Gnosis und Christentum


Christoph Markschies versucht die Gnosis zu entzaubern. (Bild: Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Religionsmarketing statt esoterischen Geheimwissens

Von Kirsten DietrichDeutschlandradio Kultur

Ihre Blüte lag in den ersten Jahrhunderten nach Christus, doch auch heute noch werden die Texte der sogenannten Gnosis viel beachtet. Verheißen sie doch zumindest der Seele tröstliche Dinge: „Von Anfang an seid ihr unsterblich und seid Kinder des ewigen Lebens“, heißt es in den Valentin-Fragmenten. Esoteriker und Verschwörungstheoretiker zitieren sie und entdecken besonders gern geheime Evangelien und verborgene Weisheiten.

„Niemals habe ich irgendwie Leid erlitten noch wurde ich gequält“, sagt Jesus nach einer gnostischen Schrift, ein Gott könne schließlich nicht leiden – eine Provokation für das Christentum. Aber auch christliche Mystiker, die alte Wege der Spiritualität neu beschreiten wollen, berufen sich auf die Gnosis. Dabei ist immer noch umstritten, ob die gnostischen Texte unabhängig vom Christentum entstanden sind und welchen Stellenwert sie in ihrer Zeit wirklich hatten.

Das sogenannte „Evangelium des Judas“, das vor drei Jahren der Öffentlichkeit präsentiert wurde, war ein typischer Fall für den neuzeitlichen Umgang mit Schriften der Gnosis: Der Text entwerfe ein Gegenbild zur christlichen Passionsgeschichte, sei gar eine Negation der vier Evangelien. Die Geschichte des Christentums müsse neu geschrieben werden, so die Käufer des in Fachkreisen längst bekannten und nur zu Spekulationszwecken der Öffentlichkeit lange vorenthaltenen Textes.

Dabei zeige das Judasevangelium nur einen typisch antiken Umgang mit mythologischen Elementen, so Christoph Markschies. Es nehme eine Mythoskorrektur vor, wenn in ihm Judas von Jesus über Dinge belehrt werde, die „kein Mensch gesehen hat“. Wie überhaupt viele der als geheime Wissenschaft interpretierten Elemente gnostischer Texte in Wirklichkeit gängige Praxis antiker Rhetorik und Philosophie seien.

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Christoph Markschies: „Gnosis und Christentum“. Berlin University Press, Berlin 2009, 186 Seiten