Zum Thema Schwarze Paedagogik


Prügelnder Familienvater, von Azimzade 1937 (Public Domain)

Am liebsten mögen die Herrscher ihre Untertanen devot, ungebildet und wehrlos. Der Pakt zwischen Thron und Altar steht für die Arbeitsteilung zwischen weltlichen und geistlichen „Herrenmenschen“. Halte du sie dumm und kinderreich, ich sorge schon dafür, dass sie furchtsam und arm bleiben, sagt der sprichwörtliche Bonze zum Kleriker.

In der Gegenwart hat die Funktionen der Religion (Opium des Volkes, Verkündigung des „Sinns“, der Wunschzettel und der Lebensziele) teils das Proleten-TV übernommen. Das „bewährte“ Mittel durch viele Jahrhunderte, die „Schwarze Pädagogik“,  ist trotz gesetzlichem Verbot von Gewalt in der Erziehung in Deutschland im Jahr 2000 (!) noch immer nicht vollständig geächtet und verbannt aus unserer Zivilisation.

Zwischen Humanismus und Autoritarismus zieht sich an Markern wie diesem eine Trennlinie.  Manche Christen sind nicht autoritär geprägt und stehen auf der Seite des Humanismus. Die religiöse Rechte hingegen propagiert und lebt antihumanistische Ideale von Ehrfurcht, Gehorsam und fragloser Unterordnung. Das Leitbild von Humanismus und Aufklärung ist eine Grundlage für Leben in Würde, Bildung und Selbstbestimmung. Es fordert den Abschied von althergebrachter, verdummender Moral zugunsten einer humanistischen Ethik. – Kuro Sawai

Von wegen “Prügel haben mir auch nicht geschadet”

Von MartinM

Norbert Walter, bis vor Kurzem Chefvolkswirt der Deutschen Bank und immer noch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, verteidigte Bischof Mixa und das Prügeln von Kindern – Nicht geschadet? (telepolis).
Walter ist einer der wenigen, die dem Augsburger Bischof Mixa nach seinem “Watschengeständnis” öffentlich beisprangen. Mit einem “Argument”, das Anhänger der “Schwarzen Pädagogik” seit eh und je hervorbringen: Er, so Walter, sei von seiner Mutter ebenfalls geprügelt worden, und ihm habe das schließlich auch nicht geschadet. Außerdem bezeichnete das Mitglied im ZK der deutschen Katholiken die Kritiker Mixas als “fundamentalistische Aufklärer”: ZdK-Mitglied Walter verteidigt Bischof Mixa: “Prügel haben mir auch nicht geschadet” (De Radio Kultur).

Schaden die aggressiven Erziehungsmethoden, wie sie Walters Mutter oder der seinerzeitige Stadtpfarrer Mixa anwendeten, wirklich nicht?
“Schwarze Pädagogik”, Erziehung mit Gewalt und Einschüchterung, ist eine eine ziemlich sichere Methode, Menschen zu autoritätshörigen “Gefühlskrüppeln” zu machen – mit Folgeschäden auch für die nächste und übernächste Generation. Besonders intelligenztötend wirkt Zurichtungs-Pägagogik, wenn sie mit körperlicher Gewalt kombiniert ist.

Der Spruch “Was ist schon eine Ohrfeige? – Es hat uns doch auch nicht geschadet” ist nachweislich falsch. Es hat geschadet – das Geschlagenwerden führt statistisch signifikant zu einer messbar geringeren Intelligenz: Prügelstrafe macht Kinder dumm (pharmacon.net).

Mehr noch: der “autoritäre Erziehungsstil” und die Kinderdressur sind, wie Katharina Rutschky in “Schwarze Pädagogik” nachwies, nicht etwa irgend eine dumme Tradition, sondern Absicht. Patriarchat, autoritäre Gesellschaftsform, Unterdrücken selbstständiger Gedanken und “schwarze Pädagogik” gehören zusammen. “Schwarze Pädagogik” ist eine “wirksame” Methode zum “Untertanenmachen” – zum Erzeugen autoritärer Persönlichkeiten, die nach “unten” Treten, und nach “oben” buckeln – bis sie, wie Walter und Mixa, so weit “oben” angekommen sind, dass sie meinen, auf Nichts und Niemanden mehr Rücksicht nehmen zu brauchen.

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9 Comments

  1. Als Schmähkritik würde ich das beileibe nicht sehen.
    Sondern kontextuell.

    Ich persönlich bin jedenfalls vorsichtig geworden mit Leuten, die mal hü – mal hott- geschrieben haben.

    Da ich mit mißhandelten Kindern (nicht nur Pflegekindern) zu tun hatte, sind mir die Folgen solcher Parolen nur zu gut bekannt.
    Das ist etwas anderes als Theoretisieren, da gehts ans Eingemachte. Der eine oder die andere hat es einfach nicht geschafft und sich – täterfreundlich – suizidiert.
    Mir kocht die Galle bei solchen flockigen Aussagen.

