Evolutionäres „Intelligent Design?“


Über „Intelligent Design“ hinaus?

Reinhard Junkers neues Buch: „Spuren Gottes in der Schöpfung?“

Von Hansjörg HemmingerAG Evolutionsbiologie

Vom langjährigen Geschäftsführer der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, Reinhard Junker, stammt das Buch „Spuren Gottes in der Schöpfung? Eine kritische Analyse von Design-Argumenten in der Biologie1. Der Inhalt ist insofern bemerkenswert, als Junker teilweise (er ist nicht ganz konsistent darin) das bei den Vertretern des „Intelligent Designs“ in den USA übliche Ausschluss-Argument zu überwinden versucht. Er erkennt, dass der Versuch nicht ausreicht, jede Entstehungsmöglichkeit für die Merkmale von Lebewesen durch Naturprozesse auszuschließen, so dass Design als Erklärung übrig bleibt 2. Abgesehen davon, dass dieses Verfahren theoretisch und praktisch misslingt 3, bliebe selbst im Fall des Gelingens eben nicht nur Design als Erklärung übrig. Ein argumentum ad ignorantiam ist daher prinzipiell unzulässig. 4

Um diese Schwierigkeit zu überwinden, führt R. Junker das Konzept des „spezifischen Designs“ (SD) ein, das er eventuell von Christoph Heilig übernommen hat 5. Dabei geht er von der Frage aus, ob es möglich sei, anhand von spezifischen Merkmalen eines Phänomens (eines Lebewesens) auf spezifische Handlungen bzw. Intentionen eines Designers zu schließen. Es liegt nahe, sich dabei auf menschenähnliches Design zu beschränken, weil wir über andere „Designer“ und ihre spezifischen Methoden und Absichten nichts wissen.

Allerdings macht das den Ansatz eventuell von vornherein bedeutungslos, denn sicherlich haben nicht Menschen die Lebewesen geschaffen, sondern sie entstanden aus der Sicht des Kreationismus jeweils für sich durch einen spezifischen Akt Gottes. D.h. „menschenähnliches“ Design würde, selbst wenn es erkennbar wäre, dem Kreationismus möglicherweise gar nichts nützen 6. Aber das sei dahingestellt. R. Junker beantwortet die Frage nach Design-Merkmalen bei Lebewesen jedenfalls bedingt positiv, aber dabei unterlaufen ihm methodische Fehler. Er übersieht (was C. Heilig zum Teil durchschaut, s.o.), dass die Plausibilität seiner Behauptung nicht nur von den Merkmalen der Lebewesen selbst abhängt und wie sie zu seinen Erwartungen passen („Es sieht aus wie von Menschen gemacht, deswegen ist es wahrscheinlich so ähnlich entstanden“). Das reicht nicht. Die Hypothese muss auch plausibel sein, indem sie zu dem passt, was wir ansonsten wissen, sie muss nachprüfbar sein, empirisch wohlbegründet usw.

Die Stromlinienform der Delphine, um ein Beispiel zu nennen, mag eine noch so große Ähnlichkeit zu menschlichen Booten und Flugzeugen haben – wenn kein wissenschaftlich prüfbarer Design-Prozess vorgeschlagen werden kann, mit dem im Eozän jemand oder etwas diese Form schuf, ist die Hypothese unhaltbar. Man muss zumindest ein Modell vorweisen können, um etwas über seine Plausibilität sagen zu können. D.h. der teleonomische (evolutionäre) Prozess ist nicht eigentlich plausibler als „spezifisches Design“. Vielmehr ist er der einzige, über dessen Plausibilität man überhaupt etwas aussagen kann. Und es ist sicherlich nicht unzulässig, diese Plausibilität nach allem, was wir wissen (und an Ähnlichkeiten zur Stromlinienform der Delphine in der Natur vorfinden) sehr hoch anzusetzen. Um die Problemstellung verständlich zu machen, zwei weitere Beispiele:

Beispiel 1: Unsere Vorfahren schrieben die „Hexenringe“ (Kreise von Pilz-Fruchtkörpern) tanzenden Hexen zu, in England waren es Elfen. Die Hexen (Elfen) tanzen im Ringelreihen, das „wissen“ wir aus den einschlägigen Geschichten. Die Pilze stehen im Ringelreihen, also besteht eine Ähnlichkeit und das „spezifische Design“ durch Hexen (Elfen) erscheint deshalb plausibel. Allerdings gehört diese Sicht der Dinge zu einem vorwissenschaftlichen Naturverständnis, das man gerade nicht zu einer naturwissenschaftlichen Erklärung machen darf. Wenn man – was die Naturwissenschaft tut – nach dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung fragt, belegt die Kreisform des Hexenrings ohne eine Untersuchung des Prozesses, durch den sie entsteht, nämlich nichts. Will man ihre Ursachen erklären, muss man versuchen, nachts die Elfen objektiv dingfest zu machen, und im Fall des vorhersehbaren Misslingens statt dessen Pilzkunde betreiben. Ebenso muss man in der Stammesgeschichte die Prozesse untersuchen, die Lebewesen und ihre Merkmale hervorbrachten. Ähnlichkeiten mit Produkten intelligenter Planung besagen gar nichts.

