Affaire Amerell: DFB peinlich getroffen


Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) macht derzeit wiedermal unschöne Schlagzeilen. Der Ex-Schiedsrichter-Sprecher Manfred Amerell zerrt gehäuft bislang Verheimlichtes, Sexuelles aus der Alltagspraxis ans grelle Licht der Klatsch- und Tratsch-Medien. Kein Grund sich als Zaungast zu freuen. Und doch verdient es *nachdenkliche* Beachtung.

Über das sexuelle und private Leben der in diese „Schiedsrichter-Affairen“ verwickelten Männer möchte ich gar nicht Details aufgetischt bekommen. Nichts davon berührt mein eigenes Leben oder geht mich was an. Medien, die mit derartigem „Stoff“ Quote schinden wollen, meide ich wie die Pest. Doch leider sind Verklemmtheit und Voyeurismus verbreiteter als mann sich wünschen wollte. Schmutzgeschichten über Schwule verkaufen sich rege.

Zwei Aspekte fallen mir bei dieser „Schmutzwäsche“-Affaire auf, weswegen ich dazu Stellung nehmen möchte. Der eine Gesichtspunkt ist die offenbar über alle Jahrzehnte seines Bestehens verkorkste Beziehung der Männer-Organisation DFB zu Homosexualität und Schwulen in den eigenen Reihen. Der andere Gesichtspunkt ist in meiner Sicht sogar noch düsterer: das unzureichend geklärte Verhältnis des DFB zu hierarchischer „Korruption“ (das beginnt und endet nicht bei Geldköfferchen und staatsanwaltlichen Definitionen) und Machtmissbrauch.

Wenn man die erst vor kurzem aufgearbeite „Einbettung“ des DFB zur Nazi-Zeit sowie die bis Ende der 1960er Jahre währende kleinkarierte Diskriminierung des Frauenfußballs anschaut, wundert die mangelnde Abgeklärtheit und Verdrängung des Themas „Schwule im Fußball-Vereinsleben“ nicht über die Maßen. Der DFB ist wie die breite Masse der Männer in ihm weder ausgeprägt intellektuell noch sonders für Aufklärungswillen bekannt.

Space Invaders - Extraterrestrier?
Space Invaders (CC-by/2.0 von Martin Haase)

Brisant daran ist nicht die Ignoranz der Individuen sondern die Gefährdung jener schwulen Männer, die in einer solchen unaufgeklärten „Meute“ geoutet werden. Mir ist aus den Diskussionen um den Tod des Nationaltorhüters Robert Enke gut im Gedächtnis, dass alle Arten von aufgedeckten persönlichen Schwächen zu grausamen Reden und Taten seitens Vereins-Kameraden und Fans führen können. Das passiert offen oder verdeckt allzu oft.

Neben Depressionen oder Suchtproblemen kann das auch durch sexuelle Orientierung ausgelöst werden. Das ist inakzeptabel, weil es Leben gefährdet. Vom DFB muss nicht nur in bezug auf Ausländer-Fangruppen, Fangewalt und internationale Spieler-Zugänge Integration geleistet werden. Auch der zukünftig entspanntere Blick auf die ~10% Schwulen in den eigenen Reihen muss Teil der Integrations- und Bildungsarbeit des DFB werden.

Weitaus schwieriger scheint mir die Aufarbeitung und Prävention des Machtmissbrauchs in den Organisationsgliederungen des DFB. Die Brisanz der vor willfährigen TV-Kameras stattfindenden „Affaire Amerell“ sehe ich vor allem in der Ausnutzung von qua Amt verliehener Macht für private Zwecke.

Das dies im vorliegenden Fall eine sexuelle, schwule Komponente hat, ist absolut nachrangig gegenüber der regelwidrigen Nutzung von „Schleichwegen zum Erfolg“. Der alternde, nur heimlich „bisexuelle“ (das hat er laut SZ vom 5. März öffentlich zugegeben, Schwulsein hingegen nicht) Manfred Amerell hatte geliehene „Macht“, die tauschte er bei jüngeren Kollegen gegen „Gunstbeweis“-Handlungen. Das konnte nicht lange „gutgehen“.

Ebenso wie Doping ein betrügerischer und selbstschädigender Schleichweg zum Erfolg ist, müssen auch Selbstbereicherungen auf Kosten des Vereins oder wie im vorliegenden Fall Sex-Tauschgeschäfte als regelwidrige Abwege geächtet und möglichst verhindert werden. Leicht gelingt das nicht. Hier ist viel Aufklärungs- und Bildungsarbeit im DFB nötig.

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