Vom katholischen Horror


Von Alexander KisslerDie Tagespost

Ein Jahr ist es her, da sprach Martin Mosebach einen Satz aus, dessen Abgründigkeit sich in diesen Tagen erweist: „Der Katholizismus“, sagte er, „ist die unbekannteste Religion der Welt, speziell in Deutschland.“ Er kommentierte die damals hochschlagenden Wellen der Empörung wider den Papst im Zuge der „Affäre Williamson“. Benedikt XVI. hatte sich bekanntlich durchgerungen, vier Weihbischöfe der Bruderschaft St. Pius X. auf deren Bitten hin vom Makel der Exkommunikation zu befreien. Die säkulare Welt vergalt es ihm mit Gift und Galle, Katholiken maßregelten ihn. Der Papst habe die Grundregeln des zivilreligiösen Anstands verletzt. Mit „Ultratraditionalisten“ rede man nicht, einem Wirrkopf reiche man nicht die Hand. Kaum anders verhält es sich heute aus Anlass einiger Fälle sexuellen Missbrauchs, dessen sich deutsche Jesuiten in den siebziger und achtziger Jahren schuldig gemacht haben. Die beklagenswerten und schändlichen Einzelfälle liefern den Anlass, aus dem Souterrain des moralischen Empfindens die alten Bilder hervorzuholen.

Errichtet ist das Tremolo der Bilder und Worte auf einer stabilen Unkenntnis. Was sich auf den meisten anderen Feldern verböte, ist im Fall der Kirchenberichterstattung oft die Regel: Das Bescheidwissen ersetzt das Wissen. Die längst standardisierte Art und Weise, mit der Kirchenthemen bebildert werden, spricht Bände. Man greift zu den klassischen Insignien klerikaler Herrlichkeit, zeigt Kardinäle im Ornat, Priester mit bodenlanger Soutane und mit dem typischen weißen Kragen. Gewiss, all das gibt es anno 2010 tatsächlich, und die katholische Welt wäre nicht nur ästhetisch ärmer, gingen mehr Priester als ohnehin in Strickpullover und Wollsakko ihrem Tagewerk nach. Jedoch ist eine solche Ikonografie, wie sie etwa der in solchen Angelegenheiten ahnungslose, aber desto schneller urteilsbereite „Spiegel“ auftischt, nicht die Regel. Der Gedanke, dass bereits die Art der Kleidung ein geistliches Zeichen ist, das auf eine ganz bestimmte Theologie und nicht allgemein auf „das Klerikale“ deutet, ist vielen Meinungsmachern so fremd wie dem gemeinen Nordkoreaner die sächsische Schweiz.

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3 Comments

  1. http://pausenbroetchen.wordpress.com/2010/02/12/sexuell-mishandeltes-kind-packt-aus-als-erwachsener/

    hier übrigens ein Link zu einer Petition (dort verlinkt…)
    Der Betroffene versucht, die Verjährung kippen zu lassen.
    Leider ist es so, daß viele Betroffene es nicht schaffen, sich vor der Verjährung so zu stabilisieren, daß sie die Täter anzeigen können.
    auch aus psychologisch-fachlicher Sicht ist eine solche Verjährung unsinnig, eigentlich der pure Täterschutz, wie er vor 30, 40 Jahren noch rundherum gang und gäbe war.

    Die Petition zu zeichnen wäre also überlegenswert….
    im sinne künftigen Opferschutzes.

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  2. Ach.
    Sollte das alles nur Zufall sein, die negativen Schlagzeilen über Bestandsschutz von übergriffigen Priestern, Vertuschungen von Vaterschaften, heimholung der verlorenen Williamsbruder-Söhne und so weiter?

    Zufällige ERscheinungen, die keinerlei Verbindung zu einander haben?
    So unwägbar wie das Wetter auch?

    Aha, das wußte ich nicht.
    Das muß man mir mal genauer sagen…

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