Beispiel 2: Wort und Wissen behauptet immer wieder (im Gegensatz zur Auffassung der phylogenetischen Systematik), dass die Welt der Lebewesen in gegeneinander abgrenzbare Grundtypen einteilbar sei (spezifische Symptomkonstellation), und glaubt Gründe dafür zu erkennen, dass der biblisch bezeugte Gott solche Grundtypen erschaffen habe (spezifische Eigenschaft des Designers). Ergo verleihe nach Auffassung von Wort und Wissen der Nachweis von Grundtypen der Existenz dieses spezifischen Designers eine gewisse Plausibilität. Das Argument stützt sich darauf, dass die Eigenschaft des „Produkts“ zu einer (biblisch bezeugten) Eigenschaft des Produzenten passt. Das soll einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang (Designer = Gott; Design = die Geschöpfe) plausibel machen. Allerdings scheitert die Argumentation von Wort und Wissen an denselben logischen Einsichten wie das „Hexenring-Beispiel“: Es existieren keine von der spezifischen Theologie des Kreationismus unabhängige Informationsquellen, mit denen man entnehmen könnte, dass der spezifische Designer tatsächlich Grundtypen hervorgebracht habe. Nach anderen theologischen Auffassungen trifft das gerade nicht zu; sie sehen vielmehr die Evolution als „Methode“ (um dieses unpassende Wort hier zu benutzen) der Schöpfung an.

Selbst wenn man also des Arguments wegen zugestehen würde, dass das Konzept der Grundtypen naturwissenschaftlich haltbar wäre, was es nicht ist, gäbe es keinen zweiten unabhängigen Befund (fachlich: Protokollsatz), mit dem man den ersten (hier: die biblisch bezeugte Eigenschaft des „Produzenten“) in Zusammenhang bringen bzw. empirisch plausibel machen könnte. Wissenschaftliche Plausibilität kann auf keinen Fall das Ergebnis eines solchen Arguments sein. Da es auch theologisch, also auf einer nicht-naturwissenschaftlichen Aussage-Ebene, keine Eindeutigkeit gibt, taugt SD nicht einmal als innerreligiöses Argument. Der Kreationismus betrachtet die Natur durch die Brille seiner Theologie, und findet nichts als seine eigene Theologie wieder.

In der Evolutionsbiologie  wird im Unterschied dazu die Plausibilität einer Hypothese durch einen einwandfreien (fachlich: hypothetisch-deduktiven) Schluss begründet. Wenn z. B. gesagt wird, die mosaikartigen Diskontinuitäten im Merkmalsgefüge der Organismen seien ein Ergebnis des Evolutionsprozesses, dann beruht diese Kausalerklärung nicht auf der bloßen, aus dem Ärmel geschüttelten Ad-hoc-Annahme, dass die Evolution eben keine Formenkontinua zulasse. Vielmehr gibt es einen weiteren, unabhängigen Befund (Protokollsatz) aus der Entwicklungsbiologie, der belegt, dass es in der individuellen Entwicklung der Lebewesen (Ontogenese) konstruktive Zwänge gibt, die immer nur ganz bestimmte Entwicklungswege erlauben, und nur bestimmte Merkmalskonstellationen des Lebewesens zulassen. Dieser Befund ist, wie gesagt, erst einmal unabhängig von der Evolutionstheorie selbst. Verknüpft man ihn jedoch mit den bekannten Mechanismen der Variation, Selektion und Vererbung, ergibt sich daraus die konkrete Folgerung, dass auch die Evolution kein Formenkontinuum hervorbringen kann, sondern dass die diskontinuierliche, mosaikartige Merkmalsverteilung zu erwarten ist, die man beobachtet. Damit wird, im Umkehrschluss, eine Vorhersage der Evolutionstheorie bestätigt. Umgekehrt würde, in Kenntnis der entwicklungsbiologischen Zwänge, ein Formkontinuum die Evolutionstheorie deutlich schwächen, wenn nicht widerlegen.

