Qualitatives statt quantitatives Wachstum


Neue Wege (Public Domain by Jurema Oliveira)

Der Tagesspiegel

Vor fast 40 Jahren sah der „Club of Rome“ das Ende des Wachstums voraus. Nun erfüllt sich die Prognose – und die alte Debatte beginnt von vorn.

Susanne Henkel ist mit Leib und Seele Unternehmerin. Seit mehr als sechs Jahrzehnten produziert ihr Betrieb im schwäbischen Forchtenberg Möbel aus Stahl und beschichtet Metallteile für den Maschinenbau. Die 56-Jährige studierte Juristin führt das Unternehmen in der dritten Generation und kann überzeugend schildern, wie sie Mitarbeiter motiviert oder Kunden bei der Stange hält.

Doch dann sagt die Unternehmerin Henkel auch Sätze wie diesen: „Wenn wir wollen, dass die künftige Welt noch lebenswert ist, dann müssen wir jetzt handeln.“ Und darum hat sie ihr Unternehmen radikal umgebaut. Weniger Strom und Gas, weniger Material, weniger Verschleiß – akribisch trimmt sie die Produktion auf höhere Effizienz und langlebigere Produkte.

Chemikalien werden nur im Kreislauf geführt und ihre Ingenieure entwickeln Werkstoffe, mit denen die Produkte immer haltbarer werden. Sogar ihre Kunden fordert Henkel auf, für verschlissene Möbel aus der Henkel-Herstellung keine neuen zu kaufen, sondern sie wieder aufarbeiten zu lassen – „die beste Kundenbindung, die man sich vorstellen kann“.

Das Ergebnis ist ein höchst ungewöhnliches Geschäftsmodell: Die „Richard Henkel GmbH“ wächst nicht mehr. Und sie muss das auch gar nicht. „Wir produzieren besser und haltbarer, das reicht“, sagt die Chefin, und der Erfolg gibt ihr recht.

Um 20 Prozent ging der Absatz im vergangenen Krisenjahr zurück, trotzdem verlor kein Mitarbeiter seinen Job und es blieb ein guter Gewinn. Denn gleichzeitig verdoppelte sich der Umsatz mit der Aufarbeitung der alten Henkel-Produkte. „Bei uns wachsen die Qualität und damit die Wertschöpfung, aber nicht Produktion und Rohstoffverbrauch“, erklärt die energische Unternehmerin.

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10 Comments

  1. @lupo, Juni 9, 2010 um 7:38 pm

    „…Worauf ich raus will: Das was unsere Volkswirte propagandistisch immer wieder herausarbeiten ist eine Anbetung des ewigen Wachstums. …“

    Wachstum ist trotz seiner Selbstzerstörungsmechanik in begrenzten Systemen ein Sachzwang, der aus der Nutzung nichtregenerierbarer Resourcen entspringt. Die Volkswirte propagieren hier nur, was ohnehin unvermeidlich ist und was sie nicht verhindern können. Denn eine Zivilisation, die auf Basis nicht-regenerierbarer Ressourcen wirtschaftet und mit ihrer Bevölkerung die Anzahl überschritten hat, die ihr ein Leben im Gleichgewicht mit der Natur erlauben würde, kann Wirtschaftswachstum nicht mehr vermeiden, ohne daß ihre Mitglieder verarmen oder, schlimmer, abtreten, oder, noch schlimmer, sterben müßten. Das liegt an der Ressourcennutzung selbst. Denn die Ressourcen bestehen aus genau zwei Teilen, erstens Ressourcen, die zur Gewinnung der Ressourcen selbst notwendig sind, ihrem Selbstzweckanteil, zweitens Ressourcen, die für die eigentlichen Verwendungszwecke der Ressourcen benötigt werden, ihrem Nutz- oder Fremdzweckanteil. Die Beendigung des Wirtschaftswachstums bedeutet das Ende des Wachstums der Ressourcengewinnung. Da aber der Selbstzweckanteil dabei trotzdem unaufhaltsam zunimmt, nimmt der Nutzzweckanteil in gleichem Umfang ab. Der Nutzzweckanteil ist aber der Anteil, der den Wohlstand ausmacht, und der überhaupt die hohen Bevölkerungsdichten über der Gleichgewichtsdichte erlaubt. Ohne die Nutzung nicht-regenerierbarer Ressourcen, also im Gleichgewicht mit der Natur, könnten z. B. auf deutschem Boden dauerhaft höchstens 10 Mio. Menschen leben. Das Leben aller weiteren 80 Mio. wird erst durch den Nutzzweckanteil der gewonnenen nicht-regenerierbaren Ressourcen ermöglicht.
    Und das qualitative Wachstum wird immer auch von Wachstum des Ressourcenverbrauches begleitet
    wie tischl, Juni 9, 2010 um 11:30 pm passend anmerkte.
    Den Gesamtzusammenhang finden Sie hier: http://www.pauserich.de/Definitionen/Inhalt.htm#I_A_Dilemma-der-Menscheit

