US-Import Kommerz-Pop-Kirchen?


MegaKirche Stuttgart
Sportarenen-Charme: BGG Stuttgart

Radikal modernisiert, gemäß den popkulturellen Standards der Gegenwart adaptiert, so präsentiert sich das Konzept der Biblischen Glaubens-Gemeinde (BGG) in Stuttgart. Angeblich ist es die erste Übertragung der US-amerikanischen Mega-Kirchen auf deutsche Verhältnisse.

Sehen so die Kirchengebäude der Zukunft aus? Hält der aus Nordamerika bekannte Kommerz- und Spenden-Geschäftssinn zusammen mit der konsequenten Erlebnis-Orientierung künftig Einzug in die protestantischen Tempel?

Träger der BGG ist eine Freikirche, die dem missionarischen Erweckungschristentum der Pfingstler zugehört. Das entspricht dem Erwartbaren, denn auch in den USA gehören nahezu alle Mega-Kirchen zum fundamentalistischen, evangelikalen Spektrum.

Die Pastorin Annette Kick, seit mehr als acht Jahren Weltanschauungsbeauftragte der evangelischen Landeskirche in Württemberg, sagt über sie: „Die äußere Form ist modern, aber die Inhalte sind anti-modern.“  Im Vordergrund des Gottesdienstes stünden die so genannten Geistesgaben: Prophetie, Heilung und die Zungenrede, Gebet in einer für den Betenden fremden Sprache. Innerhalb eines dualistischen Weltbildes würden, sagt Kick, „Krankheiten, psychische Leiden und Armut häufig auf dämonische Einflüsse zurückgeführt, die durch Gottes Kraft bezwingbar seien.“

Jörn Dege, Der Freitag

Ein Deal mit dem Erlöser

Deutschlands erste Mega-Church steht in Stuttgart. Pro Wochenende wollen dort 4.000 Menschen den Heiligen Geist am eigenen Leib erfahren

Kein Kreuz, keine Kerzen, keine Heiligenbilder, dafür übersetzen Helfer die Predigt simultan in 15 Sprachen. Die Gottesdienste in der Biblischen Glaubens-Gemeinde, kurz BGG, haben wenig mit dem zu tun, was man aus den Amtskirchen kennt: Statt in dunklen Gemäuern an jahrhundertealten Melodien zu scheitern, schwelgt man hier sonntags im Wohlfühl-Pop, nur wenige Minuten vom S-Bahnhof Stuttgart-Feuerbach entfernt, in einer 20 Meter hohen Halle aus Glas und Metall.

Der „Lobpreis“ ist in den gut zweistündigen „Celebration-Gottesdiensten“ eine zentrale Größe: Fast die Hälfte der Zeit verbringt der Gottesdienstbesucher in musikalischer Harmonie, unterstützt durch einen Chor und eine fünfköpfige Band. Statt in dünnblättrige Bücher, geht sein Blick nach oben, wo über dem Schlagzeug, die Texte an die Wand geworfen werden.

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6 Comments

  1. @Kuro Sawai & Jaquento

    Falls die Geschichte mit der Tempelreinigung so stimmte, so hat Jesus ganz offensichtlich nicht verstanden, dass jede grosse Organisation auch ein Wirtschaftsbetrieb ist.

    Da unterscheiden sich die Tempel zu Delphi nicht die Bombe vom damaligen Tempel in Jerusalem oder von der „Hohen Domkirche zu Koeln“.

    Das Geschaeftsmodel muss stimmen und das Publikum befriedigt werden.

    Eine einfach gestrickte Wohlfuehl-Kutschel-Theologie mit Saeuselmusik hat offensichtlich ihr Publikum, wie ein Hochamt.

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    1. @michael
      Hmmh, kann das sein dass du das Wort mit Inquisition oder wie es heute heißt Glaubenskongregation verwurstelst? Das stimmte so nämlich nicht. Es geht hier um Beobachtung und Analyse der Konkurrenz-Glaubensgemeinschaften. Früher hieß es wohl mal Sektenbeauftragte. Das geschieht mit wissenschaftlicher Methodik, namentlich Religionssoziologie und -Psychologie. Mir ist das ganz sympathisch, denn sonst müsste man sich die Fakten und Entwicklungen der tausenden Grüppchen von Irrationalisten in deutschen Landen und darüberhinaus selber mühsam zusammenklauben. Was die Frau Pastor da sagt über die BGG hat m.E. Hand und Fuß. Es ist schlicht Arbeitsteilung und Dienstleistung, Kenntnis über Hintergründe bereitzustellen.

      @Rheinlaender
      Wirtschaftsbetrieb okay; entscheidend ist aber der Grad: AUCH oder VOR ALLEM Wirtschaftsbetrieb. Wenn etwas überzogen Platz greift, dann ändert sich der gesamte Charakter der Einrichtung. Daher dann histor. Reformbewegungen wie Bettelorden, Protestantismus oder Hussiten. Der Vatikan hatte schon immer, seit es ein reicher Machtfaktor geworden ist, auch sehr materialistische Interessen. – Daher ganz klar Einspruch! Ein Tempel-Kehraus war sehr nachvollziehbar. Lies mal Georg Simmel über die historischen Verknüpfungen des Gelds mit den Tempeln. – Ob unsere heutigen Begriffe von „Sich am Markt behaupten“ darauf anwendbar sind, was historisch ablief, muss allerdings bezweifelt werden. Heute eher ja, da handelt es sich, soweit es um westliche geprägte Individualisten als Glaubens-„Kunden“ handelt, um einen Markt. Aber nicht nur.

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  2. Weltanschauungsbeauftragte

    Über dieses Wort komme ich einfach nicht hinweg. Das Wort könnte
    aus einem Loriot-Sketch entflohen sein. Ist bestimmt ein klasse Job.
    Hervorragende Aufstiegsmöglichkeiten. Und die Aussicht ist
    malerisch.

    Irgendwo ein typisches Beispiel dafür, was passiert sich Religion
    und Bürokratie über den Weg laufen. 😎

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  3. Sorry, die „Händler“ sind hier kein Fremdkörper, die man entfernen könnte. Dar Tausch-Handel mit Hoffnungen gegen Spenden sind ein Grundpfeiler und Lebensnerv dieser Art von Kirchen-Organisation.

    Die Musiker und Techniker hinter all diesem Bühnen-Show-Aufwand wollen schließlich auch ihren Lebensunterhalt erhalten. Dachtest du, dass die das alles ehrenamtlich stemmen könnten? Außerdem sind die strikt auf Wachstum fixiert. Sehr expansives Konzept!

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