Im Falle vom „spezifischem Design“ ist diese Art der Plausibilitätsprüfung unmöglich, weil weder empirisch noch deduktiv etwas über die Mechanismen des postulierten Designers (ja, noch nicht einmal über den Designer selbst) bekannt oder in Erfahrung zu bringen ist. Ein „spezifisches Design“ kann (je nach Wahl der Ad-hoc-Annahmen) durch jeden nur erdenklichen Befund plausibel gemacht werden – und somit durch gar nichts. Es gibt auf der Aussageebene der Naturwissenschaft keine „typischen Kennzeichen eines Designers“, sofern sie nicht durch Kategorienverwechslung in das Argument eingeschmuggelt wurden.

Vermutlich gibt es die von R. Junker angenommenen „typischen Kennzeichen für Design“ nirgends – außer vielleicht bei einer bestimmten Klasse von menschlichen Erzeugnissen und Produkten. Diese weit reichende Behauptung im Einzelnen zu begründen, würde hier zu weit führen, deshalb nur ein Hinweis zum Schluss: Wenn wir ein komplexes Produkt vor uns haben, und wenn verschiedene mehrstufige, komplexe Prozesse denkbar sind, die dieses Produkt hervorgebracht haben könnten, ist es sehr schwierig, die Wahrscheinlichkeiten dieser unterschiedlichen Prozesse zu vergleichen. Sie lassen sich nur über die statistische Wahrscheinlichkeit der Einzelschritte und über eine Formalisierung ihrer kausalen Verknüpfung kalkulieren – was häufig unmöglich ist. Das Endprodukt selbst sagt in aller Regel nichts über die relative Wahrscheinlichkeit der denkbaren Produktionsprozesse aus. Eine Schneeflocke sieht zum Beispiel aus wie ein komplexes Designer-Kunstwerk. Wie wahrscheinlich ist es, dass es sich um ein Kunstprodukt handelt, und wie wahrscheinlich sind Naturprozesse? Wir halten uns mit Recht nicht bei dieser Frage auf, denn wir kennen den physikalisch-chemischen Prozess, der diese Form erzeugt und wissen deshalb jenseits aller Wahrscheinlichkeits-Behauptungen, dass die Ähnlichkeit mit menschlicher Kunst irreführend ist. Umgekehrt: Wenn wir nichts über diesen Prozesse wüssten, könnten wir die Frage nach dem Ursprung der kristallinen Form nicht über Wahrscheinlichkeitsrechnungen entscheiden – allen Ähnlichkeiten mit menschlichen Produkten zum Trotz.

Dennoch ist R. Junkers Buch ein Fortschritt. Die ehrlichere Fragestellung führt zu einem ehrlicheren Scheitern als bei den US-Vertretern des „intelligenten Designs“. Das ist ebenso anzuerkennen wie die unpolemische, vorsichtige Art seines Argumentierens.

Hansjörg Hemminger

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Fußnoten:

1 www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=si/bio/spurengottes.html

2 Dies ist der sog. „Sherlock-Holmes-Fehlschluss“. Der berühmte Meister-Detektiv sagte: „Wenn du alle Möglichkeiten außer einerletzten ausgeschlossen hast, so muss diese, wie unwahrscheinlich sie auch scheinen mag, die richtige sein“. Wie sich aber leicht zeigen lässt, ist die Wissenschaft nicht imstande, alle nur irgend möglichen Varianten von evolutiven Entstehungswegen zu erfassen. Daher ist ID schon von Ansatz her fehlschlüssig.

3 www.evolution-im-fadenkreuz.info

Neukamm, M. (Hg.): Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus, Göttingen 2009.

4 Dieser Fehlschluss ist mit dem Sherlock-Holmes-Fehlschluss verwandt: A. ingnorantiam bedeutet, aus Nicht-Wissen auf Unplausibilität oder Unmöglichkeit zu schließen.

5 evolution-schoepfung.blogspot.com/2010/02/normal-0-21-false-false-false-de-x-none.html

6 Dass menschliches Design ganz charakteristische Merkmalsverteilungen verursacht, die völlig anders gelagert sind als das, was wir in der Natur vorfinden, darauf hat z. B. Beyer hingewiesen in seinem Buchkapitel: Was ist Wahrheit? Oder wie Kreationisten Fakten wahrnehmen und wiedergeben (Abschnitt: 3.: ID und das Konzept des semi-intelligent Design ). In: „Kreationismus in Deutschland“, Lit-Verlag, Münster, 2007, ISBN 978-3-8258-9684-3)