Abschied vom Humanismus


Von Andreas DriesSciencegarden

In seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Essay Von Menschen und anderen Tieren verabschiedet John Gray mit großer Geste die Moderne, liebäugelt mit dem Taoismus und empfiehlt seinen Lesern Zoobesuche.

John Gray hat ein eigentümliches Buch geschrieben. Zu Beginn seiner glänzenden akademischen Karriere ein überzeugter Vertreter des Neoliberalismus, zerpflückt der emeritierte Professor für Europäische Ideengeschichte (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Autor eines trivialpsychologischen Longsellers) seit zwei Dekaden alles, was Marktgläubigen und Fortschrittsaposteln lieb ist. Auch sein jüngst auf Deutsch erschienener Essay Von Menschen und anderen Tieren macht da keine Ausnahme. Die streitbare Schrift fügt Grays literarischem Farewell der Moderne weitere kräftige Striche hinzu. Propagiert wird nicht weniger als der Abschied vom Humanismus, das heißt von der westlichen Utopie, die Welt werde am Wesen des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts genesen. Für Gray verbirgt sich dahinter kein überzeugendes Programm, sondern der säkularisierte Rest des Christentums: Die so unstillbare wie unerfüllbare menschliche Hoffnung auf Erlösung.

Vier Kardinalirrtümer habe das Christentum den Jüngern des Humanismus vererbt, meint Gray: Die anti-darwinistische Ansicht, der Mensch sei vom Tier unterschieden und, obwohl ein Zufallsprodukt der Evolution, mit freiem Willen begabt. Ferner die egozentrische Überzeugung, das Ziel des Lebens sei es, die Welt nach eigenen Maßstäben umzubauen, und schließlich der naive Glaube, Wissensfortschritt gehe Hand in Hand mit Menschheitsfortschritt. Gray, der ein zyklisches Geschichtsmodell vertritt, rechnet eher mit dem Gegenteil. Über kurz oder lang werde es „Homo rapiens“, dem raffenden Primaten, gelingen, seinen Heimatplaneten mit Hilfe der Technik in die Epoche des „Eremozoikums“ zu überführen – das Zeitalter der Arteneinsamkeit, in dem außer dem Menschen und seiner prothetischen Umwelt kaum noch etwas anderes existiert.

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1 Comment

  1. „…Denn sein Buch bietet alles, was man von einer brillanten Streitschrift erwartet: Souveränität, Ironie, tiefe Einsichten und funkelnde Aphorismen (..) Indem es diese und andere Fragen aufwirft, erfüllt Grays zorniges Buch trotz aller eklatanter Schwächen am Ende einen guten Zweck: moderne Selbstgewissheiten zu irritieren…“

    Sehr gut zusammengefasst – ein wirklich empfehlenswertes Buch. Wer allerdings seine Illusionen behalten will, sollte davon Abstand nehmen!

    SPON – Humanismus ist ein Aberglaube
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69277681.html

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