Jens Harders ehrgeiziger Evolutions-Comic „Alpha“


Foto: Jens Harder/ Carlsen Verlag
Evolution in der Urzeit (Foto: Jens Harder/ Carlsen Verlag)

Jens Harders “Alpha – Directions” ist Anfang Juni 2010 zum Comic-Salon Erlangen auf Deutsch erschienen. In “Alpha” setzt der Berliner Zeichner die Evolution vom Urknall bis zum Auftritt des ersten Menschen zeichnerisch um – ergänzt nur durch wenige erläuternde Texte.

Zuvor war das großformatige, 352 Seiten umfassende Album bereits in einer französischen Ausgabe bei Thierry Groensteens Label Editions de l’an 2 im Verlag Actes Sud zugänglich. Mit “Beta” und “Gamma” sind zwei Fortsetzungen in Planung, die die menschliche Zivilisationsgeschichte zum Thema haben werden.

Ein nicht textlastiger Zugang zur Darwinschen Theorie fehlte möglicherweise bislang. Eine anspruchsvolle zeichnerische Lösung hat nun Jans Harder vorgelegt. Neue Zielgruppen, besonders die jüngeren Altersgruppen (einschließlich der sowieso mit Texten zugeballerten Studis), lassen sich eher über diesen Weg erreichen. Leider ist der Preis mit 50 Euro angesichts der fünf Jahre Arbeit, die Harder hineinsteckte, zwar verständlich, aber er wird den Zugang breiterer Leserkreise möglicherweise auch behindern. Dabei ist dem Projekt ein großer Publikumserfolg zu wünschen.

Die Welt

Die Weltgeschichte als Comic

Jens Harder hat sich die komplette Evolution vorgenommen. Daraus macht er einen Comic in drei Bänden.

Sein erstes Buch „Leviathan“ erzählte vom ausufernden Kampf eines Pottwals, fast ohne Text, nur angereichert mit klassischen Zitaten. Es waren vor allem die Franzosen, die das Werk Harders zuerst entdeckten. „Leviathan“ erschien dort 2003; deutsche Verlage hatten abgewunken. Beim weltweit wichtigsten Comic-Festival in Angouleme fragte der Verleger, was er als nächstes vorhabe. Harder machte Vorschläge, unter anderem wollte er ein „Vietnam“-Buch zeichnen. Der Franzose erkannte sofort, welche Bedeutung ein Werk wie die gezeichnete Evolutionsgeschichte haben könnte. Er drängte den Deutschen.

Freunde warnten ihn. Es sei verrückt. Er müsse doch jahrelang recherchieren. „Ja“, sagt Harder in der Küche lächelnd, er habe nur „Ja“ gesagt und recherchiert. „Ich konnte alles zusammenbringen, was mich interessiert.“

Während er die Entwicklung der Sterne zeichnete, las er über die Entstehung des Lebens, bei den Quastenflossern beschäftigte er sich in Gedanken schon mit Sauriern, immer lag er ein Zeitalter voraus. „Die Grundstruktur hatte ich seit meinen Kindheitstagen ja im Kopf“, sagt er. Und lächelt wieder. (..)

Jens Harders Hauptwerk heißt „Alpha“ und zeigt nichts weniger als die gesamte Evolution. Das wuchtige, großformatige Buch erscheint nächste Woche am 2. Juni in Deutschland, die comicbegeisterten Franzosen hat es schon vor eineinhalb Jahren mitgerissen und unter anderem Debatten über die wissenschaftliche Stichhaltigkeit des Werkes ausgelöst. (..)

Harders Schritte sind gigantisch. Hunderte Millionen Jahre Entwicklung schrumpfen zu wenigen Bildern zusammen, und zugleich weitet sich der Blick des Lesers. Zusammenhänge werden verständlich. Mit seltener Wucht und atemraubenden Klarheit greift der Künstler sich den Kosmos. Einzelne Doppelseiten blenden in ihrer gewaltigen Komposition schier das Auge. Die Zeit fließt und verdichtet sich. Alles steckt im Detail – und im Ganzen. Das macht „Alpha“ zu einem Meisterwerk.

Harder hat Bibliotheken nach Bildern durchstöbert und Forschungsberichte gelesen, in den fünf Jahren, die „Alpha“ gebraucht hat, wühlte er sich in sein Thema ein. Als er 2004 mit der Arbeit begann, entbrannte der Streit zwischen Kreationisten und Evolutionsbefürwortern so richtig. Angespornt habe ihn das, sagt Harder. Er freut sich auch jetzt auf Debatten und verfolgt die Erkenntnisfortschritte der Wissenschaft gespannt. Politische Entwicklungen seien alle so kurzatmig, jede Woche werde etwas Neues gesagt, seufzt er.

