Stevia: Streit um Milliarden-Markt


Stevia-Pflanze
Stevia-Pflanze (CC-by-sa/3.0/de by Sten)

Die seit einiger Zeit heftig entbrannte Debatte um die Vermarktung des Süßstoffes Steviolglykosid aus der südamerikanischen Pflanze Stevia in der EU verdient Aufmerksamkeit. Bei dem von seinen Befürwortern oft geradezu als Wundermittel für Diabetiker und Übergewichtige wie eine „Heilsbotschaft“ angepriesenen Pflanzenextrakt geht es zuvorderst um harte Interessen, nicht um eine „tolle Idee“, wie man auf den ersten Blick meint.

Es gibt einen milliardenschweren Markt und mutmaßlich gab es nutzbringende Käuflichkeit in der Wissenschaftsszene.  Die etwaige Korruption ist natürlich – wie schon bei den Katholiken zu bewundern – allesamt längst verjährt. Nirgends ein Grund sich zu ärgern!

Rechtliche Hinweise

Die in Deutschland unter Tarn-Etikettierungen importierten Produkte entsprechen häufig nicht den für Lebensmittel notwendigen Anforderungen an die Hygiene. Rechtlich bewertet ist Stevia in der Europäischen Union (EU) ein neuartiges Lebensmittel (Novel Food) und unterliegt daher der Novel Food Verordnung. Ein Zulassungsantrag wurde bereits abgelehnt: Steviosid ist in der Europäischen Union nicht als Süßstoff (Lebensmittel-Zusatzstoff) zugelassen, da die Sicherheitsstudien zur Steviosid nicht ausreichen, die Unbedenklichkeit zu belegen. Auch die Pflanze und ihre Blätter selbst wurden von der EU-Kommission aus diesem Grunde nicht als Novel Food zugelassen. In vielen Ländern der Welt (außer Israel, Brasilien, Neuseeland, Australien, China, Südkorea, Thailand und Japan) darf Stevia nicht eingesetzt werden. (Guter, sachlicher Übersichtsartikel: Stevia ist mit Vorsicht zu genießen, Quelle: gesundheitsnews.imedo.de, von Sept. 2009)

Selbstversuch Stevia als Zuckerersatz

Natürlich gibt es in Zeiten des Internets keine Unzugänglichkeit der Pflanze und damit jede Menge Leute, die selbstgezogene Pflanzen oder den „Badezusatz“ auf eigene Faust ausprobieren. Einer davon hat in seinem Blog hübsch kompakt über seine Erfahrungen damit berichtet.

Stevia getrocknet
Stevia-Blätter getrocknet (CC-by-sa/3.0/de by NmiPortal)

Bei Pulver war ihm die mögliche Mixtur zu suspekt („keine Mischungen mit Sorbitol oder anderen Süßstoffen aufschwatzen lassen“). Daher entschied er sich für ein Päckchen mit getrockneten, fein geschnittenen Steviablättern. Die passende Dosierung fiel ihm schwer. Der Geschmack löste bei ihm Widerwillen aus. Irritierenderweise mochten seine Eltern den damit gesüßten Tee. Er ist nach diesem Ausprobieren ein Gegner der „Alternative“ Stevia. (Im Selbstversuch: Stevia als Zuckerersatz, Quelle: Sebastian Flemigs Blog, vom 26. Mai 2009)

Ökonomische Hintergründe

Ein ziemlich flott geschriebener SPon-Beitrag von Dirk Müller fasst die markt-strategischen Einflussfaktoren recht gut zusammen. 1. Die lukrativen Patente auf industriell einsetzbare Zuckerersatzstoffe sind überwiegend ausgelaufen: Aspartam bereits 1992, Sucralose 2005. 2. Für die Konzerne müssen neue Patente her. Methode der Wahl: einer der Stevia-Süßstoffe, Rebaudiosid A, wird auf chemischem Wege synthetisiert. Diese Methode und diverse Resultate lassen sich patentieren. Zitat: „Die reine Pflanze bleibt als Lebensmittel verboten, der chemisch gewonnene Bestandteil hingegen wird zugelassen – und man kann Millionen mit den neuen patentierten Süßstoffen verdienen. Perfide, aber real.“

