Ein aufgeregtes Pontifikat


Benedikts XVI. Kirche steht im Generalverdacht der Falschheit und des Anachronismus. Kein leichter Job.

MICHAEL PRÜLLER (Die Presse)

Seit fünf Jahren ist Joseph Ratzinger Papst – ein Anlass, um Bilanz zu ziehen. Aber was ist die Richtschnur? Kämpferische Atheisten wie Richard Dawkins werden ihm sein Festhalten am gemeingefährlichen Glauben vorwerfen. Die römische Stadtverwaltung wird ihm zugutehalten, dass so viele Pilger kommen wie nie zuvor. Die moderne Gesellschaft nimmt ihm übel, dass er ihrer Lebensweise hartnäckig seinen Sanktus vorenthält, der konservative Katholik dankt ihm dafür, dass er nichts verwässert hat. In manchen Weltgegenden hat die Zahl der Priester und Gläubigen zugenommen, in manchen ab – ob das nun gut oder schlecht ist, und wie viel der Papst damit zu tun hat, ist dem Betrachter überlassen.

Was die Erfolgskategorie „Beliebtheitswerte“ betrifft, so hat der Papst zwar hierzulande zuletzt an Zustimmung verloren, steht aber immer noch dort, wo auch Johannes Paul II. während weiter Strecken seines Pontifikats war. Dieser hat ja erst ab 2003 als Todkranker breite Zuneigung in Europa und Nordamerika erworben. (Anderswo war und ist die Popularitätskrise des Papsttums ohnehin nicht so ausgeprägt.)

Und dass der Papst sein Jubiläum im Ausklang der Missbrauchsaffären feiern muss, wirkt vielleicht ungerecht, ist aber ziemlich typisch: Da gibt es einen atemlosen Journalismus, der nicht besseres Verstehen, sondern „Aufreger“ produzieren möchte und auf jeden Fauxpas lauert – und einen Papst und seine Umgebung, die bis heute keinen rechten Umgang damit gefunden haben. Da gibt es einen Papst, der endlich erste Eingriffe in die Zentralverwaltung der Kirche gesetzt hat und auch in den Missbrauchsfällen der Vertuschungskultur weit mehr entgegengetreten ist als sein Vorgänger. Aber diese Fortschritte sind klein und langsam: Schlendrian, Koordinationsmängel, das Fehlen einer Abteilung für Krisenkommunikation, anhaltende Intransparenz der Finanzgebarung und der Disziplinargerichtsbarkeit existieren weiterhin – und verheißen noch viele saftige Enthüllungsgeschichten.

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3 Comments

  1. Ein fragwürdiges Pontifikat

    Erbringt eine Mannschaft kritikwürdige Leistungen, so wird nicht selten der Trainer zur Verantwortung gezogen. Die Schlagzeilen wegen misshandelnder Übergriffe seitens Kleriker auf Schutzbefohlene und nicht zuletzt die unglaublichen Vorwürfe gegen Bischof Mixa lenken den Blick der Öffentlichkeit auf den Chef des Klerus. Doch was wäre, wenn der der Oberhirte seine Schäfchen ohne Führerschein lenkt? Was kann man vom Papst erwarten, wenn selbst dessen Stellung – aus Gottessicht (!) – eine verwerfliche ist?

    Seien wir nicht entsetzt. Jesus selbst bezeichnet das päpstliche Wirken im Prinzip als Heuchlerei. Diesen Fakt kann sich jeder selbst erschließen:

    Jesus erwies sich als radikaler Prophet, als er laut Matthäus 5,17 im Auftrag Gottes dessen eigene alte Gesetzgebung „erfüllte“ (nicht im Sinne von „erledigen“ oder „ausführen“, sondern im Sinne von „erweitern“). Zum Beispiel forderte Jesus die Aufhebung des einseitigen Rechtes für den Ehemann, sich von seiner Ehefrau zu trennen und ihr die Scheidung mit einem Scheidebrief zu quittieren (5. Mose 24,1). Gott ließ über Jesus schon vor 2000 Jahren Verfügungen bekannt geben, die heute unseren demokratischen Leitbildvorstellungen von Freiheit und Gleichheit die Ehre reichen.

    Auch in der Angelegenheit des Betens verlangte Gott über Jesus eine radikale Änderung. Fortan sollte der direkte Draht zwischen jedem einzelnen Gläubigen und Gott in Form eines einfachen Gebetes und ohne Mittelsmänner gelten:

    „Du aber, wenn du betest, so geh in deine Kammer und, nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.“ (Matthäus 6,6). Ansonsten handelt man

    „…wie die Heuchler, denn sie lieben es…zu beten, damit sie von den Menschen gesehen werden.“ (vergleiche Matthäus 6,5)

    Diese Gesetzeserweiterung ist eindeutig und wurde symbolhaft mit der Zerstörung des Tempelvorhanges während der Kreuzigung untermauert. Fortan sollte es keine exklusiven Gottesanbindungen mehr geben. Doch manche sind offenbar gleicher als gleich. Wie sonst ist es zu verstehen, dass es entgegen der eindeutigen göttlichen Verfügung einen besonderen und prächtigen „Stellvertreter Petrus auf Erden“ gibt. Jemanden, der es unzweifelhaft liebt, so zu beten, dass die Menschen ihn sehen (so z. B. zur Osterzeit in und vor dem Petersdom)? Der Begriff „Heiliger Vater“ und das vorgebliche Privileg zur Erteilung des weltweiten Segens unterstreichen nur die selbst kreierte Hirtenlizenz. Das ist ein klarer Verstoß im Sinne von Matthäus 6,5 f.

    Fazit: Der Vatikan selbst nährt den im Anlassartikel erwähnten „Generalverdacht der Falschheit“.

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  2. Ich denke, Prüller hat in seinem Artikel den Grund der Ablehnung aller Glaubensrede, die nun auch Benedikt XVI., der sich gegen den Relativismus stemmt, gut beschrieben. Der christliche Glaube ist unglaubwürdig geworden.

    Dem Glauben fehlt die philosophische Vernunftbegründung, auf die sich der Papst ständig beruft, dabei jedoch in reiner Dogmatik verharrt, da auch bei ihm am Anfang des christlichen Glaubens ein Wanderprediger stehen bleibt, nicht die griechische Weltvernunft nachgedacht wird, die heute von den Naturalisten nur auf bessere Weise erklärt wird.
    Gerhard

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