Akademische Rankings Unsinn


Rankings
Rankings (Public Domain)

Der emeritierte Mannheimer Ökonomie-Professor Alfred Kieser (68) ist einer der führenden deutschen Forscher zur Organisationstheorie. Sein Buch „Organisation“ ist ein betriebswirtschaftliches Standardwerk. In der aktuellen Ausgabe der FAZ schlägt er für diese konservative Tageszeitung ungewohnt klare, harte Töne an.

Die in den Medien und mehr noch von den Politikern hochgehaltenen akademischen Rankings erklärt Kieser schlicht für teuren Unsinn. Es kommt eher selten vor, dass ein fachlich ausgewiesener Betriebswirtschaftler sich gegen den herrschenden Zahlen- und Rating-Kult stellt. Seine Argumentation ist allerdings absolut lesenswert. Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) von der Bertelsmannstiftung und seine Freunde beim INSM werden das nicht gerne sehen. Der wertkonservative Kieser steht gegen die üblichen strukturkonservativen, neoliberalen Maßgaben.

(Bold-Markierungen innerhalb des Doku-Textes vom Brightsblog.)

Ranking, Rating, Bibliometrie: Es gibt viele Möglichkeiten, sich bei Urteilen über wissenschaftliche Leistungen vom Lesen und von Kenntnis zu verabschieden. Doch der Anspruch, aus Leistungskennziffern und Ranglisten auf Qualität zu schließen, ist naiv.

Von Alfred Kieser, FAZ.net

Die Tonnenideologie der Forschung

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Die meisten Wissenschaftler machen nie sensationelle Entdeckungen, veröffentlichen nie Aufsätze in absoluten Spitzenzeitschriften, schreiben nie Bücher, die Furore machen und werden nicht zum Hauptvortrag bei internationalen Konferenzen geladen. Nur wenige heimsen Ruhm ein.

Wie aber wird Leistung in der Wissenschaft gemessen? Welche wissenschaftliche Leistung ist höher einzustufen: die Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming oder die These Max Webers vom Protestantismus als Beförderer des Kapitalismus? Diese Frage ist schlicht unsinnig. Ebenso unsinnig ist die, ob ein Aufsatz im „Journal of Marketing“ höher zu gewichten sei als ein Aufsatz im „Journal of Finance“. Selbst innerhalb eines Fachs erweisen sich Forschungsleistungen oft als unvergleichbar. Diese Unmöglichkeit, sie in eine Rangfolge zu bringen, ist häufig die Ursache mühseligen Ringens in Berufungskommissionen. Subjektive Einschätzungen sind unvermeidlich.

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Unsinnige Vergleiche

Der Impact Factor beruht auf der Annahme, dass Wissenschaftler Werke anderer Wissenschaftler vor allem deshalb zitieren, weil sie auf deren Ergebnissen aufbauen. Eine Zeitschrift, deren Aufsätze häufiger zitiert werden, würde dann einen höher zu bewertenden Beitrag zur Wissenschaft leisten und könnte eine höhere Qualität beanspruchen als eine Zeitschrift, auf deren Aufsätze Wissenschaftler weniger häufig zugreifen. Die Forschungsleistung eines Wissenschaftlers kann dann als Summe seiner mit den jeweiligen Impact Factors gewichteten Veröffentlichungen erfasst werden. Auf dieser Basis kann man dann auch ein Ranking von Wissenschaftlern erstellen und die Position einer ganzen Fakultät für ein Fakultäten-Ranking aus den Rangplätzen der in ihr tätigen Wissenschaftler aggregieren. So geht in Deutschland das „Handelsblatt“ vor, allerdings nicht auf der Basis der Impact Factors, sondern aufgrund einer Zeitschriften-Gewichtung durch Mitglieder des Verbands der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft.

Die ersten beiden Plätze des Handelsblatt-Rankings für Betriebswirtschaftslehre werden von zwei Professoren der Fakultät für Betriebswirtschaftslehre der Mannheimer Universität belegt. Das ist aus Sicht eines Mannheimer Universitätsangehörigen sehr erfreulich, aber es ist gleichwohl unsinnig. Dass beide in ihren Fächern international hochrenommierte Wissenschaftler sind, kann einem jeder Insider versichern. Was die beiden jedoch forschen und was sie veröffentlichen, ist nicht vergleichbar und nicht in eine Rangfolge zu bringen. Der eine forscht zu Marketing, der andere zu Banken und Finanzierung. Die Feststellung, dass der eine Nummer eins und damit besser als die Nummer zwei ist, wäre so sinnvoll wie die, dass Tiger Woods im Vergleich mit Roger Federer der bessere Sportler ist.

Marktgerechte Forschung

Wenn aber Rankings von Wissenschaftlern unsinnig sind, dann auch auf ihnen aufbauende Rankings von Fakultäten und Universitäten. Trotz ihrer Absurdität sind Rankings von Wissenschaftlern und Wissenschaftsinstitutionen ungemein populär. Viele Berufungskommissionen, Dekane und Universitätspräsidenten richten ihre Entscheidungen nach ihnen aus. Ihre Popularität gründet sich vor allem darauf, dass sie den Prozess der Bewertung abkürzen. Man multipliziert einfach die Aufsätze der Bewerber mit den zugehörigen Impact Factors und addiert die so ermittelten Punkte. Dazu muss man nicht einmal ein Angehöriger des betreffenden Fachs, ja nicht einmal Wissenschaftler sein. Wissenschaftler sind darum gut beraten, eine Art von Forschung zu betreiben, die sich zu Aufsätzen verarbeiten lässt, die mit großer Wahrscheinlichkeit von hoch gerankten Zeitschriften zur Veröffentlichung angenommen werden.

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Wissenschaftler auf dem Trampelpfad

Und Wissenschaftler versuchen, aus ihren Forschungsprojekten so viele Aufsätze wie möglich zu pressen. Das geht so ähnlich wie bei den Kombinationsbilderbüchern, bei denen man mit jeweils einigen Streifen verschiedener Hüte, Gesichter, Bäuche und Beine ganz viele lustige Figuren erzeugen kann. Mit dieser Methode bringt es ein Betriebswirt Anfang dreißig auf 36 internationale Veröffentlichungen in drei Jahren.

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Ein Gedanke zu “Akademische Rankings Unsinn

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