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  2. @Kuro Sawai:
    „…Heute nach einigen grundsätzlichen Umstellungen erwirtschaftet man seinen Umsatz mehr mit Dienstleistungen…“

    „Möbel für Millionäre in Serienproduktion“ ist das Geschäftsmodell, Dienstleistung ist nur die Wartung bzw. die Installation dieser dekadenten Luxusobjekte. Ansonsten werden noch Stahlteile und Bleche veredelt. Außerdem beweist diese GmbH ja gerade, dass ein Wachstum des BIP bei geringerem Rohstoff- bzw. Energieverbrauch durchaus möglich ist! „…Bei uns wachsen die Qualität und damit die Wertschöpfung, aber nicht Produktion und Rohstoffverbrauch…“.

    „…Linux, das ein anderes, fortschrittlicheres Geschäftsmodell repräsentiert…“

    Linux ist überaus sympathisch, aber die Qualität der Anwendungssoftware hinkt der Konkurrenz inzwischen um Lichtjahre hinterher, nicht zuletzt dank diesem „…fortschrittlichen Geschäftsmodell…“, welches im Privatnutzerbereich hauptsächlich aus Quersubvention besteht.

    „…Was der Brightsblog macht, das lass mal unsere Sache sein…“

    Dies ist inzwischen auch ein gesamtgesellschaftliches Problem geworden, von Nullwachstum meilenweit entfernt.

    Energieverbrauch des Internets in Deutschland:
    – 2003 – 6,8 Mrd. Kilowattstunden
    – 2010 – 31,3 Mrd. Kilowattstunden

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  3. @rheinlaenderinlondon:
    Prinzipiell kann durch Innovationen Wirtschaftswachstum entstehen. Allerdings: Deine tolle neue Kiste, irgendwann hat doch jeder eine davon? Und Du hättest für eine tolle Kiste vor 10 Jahren, sagen wir der Einfachkeit halber, 1000 Euro geblecht. Die Kisten werden von Jahr zu Jahr besser (klar, Innovation), und für 1000 Euro kriegst Du heute eine unglaublich bessere Kiste als vor zehn Jahren, d’accord? Hier findet also qualitatives Wachstum statt, das fließt allerdings *nicht* mit in die Statistik ein! Die andere Möglichkeit wäre, dass irgendwann jeder eine tolle Kiste hat, das wäre dann quantitatives Wachstum. Ich denke, bis hierhin müssten wir uns vollkommen einig sein.

    Ich denke aber mal weiter: Wenn jeder so eine Kiste hat (dieser Prozess nennt sich „Kommoditisierung“, hässliches Wort), wo soll dann noch das Wachstum herkommen? Qualitativ wird es immer so weitergehen, klar, jede Kiste ist besser als die vom letzten Jahr, bei stabilem Preis. Kann also das Wachstum nur noch quantitativ entstehen. Legen wir das Wirtschaftswachstum also mal auf die Kiste um, wir gehen von den hochgelobten 3% aus: Dann kosten Kisten in schlappen 23,5 Jahren das Doppelte (1000*(1,03)^(23,5)). Und das ist inflationsbereinigt, also in die Jetzt-Zeit übertragen.

    Worauf ich raus will: Das was unsere Volkswirte propagandistisch immer wieder herausarbeiten ist eine Anbetung des ewigen Wachstums. Mich erinnert das an irgendwelche abstrusen Fruchtbarkeitsrituale so mancher Stammeskulturen.

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  4. @lupo

    Das Wachstum wird zwar „quanitativ“ in Geldeinheiten gemessen, aber ist durchaus nicht nur „quantiatativ“ in einem strikteren Sinne von groessern Mengen.

    Ein guter Teil des Wachstum basiert auf besseren oder gar vollkommen neuen Produkten: Z. B. die Kiste auf der ich das jetzt schreibe.

    Neue Produkte und Dienstleistungen muessen nicht unbedingt mehr Rohstoff- oder Engerieverbrauch dastellen.

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  5. Wirtschaftswachstum ist in der VWL definiert als die prozentuale Vergrößerung des Bruttoinlandsproduktes (also die Summe aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr in einem Land erwirtschaftet werden) von einem zum nächsten Jahr. Dieses Wachstum ist grundsätzlich inflationsbereinigt, um diesen Effekt des Geldmarktes herauszurechnen.
    Nehmen wir den „Zwang zum Wachstum“ als gegeben hin und schätzen das Wachstum auf eine beliebige positive Prozentzahl, ergibt sich zwangsläufig eine exponentielle Kurve. Es handelt sich dabei um reine Quantität. Wie so etwas in alle Ewigkeit aufrecht erhalten werden soll (also ohne Krieg, Eroberung von Gebieten, Bevölkerungszuwachs, …), konnte mir bisher keiner erklären. Es scheint auch keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität, … zu geben.

