Gott weiß ich will kein Engel sein!


Von Volker GerhardtWelt Online

Lauter gefallene Engel

Robert Spaemanns gesammelte Reden und Aufsätze bezeugen: Er unterschätzt die Moderne, indem er die Bedeutung der Skepsis überschätzt

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieser Sammelband bietet eine fesselnde Lektüre. Vielfältig in den Themen, scharfsinnig in der Analyse, brillant in der Darstellung und prononciert in der leitenden Überzeugung behandeln die aus fünf Jahrzehnten stammenden Texte große Fragen der Philosophie. Das geschieht mit sicherem historischem Zugriff und in kaum zu überbietender systematischer Pointierung. So schreibt derzeit kein anderer Denker deutscher Sprache. Ob man ihm deshalb auch zustimmt, ist eine andere Frage.

Das von Klett-Cotta als erster Band gesammelter Reden und Aufsätze angekündigte Buch ist gut komponiert. Es beginnt mit einer einführenden Erläuterung des Anspruchs, „das Ganze zu denken“. Erst durch ihn kommt es zur Philosophie. Für den Autor ist er so unverzichtbar wie die Suche nach der Wahrheit, nach den ersten Gründen des Daseins sowie nach einem Begriff von Gott. Um Gott geht es im Sammelband allerdings nicht – sieht man von einer eher satirischen Antwort auf die Frage „Was ist eine gute Religion?“ und Betrachtungen über „Ritus“ und „Opfer“ ab.

Mit der Insistenz auf der unverminderten Aktualität der Metaphysik wird schon auf den ersten Seiten Einspruch gegen die Moderne erhoben. Die Postmoderne, die es zur Zeit der Abfassung einiger Beiträge noch gar nicht gab und an die man sich heute kaum noch erinnert, ist davon mit betroffen. Das dürfte das Buch zum Ärgernis für jeden machen, der an den Zeitgeist glaubt. Aber da der Zeitgeist sich für kritisch hält und derzeit nichts mehr zu schätzen vorgibt als Pluralität und Differenz, müsste er eigentlich auch hier auf seine Kosten kommen.

weiterlesen

2 Comments

  1. Robert Spemann mag ein scharfer Denker sein. Auch mich haben seine Bücher und Aufsätze schon zum Weiterdenken – gerade im Spannungsfeld von Schöpfung und Wissenschaft – angeregt.

    Doch wo man sich meist nur auf „alte Gerüchte“ beruft, statt die wissenschaftlich erklärte Welt, ihr Werden und Vernunftgefüge bzw. den naturalistisch erklärten Selbstorganisationsprozess als schöpferische Sprache zu denken, geht da nicht die Gefahr der gefallenen Gottesboten einher?

    Gerhard

    Gerhard

    Liken

Kommentare sind geschlossen.