    Nochmal zum Thema: prügelpädagogik und persönlichkeitszerstörende Pädagogik passen in unsere Kultur perfekt hinein.
    Nicht nur, weils schon in der bibel so steht (und so du dein Kind liebst, so züchtigst du es….), sondern weil es ins Gesamtkonzept paßt.
    Aufrechter Gang und Aufrichtigkeit sind eher unerwünscht.

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  2. Ist übrigens komisch, bei einer anderen SChreiberline wars genauso. Wie hieß die?… hmmmm…. meine Quellenamnesie…
    Karin Jäckel.
    Zuerst bücher über Väter als Täter etc pp (also der Bereich war es), und dann eines zur Entlastung der täter.
    Ich habe den Eindruck, da stecken andere Mechanismen dahinter, und die Folgebücher dienen vor allem dem Gelderwerb.

    Inzwischen gibts ja auch belegbare Untersuchungen zum Thema „Mißbrauch von sexuellen Kindesmißhandlungsvorwürfen“.
    Müßte mal graben, ob ich die finde – ist jedenfalls vorhanden, aber verschwindend gering, im Vergleich zu den echten Fällen.
    (hab dazu mal ne Seminararbeit in Forensik geschrieben).

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  3. genau, das wars.
    Ich hab ihr Buch gelesen.
    Grottig.
    Das ging durch die Ado- und Pflegeelterngruppen wie ein lauffeuer. Denn die betraf das in einem viel höheren Maße als SCheidungsfamilien.

    Echt, das hat viel Wirbel verursacht.

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  4. @yerainbow: ich führe in meinem dankenswerterweise hier vorgestellten Blogbeitrag im „Gjallarhorn“ Katharina Rutschky deshalb an, weil sie den Begriff „schwarze Pädagogik“ prägte und grundliegende Werke zur „Menschenzurichtung“ schrieb.
    Zum „schlechten Klang“: Frau Rutschky gilt seit ihrem Buch: „Erregte Aufklärung – Kindesmissbrauch: Fakten und Fiktionen“, einer Anfang der 1990er erschienenen Streitschrift über den „Missbrauch mit dem Missbrauch“ bei vielen Kinderschützern (und solchen, die sich dafür halten) als „persona non grata“ bzw. als jemand, der die „Kinderschänder“ entlasten und entschuldigen würde. (Was sie übrigens nicht tat, aber die wenigsten Kritiker hatten das Buch auch wirklich gelesen.)
    Das Buch trug ihr auch den Vorwurf des „Antifeminismus“ ein. Seltsamerweise, denn sie kritisierte ja nicht „den Feminismus“, sondern z. B. Feministinnen mit arg ideologisch verkürzter Wahrnehmung, die glatt mit ausgewiesenen Frauenfeinden (ultra-konservativen Christen, oft fundamentalistischer Bauart, fast immer mit Familienbild von vorgestern) Zweckbündnisse eingehen.

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  5. ja, aber statt der Rutschky hätte sich doch sicherlich n anderer Beleg finden lassen.
    Der name hat keinen guten klang.
    kann mich nur grad nicht mehr erinnern, warum, aber das fällt mir schon noch ein…

    Ansonsten erinnere ich mich an den Spruch eines Jesuiten, der da versuchte, die kalifornischen Ureiwohner zu missionieren. Der beklagte sich bitter, daß die leute dort ihre Kinder nicht schlagen wollen – wie sollen dann gute Christen draus werden…

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    1. @entdinglichung
      Ein tolles Fundstück zum Thema! War mir völlig unbekannt. Wirft ein düsteres Schlaglicht auf die sich selbst als „bessere Gesellschaft“ definierende midddle/upper class Großbritanniens.
      Zitat: Als 1998 entschieden wurde, Körperstrafe in England und Wales auch für Privatschulen zu verbieten, bildete sich eine Initiative christlicher Privatschulen zur Wiedereinführung der Züchtigung in Großbritannien, deren Leitern, Eltern und ehemaligen Schülern. Die Initiative versuchte, dieses Verbot rückgängig zu machen oder eine Ausnahme zu erhalten und argumentierte dabei mit der These eines an die Schule weitergegebenen bestehenden Züchtigungsrechts der Eltern sowie mit dem Recht auf freie Religionsausübung. Die Rechtsverfahren durch alle Instanzen dauerten bis 2005.

      @MartinM
      Danke für die sachlichen, überzeugenden Ausführungen zu K. Rutschky. Mir selber ist sie nur von journalistischen Arbeiten her bekannt. Von ihr stammt aber eindeutig die Begriffsprägung und das grundlegende Buch dazu in Deutschland. Wie ihre Ansätze in Bezug auf Michel Foucaults Forschungen zu verorten wären, könnte mich interessieren.

      @Yerainbow
      Mit deinen Bemerkungen weitab vom eigentlichen Thema kann nicht nur ich wenig anfangen, denn um klare Argumentation und Begründungen drückst du dich überwiegend. Mit komischen Andeutungen zu Rutschky und Schmähkritik zu Jäckel, die kaum einer kennt und die auch nicht hergehört, kommt du nirgendwo an.

      @Vido
      auf Zwang ausweiten ?? worauf willst du hinaus?

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