Die Korrumpierbarkeit des Vatikan


Marcial Maciel Degollado
Marcial Maciel Degollado

Der vom Vatikan nur schleppend – wenn überhaupt – aufgearbeitete Missbrauchsskandal bei der katholischen Elite-Organisation „Legionäre Christi“ gestattet tiefe Einblicke in die materielle Korrumpierbarkeit der Kleriker. Das sagt jedenfalls ein langer Hintergrundbericht in der renommierten New York Times (NYT) vom 2. Mai 2010.

Der damalige Kurienkardinal und Glaubenskongregationschef Josef Ratzinger hatte 1998 die beiden Priester-Anwärter, die die Missbrauchsfälle des „Legionäre Christi“-Chefs dem Vatikan vortrugen, selber akribisch befragt. Danach mussten sie miterleben, dass das kircheninterne Verfahren offenbar auf Anordnung Ratzingers viele Jahre lang nicht vom Flecke kam.

Erst 2006, also acht Jahre nach der Missbrauchs-Meldung entschloss sich der nunmalige Benedikt XVI den straffälligen Ordensleiter Marcial Maciel Degollado des Priesteramts zu entkleiden und von seinen Posten ablösen zu lassen. Doch selbst da blieb der Skandalfall intern und wurde der weltlichen Öffentlichkeit vorenthalten.

Ein Blick in die Dokumente, sagt die NYT, zeige das immergleiche fatale Muster Benedikts. Die ihm zur Kenntnis gebrachten Missbrauchs-Fälle wurden nicht aufgeklärt und bereinigt. Die Leiden der Opfer zählten offenbar nichts gegenüber den möglichen Imageverlusten der Kirche.  Verschleppung der Aufarbeitung und bürokratische „Vorsicht“ prägten das Verhalten Ratzingers. Das ziehe sich als ein roter Faden seit seiner Zeit als Erzbischof von München durch seine Handlungen, sagen die Journalisten der NYT.

Benedikts Fürsprecher behaupten, er habe Maßnahmen ergreifen wollen. Jedoch hätten andere machtvolle Kirchen-Offizielle das vereitelt. Die Rechtsanwälte der Opfer „Father Maciels“ hingegen sagen, dass der Vatikan in dieser Sache „zu wenig, zu spät“ gehandelt habe.

Tatsächlich hat der Vatikan erst 2010 – also noch einmal vier Jahre später – einen Sondergesandten ernannt, der die Führung der mächtigen, weltweit agierenden „Legionäre Christi“ übernehmen soll.

Als mutmaßlicher Hintergrund für diese mangelnde Integrität und Selbstreinigungskraft des Vatikans gilt laut Indizienlage der NYT die durch zahllose Durchstechereien und finanziellen Zuwendungen seitens Maciels erreichte Protektion durch mächtige Kleriker in der Hierarchie des Vatikans.

Diese Dimension direkter materieller Korruption ist das neue, überraschende Rubrum, das dieses massive, jahrelange Missbrauchsgeschehen bei den „Legionären Christi“ und seine allmähliche Aufdeckung enthüllt hat.

Der mexikanische Prister Alberto Athié Gallo wird von der NYT zitiert: „Der Heilige Stuhl habe den Vorwürfen nicht auf den Grund gehen wollen. Sonst hätte er sich selbst als Autorität in Frage stellen müssen.“ Dem Übeltäter Father Maciel habe man seitens des Vatikans gestattet, über Jahrzehnte hinweg ein Doppelleben zu führen. Eben dieser „Father Maciel“ ist 2008 verstorben.

Der Soziologe Fernando M. González schrieb ein Sachbuch über den Fall Maciel. Es basiert auf den mehr als 200 zuvor vom Vatikan nicht freigegebenen Dokumenten aus den vatikanischen Archiven, die erst 2006 publiziert werden konnten.

