Banale Humanisten bei den Katholiken?


Anselm Grün
Anselm Grün (Public Domain)

Der meinungsstarke Intellektuelle und Journalist bei Springers Die Welt Alan Posener ist immer für ein „Hallo wach“ gut. Was er schreibt, lohnt sich meist zu lesen, auch wenn man nicht unbedingt seiner Meinung ist.

Diesmal hat sich Posener ein Phänomen des Zeitgeists vorgenommen, das genaueres Hinschauen ganz klar verdient. Es handelt sich um eine Strömung halb noch innerhalb halb jenseits dessen, was man als Katholizismus-Kleriker kennt.

Handelt es sich um eine kleine Seitenströmung von Humanisten innerhalb des Katholizismus? Oder ist das „Menscheln“, das Zugänge finden in der Alltagswirklichkeit der Deutschen, das diese Mönche auszeichnet, wirklich nur eine Banalisierung, wie Posener moniert? Das lohnt das Nachdenken.

Die Sehnsucht nach beinharten theologischen Zumutungen (als Gegenbewegung zum weich anbiedernden Mönchs-Humanismus), die Posener für sich konstatiert, teile ich keineswegs, auch wenn ich den Impuls verstehe.  Ungleich interessanter als seine gelungene Schilderung der Akteure fände ich eine Analyse ihres Publikums und deren Beweggründe. Das war nicht Thema, außer für ein paar Seitenhiebe Poseners. Gibt es schon empirische Studien darüber? 

Anmerkung: Die Hervorhebungen im Text – gedacht als Sprungmarken für Überblicksleser – stammen von mir.  Es lohnt sich allemal den verlinkten originalen Gesamttext zu lesen.

Von Alan Posener Die Welt

Wie Anselm Grün & Co die Theologie verniedlichen

Schreibende Ordensleute wie Anselm Grün sind Medienstars. Doch deren banale Auslegungen wecken die Sehnsucht nach beinharten Theologen.

(..) Aus den biblischen Geschichten macht Grün Alltägliches. Opfern wir nicht alle wie Abraham unsere Kinder auf dem Altar des Erfolgs? Bileams Esel sieht einen Engel und will nicht weiter – ist das nicht wie unser Körper, der uns warnt, wenn wir uns überfordern? Wenn Tobias einem männermordenden Dämon begegnet, erinnert das nicht an einen Mann, der nicht von seiner Mutter loskommt? Erinnern uns die Jünglinge im Feuerofen nicht an das Feuer unserer Leidenschaften? Daniel in der Löwengrube, da geht es um aggressives Mobbing, nicht wahr? Und der Engel der Auferstehung: Ist es nicht so, dass er den Stein wegrollt, damit wir auferstehen können aus dem Grab unserer Angst und unseres Selbstmitleids? Eigentlich nicht, aber es kommt an: Bibelkunde als Therapiestunde.

Die muntere Enthistorisierung, Verniedlichung, Banalisierung und Psychologisierung der Theologie erweckt beinahe Sehnsucht nach einem beinharten Theologen wie Joseph Ratzinger, der in seiner kompromisslosen Enge den Gläubigen wenigstens etwas zumutet.

Dieses seichte, aromatherapeutische „Ich bin okay, du bist okay“-Christentum kann es doch nicht sein – aber man blickt um sich und sieht, dass die Leute an den Lippen des Predigers hängen, dass sie seine Worte aufsaugen. Und als er sie am Ende auffordert, aufzustehen, die Arme über der Brust zu kreuzen und mit ihm zu beten, da erhebt sich die ganze Kirche und tut es ihm nach. Das Ökumenische, hier wird’s Ereignis. Und man erkennt: Anselm Grün bedient eine Sehnsucht nach Trost, die eben nicht nur in Hildesheim wach ist und wächst.

Anselm Grün ist nicht der einzige Mönch, der in den letzten Jahren zum Medienstar wurde. Da gibt es Grüns Lehrer, den 85-jährigen Pater und Zen-Meister Willigis Jäger, den der Vatikan mit Rede- und Schreibverbot belegt hat. Da gibt es den Altabt des Klosters Niederalteich, Emmanuel Jungclauss, der durch seinen Widerstand gegen den Donauausbau bekannt wurde und gerade seine Lebenserinnerungen – „Der Strom des Lebens. Vom Glück, sich selbst zu finden“ – vorgelegt hat.

