Unding muslimischer Humanismus?


Mouhanad Khorchide, Professor für Islampädagogik Uni Münster (Bild: WWU - privat)
Mouhanad Khorchide, Professor für Islampädagogik Uni Münster (Bild: WWU - privat)

DeutschlandRadio Kultur

Mouhanad Khorchide: Der Islam ist keine Gesetzesreligion

(Der neu berufene Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster) Mouhanad Khorchide betont den spirituellen Charakter des Islam: „Die Religionen sind da, um die Menschlichkeit in uns hervorzuheben“, sagt der Professor für islamische Religionspädagogik. Weil viele Muslime aber den Islam wie ein juristisches Schema auffassten, sähen sie sich „teilweise im Widerspruch zum Rechtsstaat“.

König: Sie wurden geboren als Sohn palästinensischer Flüchtlinge in Beirut, wuchsen in Saudi-Arabien auf, haben in Österreich Islamwissenschaft und Soziologie studiert, haben auch einen theologischen Abschluss an einem sunnitischen Institut in Beirut gemacht. Sie haben also verschiedene Lesarten des Islam selber miterlebt. Was für eine Vorstellung, was für eine Überzeugung vom Islam haben Sie dabei für sich selber gefunden?

Khorchide: Sehr zentral, dass der Islam keine Gesetzesreligion ist, also, das ist ein zentraler Punkt für mich, weil viele Muslime fassen den Islam so auf, als eine Gesetzesreligion. Es geht nur um Erlaubtes und Verbotenes, es geht nur um Gesetze, die man einfach befolgen soll, sich daran halten soll und es geht am Ende nur darum, ja nicht in die Hölle zu gehen, sondern ins Paradies. Ich glaube, der Islam ist viel mehr als nur Gesetze. Es geht erstens um Spiritualität, um eine Beziehung zu Gott aufzubauen, die auf Liebe, auf Warmherzigkeit basiert, und diese Liebe und Warmherzigkeit muss sich dann widerspiegeln im Handeln des Einzelnen seinen Mitmenschen gegenüber. Auf der anderen Seite geht es auch um Ethik, ethisches Verhalten. Das sind die zentralen Punkte für mich, im Islam genauso wie in jeder anderen Religion, diese spirituelle Dimension, diese ethische Dimension jenseits von Gesetzen.

König: Einen muslimischen Humanisten haben Sie sich mal genannt, da kommt ja nun noch eine Traditionslinie mit ins Spiel, die des europäischen Humanismus. Wie fügt sich der zu dem, was Sie eben sagten?

Khorchide: Mir ist sehr wichtig der Gedanke, dass Religionen für die Menschen da sind und nicht umgekehrt, und deshalb ist der Mensch im Zentrum der Überlegungen von Religion. Es geht darum, dass … also, für mich auch als gläubiger Mensch geht es um den Glauben, dass Gott durch seine Barmherzigkeit Botschaften den Menschen geschickt hat, damit es ihnen besser geht. Also, es geht darum, dass der Mensch sich wohlfühlt, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. Es geht gar nicht darum, Grenzen zu ziehen und zu sagen, wir und die anderen, die Muslime und die anderen, oder die Christen und die anderen.

Es geht gar nicht darum, dass … also, um die Frage, wer besser ist, wer schlechter, sondern es geht um den Menschen. Und die Religionen sind da, um die Menschlichkeit in uns hervorzuheben. Je menschlicher ein Mensch ist, desto religiöser ist er, und dafür gibt es unterschiedliche Weltanschauungen und unterschiedliche Wege, die teilweise auch vielleicht nicht viel mit Religion zu tun haben können. Aber die sind alle berechtigt und die sind alle Wege zum Menschsein.
(…)

Man hat das Gefühl, der Islam ist ein juristisches Schema, das möglichst alle Lebensbereiche erfassen soll und den Menschen genau vorschreiben soll, wann er wo was zu tun hat – was nicht der Fall ist. Also, wenn man den Koran liest, wird man zwei Drittel des Korans spirituelle Aspekte sehen und 90 Prozent des anderen Drittels geht es um Geschichten von anderen Propheten, geht es um Gottesdienst. Es geht gar nicht um Gesetze und juristische Aspekte.