3. Nun ist es eine Aufgabe der PR /Werbung, den Konsumenten einzureden, dass der chemisch gewonnene Süßstoff „natürlich“ ist. Ach ja, „alte Indianerpflanze“ … Rein pflanzlich. 4. Nachdem man sich Marktmacht gesichert hat (Coca Cola 2007 allein 24 Patente), muss die Zulassung her. Die US Food and Drug Administration (FDA) hat die generelle Unbedenklichkeit von Rebaudiosid-A in Süßungsmitteln als Lebensmittelergänzungsstoff im Dezember 2008 freigegeben. Frankreich hat im September 2009 eine vorläufige Zulassung erteilt. In diesen Wochen soll auch EU-weit über die Zulassung entschieden werden.

Nebenbei bietet sich auch für die Politiker eine hübsche Chance, sich medienwirksam zu präsentieren. Ohnehin ist man seit Jahren unzufrieden mit den statistisch ständig zu dicken Kindern und als Patienten teuren Erwachsenen. Nun kann man wie Herr Obama Handlungsbereitschaft simulieren und eine neue „Soda-Steuer“ auf zuckersatte Limonaden ankündigen. Ganz zufällig natürlich zu einem Zeitpunkt, wo ökonomische Interessen nicht mehr davon berührt werden, sondern Hinlenkung zu neuen Kauf-Produkten gewünscht wird.

Schmissig endet Müllers „Enthüllung“: „In den kommenden zwei bis drei Jahren wird so ein neuer Multimilliarden-Markt entstehen – und kaum jemand nimmt bislang davon Notiz. Für die Konzerne kann die Party beginnen.“ (Lebensmittelriesen starten die Zucker-Revolution, Quelle: Spiegel online, 22. April 2010)

Abschließend dokumentieren wir einen journalistisch gut gemachten Beitrag aus der FTD, der die aktuellen Bezüge rüberbringt.

Financial Times Deutschland

Der Kampf um das Zuckerwunder Stevia

Vielfach süßer als Haushaltszucker, kalorienarm und total natürlich – die Stevia-Pflanze gilt bei ihren Fans als revolutionär. Der Konzern Danone mischt den Süßstoff in einen neuen Diät-Joghurt. Dabei ist Stevia auf EU-Ebene noch gar nicht zugelassen. von Isabel Gomez

Stevia werde den Markt für Süßstoffe revolutionieren. Es sei die Rettung für Diabetiker, weil es den Blutzucker normalisiere, außerdem hemme es Karies. Und das sei alles wissenschaftlich bewiesen! Jan Geuns Stimme überschlägt sich, wenn er von Stevia, seiner „Herzensangelegenheit“, spricht. Geuns ist Professor an der Universität im belgischen Leuwen und kämpft seit Anfang der 80er-Jahre für die Zulassung des Süßstoffes Steviolglykosid aus der südamerikanischen Pflanze Stevia in der EU. Bisher erfolglos.

Warum seine Anträge bisher abgelehnt wurden, kann er sich nicht erklären. Die Unbedenklichkeit des Süßstoffes als Lebensmittel stehe schließlich fest. Die Bewohner der Anden konsumierten das Kraut seit Jahrhunderten, ohne gesundheitliche Schäden. Wissenschaftliche Gründe für die Ablehnung gebe es daher keine. Geuns ist sich sicher: „Bei guter Qualität werden Konsumenten Stevia Zucker und Süßstoffen vorziehen.“

Es gibt eine Menge Stevia-Freunde. Das Internet ist voll von Seiten, auf denen das Kraut und seine Extrakte bejubelt werden. Aber nicht alle sind so euphorisch wie Jan Geuns. „Ob bislang vernünftig geforscht wurde, sei dahingestellt“, sagt Udo Kienle, Agrarwirt an der Universität Hohenheim. Er ist „ein Freund der Zulassung“, bleibt aber kritisch. Denn bei einem neuen Lebensmittel gehe es um Geld. Viel Geld. Studien seien teuer und Wissenschaftler nicht immer korrekt, warnt Kienle. (..)