Jens Harder wirkt trotz seines typischen Prenzlauer-Berg-Barts, seiner geflickten Jeans und dem Kapuzenpullover wie aus der Zeit gefallen. Prompt schimpft er ein bisschen über Computerspiele und den Film „Avatar“. „Da wird alles zusammengerührt: Flugsaurier mit Indianerstämmen, die dann aber blaue Haut haben. Der erfolgreichste Film aller Zeiten – Unfassbar!“, ruft er. „Was interessiert Sie?“, fragen wir. „Die Welt ist so groß, so reich, alles Virtuelle ist dagegen ein blasser Schimmer. Davon wird nichts übrig bleiben.“ Harder ist ein Beobachter, ein Chronist, ein Dokumentarmensch.

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Jens Harder: Alpha … Directions. Carlsen, Hamburg. 360 S., 49,90 Euro

7 Comments

  1. Was mir zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht bekannt war, aber nachgetragen gehört: Alpha hat einen (den?) Preis für den Besten deutschen Comic errungen.

    „Am Abend des 4. Juni wurden im Erlanger Markgrafentheater die Max-und-Moritz-Preise 2010 vergeben. Der Preis für den besten Comic-Strip geht in diesem Jahr an „Prototyp” und „Archetyp“ von Ralf König (Frankfurter Allgemeine Zeitung), (..) der beste internationale Comic ist „Pinocchio“ von Winshluss (avant-verlag), der beste deutsche Comic „Alpha. Directions“ von Jens Harder (Carlsen Comics)“
    Quelle: http://groberunfug-comics.blogspot.com/2010/06/erlangener-comicsalon-2010-die.html

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  2. @Stefan

    „Evolution“ im etwas engeren Sinne bezeichnet jedoch einen Ausleseprozess, der mittel zufaelliger Mutation Informationen im weitesten Sinne (z.B. DNA, Loesungen fuer Differenzialgleichungen, Memes, etc.) in staendiger Konkurenz auswaehlt.

    Ein solcher Auswahlprozess findet z.B. der Entwicklung von Sternen nicht statt.

    Hier ein Vortrag von Susan Blackmore ueber moegliche Konsequenzen fuer unsere Spezies:

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  3. Der Begriff „Evolution“ muss nicht auf die Biologie beschränkt sein. Der Wortstamm geht auf das lateinische „evolvere“ zurück, was „weiterentwickeln“ bedeutet. Eine solche Weiterentwicklung findet auf allen Größenebenen im Universum statt.

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  4. Was mich an diesem Bericht stört, ist: die gesamte Entwicklung vom Urknall bis zum Menschen wird als „Evolution“ bezeichnet. Könnte man ja gerade noch akzeptieren – wenn man berücksichtigt, dass es auch so etwas wie „stellare Evolution“ usw. gibt, der Begriff „Evolution“ also nicht auf die biologische beschränkt ist (auch wenn man in der Wissenschaft eigentlich immer die biologische meint, wenn man nur „Evolution sagt“…)

    Aber dann kommen auch noch die Sätze „Ein nicht textlastiger Zugang zur Darwinschen Theorie fehlte möglicherweise bislang. Eine anspruchsvolle zeichnerische Lösung hat nun Jans Harder vorgelegt. “ Das impliziert sehr stark, dass der Autor des Berichts tatsächlich denkt, die Darwinsche Theorie würde die komplette Entwicklung vom Urknall bis zum Menschen beschreiben! *seufz*

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    1. Sorry, das ist nur eine Inkonsistenz verschiedener Textebenen. Keineswegs herrscht bei mir die genannte Verwirrung über die Reichweite der Darwinschen Theorie. Darwin bezieht sich eindeutig auf Biologie. Der Blickpunkt von Harders Buch ist eben diese evolutioniäre Entwicklung der Lebewesen. Die Rede vom Urknall ist lediglich Rhetorik, um den wirklich großen Bogen des Projekts zu umschreiben. Die könnte auch kassiert werden, wenn’s sein muss. Wie du sehr richtig am Beispiel der Astronomie („stellare Evolution“) andeutest, werden Begriffe immer mal wieder metaphorisch ausgeweitet verwendet.

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  5. Hatte das Buch gestern in der Hand und war enorm beeindruckt. Ein gigantisches Werk, voll mit Bildern von zig Lebewesen und schematischen Darstellungen in einem wunderbaren Stil.

    Leider hielt mich der Preis vom Kauf ab. Der Comic wird wohl noch eine Weile auf meiner Wunschliste verweilen müssen.

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