„In God We Trust“ – Befreiung vom Vulgärkapitalismus


"Wir vertrauen auf Gott" steht als Wahlspruch auf der Ein-Dollar-Note: Religionen bieten ethische Grundsätze für wirtschaftliches Handeln. Quelle: ap

Die Religion als Ressource

Die Wirtschaft wird auch vom Glauben ihrer Akteure geprägt. Religionen sind, so zeigt es eine Tagung in Bonn, kein ökonomischer Störfaktor. Sie dienen vielmehr als Mittel zur Selbstdisziplin und Entlastung von einer allzu diesseitigen Fixierung auf Erfolg.

Von Frank WiebeHandelsblatt

Der Prophet Mohammed weigerte sich, das Totengebet zu sprechen, bevor die Familie eines Verstorbenen seine Schulden beglichen hatte. An diesem Beispiel machte Michael Saleh Gassner auf einer Tagung des Deutschen Netzwerks für Wirtschaftsethik deutlich, worum es beim Zinsverbot der Scharia, der islamischen Rechtslehre, geht. Kredite seien erlaubt, zum Beispiel in Form von Zahlungsaufschub, sagte Gassner, der als Berater im Bereich des „Islamic Banking“ arbeitet. Die Scharia wolle aber verhindern, dass Finanzgeschäfte losgelöst von der realen Wirtschaft getätigt und Schulden – wie in der aktuellen Krise – zu einer erdrückenden Last werden.

Auf der Bonner Tagung „Religion: Störfaktor und Ressource in der Wirtschaft“ wurde vor allem der positive Beitrag betont, den Religion leisten kann: als Mittel zur Selbstdisziplin, Quelle der Inspiration, Grundlage für kontrollierende Normen, aber auch als Entlastung von einer allzu diesseitigen Fixierung auf Erfolg. Dabei zeigte sich, dass die verschiedenen Religionen ähnliche Ziele verfolgen, aber sehr unterschiedliche Mittel haben. Der Islam setzt auf klare Regeln wie das Zinsverbot, steht aber ansonsten wirtschaftlichem Geschehen positiv gegenüber.

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2 Comments

  1. Nochmal nachgelegt – aus dem Artikel: „Sein Kollege Michael Schramm von der Uni Hohenheim formulierte das so: ‚Religiöses Bewusstsein befreit vom Vulgärkapitalismus, bei dem Geld alles ist.‘ Gleichzeitig ermögliche der Bezug zum Jenseits eine ‚höhere Selbstkontrolle und Selbstbindungsfähigkeit‘, …“

    Man koennte es sich leicht machen und Prof. Schramm fragen, warum dann seine Kirche in ihrem Mini-Staat eine eigene Bank betreibt und sich weigert deren Buecher, wie bei jeder anderen Bank, von Aufsichtsbehoeren kontrollieren zu lassen oder ihm empfehlen, doch mal sich von den Historikern die Verdienste des Papste Leo X. um die Entwicklung des Bankwesens erklaeren zu lassen.

    Man kann ihn aber auch z.B. auf die Philosophie des Epikur hinweisen, die ohne Jenseits eben ganz deutlich erklaert, dass Geld nicht alles sei und das ueber der Erfuellung gewisser Grundbeduerfnisse mehr Geld und Luxus nicht mehr Glueck bedeutet, sondern u.U. sogar das krasse Gegenteil.

    Man mag Epikur hier folgen oder auch nicht, aber als Prof. in einem geisteswissenschaftlichen Bereich, und dazu noch zu dem Thema in Bued steigend, sollte man ihn schon kennen und erwaehnen.

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  2. Aus dem Artikel: „Die Tagung, die durch ein großes Aufgebot an theologischer und philosophischer Kompetenz glänzte, …“

    Bei den Theologen mag das stimmen, aber Philosophen fehlten offensichtlich vollstaendig, sonst haette doch wenigtens einer den anderen Teilnehmern – wohl zu deren Ueberraschung – erklaeren koenne, dass es Moralsysteme ausserhalb von Religionen gibt. Der Stoizismus – als extremes Beispiel – ist zur Frage der Goetter und eines Lebens nach dem Tode agnostisch, stellt aber an seine Anhaenger extreme Moralanforderungen, die er aus der Vernunft herleitet, ein Begriff bei den Stoikern nahezu synomym fuer Gewissen und Moral verwendet wird.

    Das ein gewisser Kant in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ soetwas wie den Kategorischen Imperativ formulierte, und zwar ohne den „lieben Gott“ zu bemuehen, scheint den Teilnehmern auch entgangen zu sein.

    Die Philosophie des Konfuzius, die bei, aller Statik des Gesellschaftsmodels, von den Handelenden eine strikte Moral verlangen, und zwar um so staerker, desto maechtiger diese sind, scheint auch in diesen Kreisen vollkommen unbekannt zu sein, wohl weil Konfuzius auch ohne Goetter auskommt.

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