Da ist auch der frühere Cellerar des Bierklosters Andechs und heutige Management-Guru Anselm Bilgri. Und Notker Wolf, der ebenfalls Manager berät und Bücher schreibt und durch seinen Spruch „Gott ist ein Liberaler“ ebenso berühmt-berüchtigt wurde wie durch seine Auftritte mit elektrischer Gitarre zusammen mit der Rockband Feedback. Sie alle sind Benediktinermönche – oder waren es: Jäger lebt „exklaustriert“, und Bilgri ist im Streit aus dem Kloster geschieden. (..)

Bilgri schreibt Bücher mit Titeln wie „Das Hirtenprinzip. Sieben Erfolgsrezepte guter Menschenführung“. Er trägt eine selbst entworfene Fantasieuniform, Hemd mit hochgeschlossenem Kragen, doppelreihige Weste, lange, gestreifte Jacke, irgendwas zwischen Priester und Landarzt, das ihm von der Kostümschneiderin am Theater Pforzheim auf den rundlichen Leib maßgeschneidert wird. Er ist noch Priester – geweiht ist geweiht – und hat seine Dienste der Kirche angeboten. „Aber die Kirche ist es nicht gewöhnt, Angebote anzunehmen, sie gewährt Gnade. Das ist der Umdenkungsprozess, der kommen muss.“ Die Kirche müsse lernen, humanistisch zu denken, um „Authentizität“ – ein Kernbegriff bei Bilgri – wiederzugewinnen. „Der Papst tut mir leid. Er möchte nicht verkniffen sein. (..)

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2 Comments

  1. Herr Jäger ist ganz sicher nicht, auch wenn er zum Medienstar wurde, in einem Atemzug mit jenen zu nennen, die banalisieren. Nicht zuletzt deswegen wurde er ja von der Kirche als keineswegs harmlos (wie z.B. Anselm Grün) eingestuft und mit Redeverbot belegt. Herr Jäger hat nichts von Ichbinokay-Dubistokay und verlangt seinem Gegenüber eine Menge ab, mehr eben als manch ein christlicher Theologe verkraften könnte. Die Psychologisierung des Christentums ist auch nicht eben neu, die hat ja nicht Herr Grün erfunden. Und auch wenn sie auf dem Buchmarkt dank Grüns Fließbandveröffentlichungen populärer und quantitativ sichtbarer wird, war sie schon lange Teil einer Kirche, die sich um Nachwuchs bemüht. Wer einmal in einer Jugendgruppe der Kirche war wird Priester erlebt haben, die die Theologie bis ins Unkenntliche beugen, nur damit sie die Herzen Jugendlicher erobern können, die sich eben nicht für Kreuzestheologie interessieren sondern für Jesus als Buddy und für Christentum als Lebensverbesserung. Insofern finde ich ist der ganze Artikel ein Hype um etwas was weder neu noch beunruhigend ist.

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    1. Die Aussage, dass etwas nicht völlig neu auf der Welt auftaucht, ist, auch wenn es noch nicht jeder bemerkt haben sollte, eine Binsenweisheit. Wenn man nur tief genug gräbt und vor allem abseits des Mainstream, dann findet man immer Vorläufer und weitere Beispiele.

      Schon die Forderung nach völlig Neuem ist – auch wenn sie im Wissenschaftsbetrieb gehätschelt wird – eigentlich ein basales Erfordernis der Medien- und Marketing-Meute. Weder bei Geschäftsmodellen noch bei Technologien, ja nicht einmal in der Kleidermode oder Popmusik gibt es heutzutage häufiger wirklich Neues. Lediglich die Zutaten variieren, so dass es Oberflächendifferenzierungen gibt, die uns als neu verkauft werden.

      Statt uns über die in der Sache witzlose Forderung nach Innovation in diesem Bereich, nennen wir sie mal neutral „Lebenshilfe-Theologen“, das Maul zu zerreißen, sollten wir in der Diskussion lieber die Seite der Rezeption, der Publikumserwartungen in den Blick nehmen. Das hast du unter dem Stichwort „Jesus als Buddy“ ja bereits angerissen.

      Beunruhigend ist das Phänomen in der Tat überhaupt nicht. Wozu auch ständiger Alarmismus? Aber das neugierige Fragen, was denn da abgeht, das ist allemal eine lohnende alltagspraktische wie auch wissenschaftliche Perspektive.

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