Die dogmatisierte Aufklärung


Problematische Anwesenheit: Burka-Trägerin

Von Patrick Bahners – FAZ.NET

Die französische Regierung will Frauen verbieten, ihren ganzen Körper zu verhüllen. Mit der Vorlage eines Regierungsentwurfs für ein Anti-Burka-Gesetz ist in den nächsten Tagen zu rechnen. In Belgien hat der Innenausschuss der Abgeordnetenkammer schon einen Gesetzentwurf angenommen, über den das Plenum Mitte des Monats entscheiden soll. Er sieht Geldbußen in Höhe von 15 bis 25 Euro oder eine Gefängnisstrafe von bis zu sieben Tagen vor für Personen, die sich maskiert im öffentlichen Raum zeigen. Die Partei des französischen Präsidenten Sarkozy fordert eine deutlich höhere Geldstrafe von 750 Euro.

Der Absicht hinter den Gesetzen ist die Sympathie des europäischen Publikums sicher. Es ist befremdend, einem Menschen zu begegnen, der umständliche Zurüstungen angestellt hat, um jeden Blickkontakt zu vermeiden. Der den Leib von Kopf bis Fuß ohne Öffnungen einhüllende Schleier wirkt wie ein wandelndes Zelt, dessen Bewohnerin den sozialen Raum nicht betreten will, in dem ihr zwangsläufig andere Menschen über den Weg laufen. Scham und Dezenz, moralische Gefühle, die eigentlich ohne besondere Begründung Respekt gebieten, scheinen hier gesteigert zur passiven Aggression der Unterstellung, die bloße Anwesenheit einer Person sei schon Schamlosigkeit.

Hölle der Indoktrination

Die Demokratie beruht auf dem Streit von Leuten, die einander ihre Meinung ins Gesicht sagen. Nun ist in einer modernen Republik niemand gezwungen, sich am politischen Kampf zu beteiligen. Aber die politische Auseinandersetzung wächst doch hervor aus einer alltäglichen Praxis der lebendigen Verständigung auf dem Marktplatz, wo man sich auch ohne Worte artikulieren kann, durch Gestik und Mimik, durch das Aufreißen oder Schließen der Augen. Insofern berief sich der französische Premierminister Fillon auf ein Prinzip der europäischen Zivilisation, als er im Januar sagte, die Praxis der Ganzkörperverschleierung verstoße gegen unser Verständnis des offenen sozialen Lebens.