Den englischsprachigen Hintergrundbericht in der NYT online lesen

9 Gedanken zu “Die Korrumpierbarkeit des Vatikan

  1. @kuro:
    Ich habe gemerkt, dass es auch nicht Morissette war, von der ich den Text kannte, sondern bei mir bekannt gemacht hat das Sheryl Crow. Von Joan Osborne habe ich noch nie gehört :-/ Erdmöbel sagt mir zwar was, aber wenn ich behauptete ich würde auch nur ein Stück von denen kennen, würde ich lügen (lug ich?) …

    Mir ist aber sowas von klar, dass „Eindeutschen“ harte Arbeit ist. Ich habe sowas selbst schon versucht und bin mehrfach gescheitert. Es ist aber nicht so, dass ich eine gelungene Eindeutschung nicht von einer schlechten unterscheiden könnte. Geil fand ich immer schon Udo Lindenberg und Wolfgang Ambros, wenn’s um’s eindeutschen anglophoner Gassenhauer ging.

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  2. @kuro:
    Nettes Songzitat. Ist aber eingedeutscht. Im Original ist das von – äh, wie heisst nochmal die Sängerin, die bei „Dogma“ Gott gespielt hat? – von der halt. „If god was one of us“ …
    Ha, jetzt hab‘ ich’s Alanis Morissette. Sehr empfehlenswerter Film übrigens, in dem auch George Carlin (+2009) mitspielt, er gibt da einen Kardinal …

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    1. Morisette ist (oder muss man sagen war?) als Singer-Songwriter mal ’n heißer Tipp. Aber soviel ich weiß, ist „One Of Us“ von Joan Osborne bekannt gemacht worden.

      Die deutsche Version des Songs finde ich übrigens besser. Die Ironie kommt dabei weit besser rüber! Dabei ist der Text überhaupt gelungener als die slackerhafte Komposition. Du verschätzt dich aber gewaltig, wenn du meinst das „Eindeutschen“ wäre ne simple Sache.

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  3. Rheinlaender

    Ich halte es nicht fuer verwunderlich, dass der Vatikan hier leise tritt:

    Die Rechtkonstruktion, die sich die kath. Kirche mit taetiger Mithilfe des Staates um sich gezimmert hat, schuetzt sie sehr zuverlaessig vor jedem moeglichen Druck von aussen und hat man es schon irgentwann mal erlebt, dass sich eine einfahrene Organisation ohne massiven Druck von Aussen irgentwie grundlegend aendert? Warum sollte das gerade bei den vatikansichen Fummeltraegern anders sein?

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  4. Nichtwunder würd ich es grad nicht nennen.

    Sondern eindeutig kriminell.
    Strafvereitelung im amt, Begünstigung von weiteren Straftaten im Amt.

    Da er der weltlichen Gerichtsbarkeit nicht zugeneigt ist: Ratzinger zum Chefgespräch.

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    1. Da er der weltlichen Gerichtsbarkeit nicht zugeneigt ist: Ratzinger zum Chefgespräch.

      Aha, eine Werner Finck-iade! („Finckenschläge“)

      Eine weniger fußballerhafte (He, Schiedrichter – Telefon!), aber nett boshafte Variante dazu bietet die Band Erdmöbel im Lied „Einer wie wir“:
      Wäre gott einer wie wir / nur ein fremder um halb vier / in der letzten straßenbahn / der versucht nach haus zu fahrn / und zu hause irgendwann / ruft ihn wieder keiner an / und wenn dann ist der papst dran.
      Die hochironische Pointe, sich vorzustellen, dass ausgerechnet der an der Strippe bei jemand/mir „Begeisterung“ auslösen möchte, die hat doch was.

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  5. kein Wunder, das Ratzinger den Laden so lange nicht belangte, ist dieser doch politisch ausserordentlich konservativ orientiert und war daher trefflich als Allianzpartner im Kampf gegen die linke Befreiungstheologie in Lateinamerika geeignet

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