Pseudo-Porno-Posse bei Wikimedia


Jimmy Wales, Wikipedia-Initiator
Jimmy Wales, Wikipedia-UnruheStifter (wikimedia commons)

Gerade war wieder Ruhe in die Wikipedia-Community eingekehrt, da sorgte ausgerechnet der Gründer Jimbo Wales letztes Wochenende für neue Turbulenzen. Als käme er aus einer ängstlichen, leibfeindlichen Kirchenchor-Ecke, betätigte sich der 43-jährige „Objektivist“ (Ayn Rand-Jünger) und Unternehmer als Lösch-Mäxchen an der KiPo-Feuerwehr-Front. Im Nacken saß ihm nicht Zensursula, sondern ausgerechnet FoxNews, die peinliche US-Nachrichtenagentur und aktuelle Dodo-Gewinner-Firma.

Nun aber erwiesen sich die Evidenz und Nachvollziehbarkeit seiner Hals-über-Kopf-Löschaktion als sehr umstritten.  Bei vielen regulären Wikipedia-Aktiven sorgte sein Alleingang für einige Verwirrung und sogar Empörung. Als immerhin lernbereiter Mensch überraschte Wales dann allerdings positiv damit, dass er ein paar seiner Sonder-Privilegien freiwillig abgab und sich bei den vor den Kopf gestoßenen Freiwilligen entschuldigte. Ein Teil der gelöschten Hunderten von Bildern wurde wiederhergestellt.

Die „Löschwut“ in der deutschen Wikipedia war und ist sprichwörtlich und unter Digital Natives zurecht verpönt. Mit dieser spezifisch deutschen Verdrehtheit hat der aktuelle Fall, der sich in der englischen Wikipedia-Sektion abspielte, ersteinmal nichts zu tun. Die unter US-Amerikanern wie Jimbo häufige Abneigung gegen explizit sexuelle Abbildungen ist mutmaßlich direkt zurückzuführen auf den übergroßen Einfluss der Kirchen in den USA.

Lawrence Mark "Larry" Sanger (born July 16, 1968)
Larry Sanger (Bild: Wkipedia_en)

Ursprünglicher Auslöser für den kleinen „Bildersturm“ Jimbos war eine tückische Denunziation der Wikipedia bzw. Wikimedia Commons durch den Ex-Mitbegründer Larry Sanger. Dieser hatte in seiner Anzeige bei den Behörden allen Ernstes behauptet, Wikipedia hoste seiner Ansicht nach kindererotomanes Bilder- und Grafik-Material. Gegenstand des Anstoßes waren offenbar historische Erotika-Fotografien sowie Lolicon-Zeichnungen, die Kinder-Charaktere in als erotisch misszuverstehenden Posen zeigen.

Jeder Insider weiß, dass es die ständige Sorge vieler Wikipedia-Mitarbeiter ist, alle auch nur möglicherweise illegalen Inhalte (Urheberrechtsverletzungen, etc.) herauszufiltern. Das FBI trat übrigens nicht in Aktion, was die Unbegründetheit dieser Vorwürfe zusätzlich unterstreicht. In einem offiziellen Statement der Wikimedia Foundation steht: „In den Wochen seit Sangers Beschuldigungen ist die Wikimedia Foundation weder vom FBI, noch von anderen Polizeibehörden kontaktiert worden“.

Stattdessen klemmte sich aber die US-Entsprechung des Axel-Springer-Konzerns in Gestalt von FoxNews dahinter, dieses quotenträchtige potenzielle Skandälchen für sich auszuschlachten. Erst diese Entwicklung löste bei Wales die von ihm als Skandalverhinderungsaktion verstandenen exzessiven Lösch-Aktivitäten aus. Rund 400 erotische Bilder aller Art fielen dieser Hauruck-Aktion zum Opfer, berichtete eine Meldung von heise-news.

Wales Verhalten war unvereinbar mit dem Grundgedanken Wikipedias, die Entscheidungsgewalt in die Hände der selbstorganisierten Community der Aktiven zu legen. Daher sammelten sich Wikipedianer in zwei „Meinungsbildern“, die seinen Alleingang mehrheitlich als regelwidrig anprangerten. Mit den Worten „I do not want to be a tyrant or dictator. I do not want us to fight about that kind of thing, as it’s really a distraction from our work.“, gab Wales schließlich dem Protest nach.

Eine Lese-Empfehlung und entsprechende Verlinkung  an dieser Stelle für das m. E. beste englischsprachige Blog-Posting zum selben Thema:

Jimbo Wales exiles ‚porn‘ from Wikiland

‚Spiritual Leader‘ in mass smut deletion

By Cade Metz in San Francisco
Posted in „Music and Media“, 9th May 2010 22:50 GMT

4 Comments

  1. Auch mir war z.B. der Begriff „Lolicon“ bis dato völlig unbekannt. Als völlig normalem heterosexuellem Erwachsenen fällt es mir ziemlich schwer, die seltsam verdrehte Faszination von ausgerechnet Kindersex-Darstellungen auf Päderasten zu verstehen, also was in diesen Leuten vor sich geht .

    Dennoch sollte man nicht voller Übereifer gleich alle Körperlichkeit, damit immer auch potenziell Erotik darstellende Grafiken und Fotos verbannen wollen. Da Sexualität nunmal eine Grundströmung in jedem Menschen ist, landete man bei jeder Form eifriger Unterdrückung und Unsichtbarmachung – wie sie bei Islam, Katholizismus und den meisten Fundi-Protestanten-Strömungen üblich ist – schnell bei Prüderie, Heuchelei, Ängsten und gelebter Unlebendigkeit.

    Klar müssen alle Formen von Kindesmissbrauch geächtet und unterbunden werden. In diesem Zusammenhang ist genauestes Hinsehen nötig.

    Leseempfehlung: Bettina Winsemanns aktueller Telepolis-Beitrag: „Honigtöpfe als Statistikfälscher“ – http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32590/1.html

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