Anfang der 80er-Jahre ergab eine Studie der University of Illinois in Chicago, dass ein Abbauprodukt des Inhaltsstoffes Steviosid bei Ratten potenziell krebserregend wirkt. Pikanterweise hat die chemische Süßstoffindustrie an der Studie mitgewirkt.

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9 Comments

  1. Stevia ist kein Zucker-ERSATZ, sondern eine eigenständige Pflanze, die süß schmeckt.
    Sie wird hier in Paraguay bereits seit Jahrhunderten zum Süßen verwendet – ohne Nebenwirkungen 🙂 und sie ist darüber hinaus ein potentes Heilkraut, welches unter anderem z.B. den Blutzucker reguliert, weshalb es für Diabetiker hervorragend geeignet ist.

    Ich spreche dabei übrigens nicht vom hochkonzentrierten Extrakt „Steviosid“ – dies wird in Paraguay nicht an den Verbraucher abgegeben. Es ist so hoch konzentriert, daß es für den Frühstückstisch nicht geeignet ist, weil es nicht dosiert werden kann.
    Ich staune deshalb immer wieder, daß in Deutschland ausgerechnet dieses Steviosid angeboten und nachgefragt wird.

    Besser und gesünder ist es, auf fertig komponierte Steviaprodukte zurückzugreifen – und wer hätte damit mehr Erfahrung, als die Paraguayer? Schließlich ist Paraguay das Herkunftsland von Stevia.

    Sonnengrüße aus Paraguay!
    Yerbabuena-Shop

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  2. Stevia wurde im April 2010 als positiv getestet und als unbedenklich eingestuft, weshalb es ist nur noch eine Frage weniger Wochen/Monate sein dürfte, bis es grünes Licht für Stevia in der EU gibt.

    Die eingeschränkte Handelsfähigkeit in der EU bezog sich übrigens lediglich auf den Handel. Es durfte also INNERHALB der EU kein Stevia vertrieben werden. Für den Verbraucher war und ist der Kauf von Stevia aus dem Ausland jedoch vollkommen legal.

    Hier in Paraguay wird Stevia seit Jahrhunderten verwendet – nicht nur zum süßen sondern insbesondere als sehr wirksames Heilkraut; den ganzen Wirbel um die Zulassung von Stevia kann man hier gar nicht nachvollziehen.

    Im Artikel vollkommen außer acht gelassen wurde, daß Paraguay das Herkunftsland des Stevia ist; und nachweislich liegt Paraguay NICHT in den Anden. Dort würde Stevia gar nicht wachsen :o)

    Stevia braucht viel Sonne und Wärme – Faktoren, die hier in Paraguay gegeben sind, weshalb wir sogar 4x im Jahr ernten können.

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  3. 4. es werden Versprechen gegeben.
    5. es werden Strukturen vorbereitet und aufgebaut.

    letztlich ist das alles irgendwie das Gegenteil von Mündigkeit, das ist das Problem.
    Die Industrie passt nicht sich den menschlichen Erfordernissen an, sondern passt den Menschen (soweit möglich, und noch bissl mehr…) ihren eigenen Erfordernissen an.

    Nichts Neues, das ist wahr. Nur ein weiteres Beispiel.