    Was wir m.E. nach dringend brauchen, ist ein radikaler Skeptizismus gegenüber der modernen Volkswirtschaftslehre. Mich beschleicht das Gefühl, dass dort ein psychiatrisch aufzuarbeitender gruppendynamischer Zustand vorherrscht.

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  6. „…Bei uns wachsen die Qualität und damit die Wertschöpfung, aber nicht Produktion und Rohstoffverbrauch…“

    Wenn die Produktion nicht mehr wächst, die die Wertschöpfung aber schon, steigt der Preis für das einzelne Produkt. Ungeheuer sozial, dieses Nullwachstum! Außerdem gab’s diesen Unfug ja schon mal in den 80ern…

    Hier schon mal die Preisliste des neuen Sozialismus mit ressourcenschonendem Antlitz:

    Klicke, um auf Preislistebrutto.pdf zuzugreifen

    PS: Wird der BrightsBlog sein Wachstum auch einstellen? Kürzere Artikel auf weniger Seiten in höherer Qualität – oder so?

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    1. @tischl
      Ich schätze, da hast du was nicht verstanden. Diese Firma ist ursprünglich ein Zulieferbetrieb der Metallindustrie gewesen, also industrielle Produktion. Heute nach einigen grundsätzlichen Umstellungen erwirtschaftet man seinen Umsatz mehr mit Dienstleistungen. Demnach der gleiche Fortschritt wie zwischen Bill Gates Konzern, der qualitativ besch. Softwarepakete auf Masse verdealt und Linux, das ein anderes, fortschrittlicheres Geschäftsmodell repräsentiert.

      Übrigens, Produktion hat auf Deutsch mehrere Bedeutungen, falls das noch nicht aufgefallen ist. Sogar Bankster nennen ihre Schrott-Papiere gerne „Produkte“.

      Was der Brightsblog macht, das lass mal unsere Sache sein. Qualitativere Kommentare als dein letzter wären willkommen!

      @lupo

      Was wir m.E. nach dringend brauchen, ist ein radikaler Skeptizismus gegenüber der modernen Volkswirtschaftslehre.

      Stimme zu.

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    2. Kuro Sawai:

      Qualitativere Kommentare als dein letzter wären willkommen!

      Eine gewisse Affinität zum trolligen ist bei Tischl nicht von der Hand zu weisen.

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  7. @Luzifer

    Marx? Also Karl Marx ganz bestimmt nicht. Dieser sah eine Grenze des materiellen Wachstum in der Strucktur der kapitalistischen Produktionsweise und Gesellschaft, die seiner Meinung nach von sozialistischen Gesellschaft ueberwunden werden wuerde (das dies alles etwas anders lief als sich das dachte steht auf einem anderen Blatt).

    „Sorgfaelltiger Umgang mit Rohstoffen“? Nun es gibt einen ganze Reihe von „nichtkapitalistischen“ Gesellschaften, die dort mindestens so viel Unsinn machten wie die kapitalisitsche Gesellschaft. Die Waelder der Lueneburger Heide oder Englands sind vor dem Auftretten des Kapitalismus verschwunden.

    Es ist eigentlich der Kapitalismus, der hier durch den Preis Schranken sich selber setzt und Alternativen sucht. Oel wird wahrscheinlich nicht „alle werden“, sondern die Foerderung wird immer etwas schwerer, der Preis wird steigen und man muss nach Alternativen suchen, die billiger sind.

    Am Rande: Ein klassische Kriegswirtschaft ist keine kapitalistische Wirtschaftsform, sondern eine Plannungs- und Verwaltungswirtschaft in der Produktion und Konsum strikt geregelt und reglementiert ist.

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  8. Das Ende des Wachstums haben u.a. bereits Marx und Keynes vorausgesagt und jeder vernunftbegabte Mensch kann dies blicken. Die Krisen des Kapitalismus bestätigen deren Aussagen. Sie sind nicht Irrtümer innerhalb des Kapitalismus, sondern logische Konsequenz dieses Systems.
    Was den sorgfältigen Umgang mit Rohstoffen angeht, so hat dies noch jede nichtkapitalistische und naturentfremdete Kultur hinbekommen. Das war ungeschriebenes Gesetz, also wahre Kultur.
    In Kriegszeiten (auch Wirtschaftskrieg) entdeckt selbst der Kapitalismus solche Ideenumsetzungen, wie sie von ihnen geschildert wurden.

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