig, sind doch theatralische Elemente und Selbst-Inszenierung in deren Alltag wie auch im Kult zentrale Bestandteile.

Es gibt rund 40 allgemein anerkannte Orishas (Gottesgestalten), die ähnlich wie die antiken griechischen Götter sehr menschenähnliche Züge tragen. Das Individuum nimmt eine Kinderrolle gegenüber der symbolischen Elternrolle seines Orisha ein. Das Ganze ist nüchtern betrachtet ein Symbolspielhandeln, wo eigene Persönlichkeitszüge in einem fiktiven Interaktionspartner gespiegelt und verstärkt erlebbar werden. Der Orisha des „Blitzes“ Changó etwa verkörpert körperliche und kommunikative Kompetenz, wie sie ja so nützlich beim anderen Geschlecht und in der Gesellschaft einsetzbar ist. Seinen individuell zugeordneten Orisha bekommt man im Zuge einer selbst herbeigeführten „Patenkindschaft“ von einem Priester zugesprochen, ob es einem passt oder nicht. (Jedenfalls habe ich das so verstanden.)

Der anerkannte deutsche Literat Matthias Politycki hat vor geraumer Zeit einen Roman über Santeria-Erfahrungen veröffentlicht: „Herr der Hörner“. Die derzeit beste Darstellung der Neo-Religion bietet laut Rossbach de Olmos die in der deutschen Santeria-Szene als „Santera“ tätige und anerkannte Varuna Holzapfel: „Santeria, der Voodoo der Kubaner“.

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