Und wenn man den Islam so versteht, also, diese Offenheit, dass es um Spiritualität, um Ethik geht, dann, glaube ich, ist der Islam auch sehr willkommen und wird als große Bereicherung auch für die europäische Kultur angesehen. Wenn man allerdings jetzt jungen Menschen erzählt, es gibt gewisse Gesetze, Gesetze, die die Staatsordnung betreffen, islamische, die teilweise vielleicht im Widerspruch zum Rechtsstaat, und sie vor die Wahl stellt jetzt, wenn ihr Muslime sein wollt, dann müsst ihr an diese Gesetze, die im Islam sind, euch halten und die anderen ablehnen, dann stellt man die Menschen klar vor die Frage entweder oder. Und deshalb geht es darum, wie man den Islam versteht. Sehr zentral, wie gesagt, Islam in seinen spirituellen und ethischen Dimensionen zu verstehen, …

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5 Comments

  1. Ursprünglich stand der Artikel in der ZEIT, leider ist er dort nicht mehr abrufbar.

    Mir geht es auch nicht darum, wer den Artikel dokumentiert, mir geht es vielmehr um den Inhalt.

    Mit denen, die den Artikel ins Netz gestellt haben, hab ich nichts zu tun.

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  2. Hast Du eine Ahnung, wie orthodoxer Islam funktioniert?

    Schon was davon gehört, nach welchem sehr strikten System da Regeln abgeleiet werden, „usul- al fiqh“, jemals was davon gehört?

    Klar, kann man sich auch einen anderen Islam vorstellen, den gibt es sogar schon, beispielsweise bei den Aleviten und den Isma’iliten, das zieht aber so gut wie keine anderen Muslime an.

    Seit 1839 (Edikt von Gülhane) wird intensiv am sunnitischen Islam herumreformiert, aber bisher so gut wie ohne Erflog, es geht sogar seit den 1970er Jahren wieder massiv in Richtung klassischer Orthodoxie.

    Was Khorchide betreibt, ist nichts anderes als Augenwischerei! Wie schrieb Bassam Tibi doch damals so schön: „Selig sind die Belogenen“:

    efg-hohenstaufenstr.de/downloads/texte/selig_sind_die_belogenen.html

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    1. @Marti, orthodoxen Islam kritisieren und dann auf ne evangelikale, fundamentalistische Webseite verlinken. Eine tolle Belegstelle, die hab ich entschärft.

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  3. @Marti
    Da die Theologie unabhängig von der Religion eine Geisteswissenschaft ist, das heißt, daß bei gleichen Vorraussetzungen nicht immer das Gleiche herauskommen muß und es keine absolute Wahrheit gibt.

    Khorchide sagt seine Meinung und schildert seine Ansichten, da spielen die angeblichen Ansichten anderer keine Rolle.

    Ethik ist wie vieles andere Ansichtssache, was zur Ethik gehört, ist nicht in Stein gemeißelt und selbst religiöse Extremisten haben eine Ethik, nur schaut sie bei denen ganz anders aus.

    Khorchide lügt nicht und versucht auch nicht zu täuschen. Man kann seine Ansichten respektieren.

    Ich nehme an, daß seine Martiheit geistig den Mob von PI-NEWS und co nahe steht, denn anders lassen sich die Worte seiner Martiheit nicht erklären.

    Der Humanismus kennt keine Grenzen und zum Humanismus kann jeder finden, der bereit ist weltan-schaulichen und religiösen Dogmatismus und Extremismus hinter sich zu lassen. Humanismus ist universell und von jeder Richtung aus erreichbar.

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  4. Was Khorchide da ablässt, ist mal wieder Täuschung in Reinkultur. Für 95% der Muslime (alle Sunniten und auch sehr viele Schiiten) ist der Islam nicht nur der Koran, sondern auch Sunna, das heißt Überlieferung über den Propheten, und dabei geht es ganz überwiegend um haarkleine Gesetze, die jeden Aspekt des leben genau Regeln.

    Und für diese 95% der Muslime ist Ethik und islamisches Recht ein und das selbe, rationales Nachdenken über gut und böse gibt es da nicht.

    Der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban hat es mal in der taz lapidar so ausgedrückt:

    „Es gibt keine Ethik im Islam“

    http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2003/09/02/a0184

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