    Die Kehrseite: würde die Industrie plötzlich zusammenbrechen oder irgendwie weg sein, würden vermutlich 1/3 der Menschen ziemlich fix sterben, weil aus eigener Kraft nicht überlebensfähig. Ein weiteres Drittel dann in absehbarer zeit, und über das letzte Drittel wage ich nicht zu spekulieren…
    Denn ob die wirklich wissen, wie man sich zurechtfindet, ist so ne Frage. und Parasiten überleben den Verlust ihrer parasitierten Umwelt nicht lange…

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  4. Ich bin mir nicht sicher was der Text sagen will…

    1. Die Pflanze ist zu unrecht nicht zugelassen.
    Eher nicht, da im Text die fehlenden Studien erwähnt werden.

    2. Es wird kritisiert, das Unternehmen wege finde den Süßtoff zu synthetiesieren und damit Geldverdienen

    Tze tze, wie böse von den Unternehmen erst Geld für Forschung auszugeben um dann mit den Ergebnissen welches zu verdienen…
    Ich vermute hier soll wohl Punkt 1. aufgegriffen werden, da die Forschung durch zulassung der Pflanze weniger priorität hätte.
    Ein Fehlschluss, die Pflanze könnte Nebenwirkungen haben und allergische Reaktionen hervorrufen. Ein Risiko das man der Bevölkerung nicht aussetzen sollte.

    3. Unternehmen nutzen die PR-Masche, die schon bei den „natürlichen“ Aromen gezogen hat, mit Homöopathischen zusätzen.
    Guter Punkt, hier muss die Regelung für Werbung angepasst werden.

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    1. @Jaquento
      Abgesehen davon, dass du selber in deinem Comment sehr parteilich für die Süßwarenindustrie auftrittst, fällt es dir offenbar schwer, wahrzunehmen, wenn jemand über einen Sachverhalt (Nützlichkeit oder Unbedenklichkeit von Stevia) schlicht neutral schreibt.

      @topic
      Eine sinnvolle Ergänzung des Themas, die aber den Umfang meines Artikels gesprengt hätte, findet sich im Blog Konsumpf: http://konsumpf.de/?p=2563

      Zitat:

      Beim Konsum von Süßem wird in der Region des Nucleus Accumbens der Botenstoff Dopamin freigesetzt. Er gilt als chemisches Signal, das erst Motivation und im Laufe der Zeit Sucht auslöst. Ähnliche Veränderungen hatten die Forscher zuvor bei Ratten beobachtet, die nach Kokain oder Heroin süchtig waren.

      Forschungsleiter Bart Hoebel sieht hier eine mögliche Erklärung für diverse Esssüchte. Was auch erklärt, warum der Kampf gegen Übergewicht so oft verloren wird.

      In Großbritannien ist die Werbung für zucker- und fettreiche Produkte im Kinderfernsehen seit 2008 verboten, was man sicherlich als kleinen Sieg gegen die Zucker-Mafia werten kann. Ob so etwas viel hilft, ist eine andere Frage, zumal wenn die Eltern sich selbst nur von Cola, Chips und Fertiggerichten ernähren, aber es ist immerhin ein Signal.

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  5. Ich habe mal gelernt, daß die Insulinausschüttung erfolgt, wenn Rezeptoren „Süß“ erkannt haben.
    Egal, ob Zucker oder was anderes.

    Dann wäre Zuckerersatz sinnlos….

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  6. Anläßlich einer Schulung für Diabetiker wurde auch auf Stevia als Alternative zu Zucker hingewiesen. Von irgendwelchen Gefahren war allerdings nicht die Rede. Auch Zimt soll als Zuckerersatz für Diabetiker geeignet sein.
    Was ist nun Wahrheit, was ist Dichtung ?

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  7. hab grad gesehen – ich hab mir letztens im obi ein Samentütchen mit genau diesem Pflänzchen gekauft.
    Just for fun.
    Mal sehen, obs wird.

    Zuckerersatz nehm ich eh nicht freiwillig. „Light-produkte“? – die können einem nur leid tun, die das brauchen.

    bei mir gibts eigentlich richtigen Zucker. Aber in Maßen…

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