Israel – ein Staat in wilder Ehe


Israel. Wappen, wikipedia

Von Aschot ManutschajranDas Parlament, Nr. 20

Der Historiker Shlomo Sand widerspricht der Vorstellung von einem jüdischen Volk – dies sei eine Erfindung des Zionismus im 19. Jahrhundert. In seinem provokanten Buch plädiert er für die Anerkennung einer säkularen Nation

Im Jahr 1962 zog Shmuel Oswald Rufeisen, auch bekannt als Bruder Daniel, vor den obersten Gerichtshof Israels, um die Anerkennung seiner jüdischen Nationalität zu erstreiten. Geboren als Sohn einer jüdischen Familie in Polen, wurde Rufeisen Zionist und rettete als Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg das Leben vieler Glaubensbrüder. Später konvertierte er jedoch zum Christentum und trat in einen katholischen Orden ein. Nach seiner Emigration nach Israel vermerkte Bruder Daniel in seinem Einbürgerungsantrag, der „Nationalität nach“ sei er Jude – auch wenn er getaufter Katholik sei. Doch auf diese Argumentation ließ sich das Gericht nicht ein und entschied, Shmuel Oswald Rufeisen sei kein Jude. Von den fünf Richtern schloss sich nur ein einziger diesem Urteil nicht an. Monate später bekam Rufeisen zwar einen israelischen Pass, aber unter der Rubrik Nationalität wurde der Hinweis „nicht eindeutig“ vermerkt. Bis heute finden sich in den Pässen israelischer Staatsbürger, die von einer nicht jüdischen Mutter abstammen, Vermerke wie „Russe“ oder „Araber“.

Vor zwei Jahren veröffentlichte Shlomo Sand, Geschichtsprofessor an der Universität Tel Aviv, eine herausragende Studie zur Frage der jüdischen Nationalität, die in Israel drei Monate lang die Bestsellerlisten anführte und für heftige Kontroversen sorgte. Jetzt liegt sie auch auf Deutsch vor.

Nach dem ersten israelischen Rückkehrgesetz galt als Jude, wer eine jüdische Mutter hatte. Dessen ungeachtet löschte im Falle Bruder Daniels seine Abkehr vom jüdischen Glauben, die sich in seinem Übertritt zum Christentum manifestierte, dieses biologisch-deterministische Verständnis der jüdischen Identität. Auf Druck der religiösen Parteien wurde im Jahr 1970 das Rückkehrgesetz durch eine präzisere Definition ergänzt: Als Jude gilt seitdem, „wer als Kind einer jüdischen Mutter geboren wurde oder wer konvertiert und keiner anderen Religion angehört“.

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