Wir vom Club der Atheisten


Er war Zögling einer Stiftsschule, daheim in der Schweiz. Später in Berlin geriet er unter die Revoluzzer. Der Schriftsteller Thomas Hürlimann erzählt, wie er heute über die katholische Kirche denkt

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Am Altar brannten die Kerzen gelbe Kleckse ins Dunkel, dann flammte in der Apsis die Rosette auf und legte über den eisigen Chorboden einen rötlichen Schimmer. Die schwarz bemalten Bänke bekamen einen narbigen Glanz. Engelsflügel und Marmorbeine wurden lebendig, Gold leuchtete auf, Perlen blinkten, grünblaue und rotgelbe Lichtflüsse stürzten aus gotischen Fenstern ins Innere, und das Kirchenschiff, ein Schiff aus Stein, legte ab. Es war der schönste Raum der Welt, denn hier kniete der Knabe neben seiner Mutter, die ein weißes Hütchen trug, wie eine Pillenschachtel, und die betenden Lippen hinter einem Schleierchen verbarg.

Die Mutter lehrte den Knaben reden und beten. Er glaubte ihr aufs Wort. Wenn sie sagte, auch die Kirche sei eine Mutter, erst noch eine heilige Mutter, war das keine unverständliche Behauptung, sondern eine Verheißung voller Geheimnisse und heiliger Worte: Kyrie eleison, Christe eleison, et cum spiritu tuo . Das Parfüm der heiligen Mutter, die Mixtur aus Weihrauch, heißem Kerzenwachs und blühenden Blumen, roch er sogar lieber als das Chanel der richtigen Mutter. Und wer trug in diesem Raum, der auch an einem Wintermorgen einen Sommerzauber entfaltete, die prächtigsten Gewänder? Nicht sie, die ihre Kostüme in Luzern kaufte, bei einer berühmten Modistin, sondern der Priester am Altar.

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