Die Religion vom „Geistigen Eigentum“


Mammonism
Geld-Religion

Wer sich immer nur auf die Traditionsformen des Geschäftsmodells Religion kapriziert, dem entgeht die Sicht auf Entwicklungen, die ganz ähnlichen Gesetzmäßigkeiten folgen. Freiheitsberaubung, Zensur und Ausnutzung von Unbildung gibt es eben nicht nur auf „religiös“ sondern mindestens ebenso perfid auf „juristisch“.

Ein großartiges Beispiel dafür bietet das was gegenwärtig als Leistungsschutzrecht-Vorschläge der Medienindustrie diskutiert wird. Die Vergütung für Medien-Content kommt dabei nicht wirklich den kreativen Autoren und Kulturschaffenden zu sondern den Zwischenhändlern, die „die Rechte“ aufkaufen. Trotzdem firmiert das System unter dem irreführenden Namen „geistiges Eigentum“. Es ist wie eine Religion des Geldmachens.

Das ist ganz wie bei den Kirchen, wo mit dem Etikett „jesus“ real „enge geistige Bandbreite“ an den Religionskunden vertickt wird. Der folgende Text von dem für seine originellen Analysen geschätzten heise-Autoren Peter Mühlbauer stammt aus dem Februar 2006, liest sich aber wie auf heute zugeschnitten.

Peter Mühlbauer, telepolis

Die Zensur durch die Religion vom „Geistigen Eigentum“ ist weniger sichtbar, aber umfassender als die Zensur durch traditionelle Religionen.

Das Feuilleton setzte im Karikaturenstreit den „Westen“ mit Presse- und Meinungsfreiheit gleich, die es durch den Islam bedroht sah. Dabei blieb auffällig ausgeblendet, dass es auch in dem was Huntington [1] die westliche Zivilisation nennt eine weniger sichtbare aber weitaus umfassendere systemeigene Zensur gibt.

Die Religion vom „Geistigen Eigentum“

Die Anwendung des Religionsbegriffs auf das Phänomen „Geistiges Eigentum“ ist keine Metapher, sondern nur der konsequente Gebrauch eines funktionalistischen Religionsbegriffs. Allgemein wird Religion als ein “ System von Vorstellungen über die Existenz von Gegebenheiten jenseits des sinnlich Erfahrbaren“ definiert. Solch ein System formuliert nach Clifford Geertz Ideen einer allgemeinen Seinsordnung und umgibt sich mit einer „Aura von Faktizität“:

Die Vorstellung von der Welt wird zum Abbild der tatsächlichen Gegebenheiten einer Lebensform. […] Religion stimmt demnach menschliche Handlungen auf eine vorgestellte […] Ordnung ab. Die ethischen […] Präferenzen der Kultur werden dadurch objektiviert und erscheinen als Notwendigkeit, die von einer bestimmten Struktur der Welt erzeugt wird [11] .

Das heißt, dass die Gläubigen eine Religion nicht als solche wahrnehmen müssen. Im Gegenteil: Je selbstverständlicher Glaube, Riten und Regeln im Alltag erscheinen, desto mehr entspricht sie der obigen Definition aus der Völkerkunde.

Traditionelle Religionen und die vom „Geistigen Eigentum“ ähneln sich teilweise verblüffend in ihren Glaubensvorstellungen. Viele Religionen möchten Menschen etwas glauben machen, was für Außenstehende oft dem gesunden Menschenverstand widerspricht: Etwa, dass eine mit Allmacht ausgestattete Entität Wert darauf legt, dass man Quasten an seinen Gewändern befestigt; oder dass die Nennung eines bestimmten Namens verboten ist und dass nur Auserwählte mit einer bestimmten „Lizenz“ dies dürfen – wie bei der Religion vom „Geistigen Eigentum“.

Noch stärker ist die Ähnlichkeit bei Basalreligionen. Ein von Marcel Mauss behandeltes Phänomen erinnert stark an die DRM- und Lizenzökonomie des beginnenden 21. Jahrhunderts: Bei den Toradja auf Sulawesi herrschte die Vorstellung, dass bestimmte Gegenstände nicht wirklich ihrem Besitzer gehören, sondern in Wirklichkeit Geistern, von denen er jeweils das Recht „kaufen“ muss, wenn er es gebraucht [12] .

Protestantismus – ein nicht lizenzierter Remix des Katholizismus

Ähnlich wie bei der Natur der Lehre von „Geistigen Eigentum“ ein blinder Fleck vorliegt, lag er beim Phänomen Zensur lange Zeit vor, wenn diese nicht von Nationalstaaten, sondern von Unternehmen initiiert wurde [13] . Das änderte sich erst zu Anfang dieses Jahrzehnts mit dem Sichtbarwerden zahlreicher privater Zensurinitiativen vor allem der Medienindustrie [14] .

Tatsächlich ist diese Form der Zensur auch keine reine Privatzensur, sondern vielmehr eine „Achse“ mit dem Staat als willfährigem Gesetzgeber und als Sanktionsmacht [15] .

Eine Lösung für diese Zensurprobleme läge möglicherweise ebenfalls im Bereich der Religionsrechts: Artikel 4 des Grundgesetzes, der die Religionsfreiheit regelt, könnte anhand eines funktionalistischen Religionsbegriffs der Realität angepasst werden. Aus der Religionsfreiheit würde so eine allgemeine Informationsfreiheit. Sie ist der Kern der Religionsfreiheit: Der Protestantismus war im Grunde nichts anderes als ein nicht lizenzierter Remix des Katholizismus.

Der Zugang zu den geheimen, lateinischen und Priestern vorbehaltenen Texten wurde durch Luthers Übersetzung aufgebrochen, spätere Reformatoren und Religionsgründer änderten auch die Botschaft, bedienten sich im Fundus, zitierten und setzten neu zusammen: „Rip, Mix & Burn“.

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