Die UNO in der biblischen Prophetie


Eine russische Ikone des Propheten Daniel, der eine Schriftrolle mit seiner Prophetie hält und auf den „ungebrochenen Berg“. (Dan 2, 34-35 ELB). Aus dem 18ten Jahrhundert. Quelle: wikipedia

Bei manchen esoterischen oder wissenschaftskritischen oder kreationistischen Texten kann man sich nur noch fassungslos fragen, in welcher Welt die Autoren leben. Der Text „Die UNO in der biblischen Prophetie“ (progenesis.ch), in dem die Worte des alttestamentarischen Propheten Daniel auf die Welt in heutiger Zeit angewendet wird, ist ein solcher, und man kann ihn lesen als Zeugnis dafür, was mit Menschen geschieht, die aufgrund fundamentalistisch-dogmatischen Denkens den Realitätsbezug verloren haben.

Prof. Dr. Andreas BeyerFachhochschule Gelsenkirchen

„Progenesis“ gibt sich mit diesem Text (und mit etlichen anderen) unmissverständlich als Teil des protestantischen, bibel-fundamentalistischen Milieus zu erkennen, das sich von den USA kommend in Europa ausbreitet. Das im Auge zu haben ist wichtig, weil der Verein auch beansprucht, wissenschaftliche Argumente gegen die Evolutionstheorie ins Feld führen zu können. Wie wenig es um Wissenschaft geht, und wie sehr um die Verbreitung der bibel-fundamentalistischen Ideologie, beweist hier der Umgang mit dem alttestamentlichen Buch Daniel.

Es ist – abgesehen davon, dass es psychologisch interessant ist – für eine Industrie- und Bildungsgesellschaft von elementarer Wichtigkeit zu verstehen, unter welchen Umständen es zu derartigen Ansichten kommt. Was also ist typisch für solche Texte?

Erstens fällt auf, dass in all solchen Fällen die Offenbarungstexte – gleich ob der Bibel, dem Koran oder anderen Quellen entnommen – verabsolutiert werden. Sie werden nicht hinterfragt und es werden keinerlei Sekundärquellen heran gezogen. Historischer und geistesgeschichtlicher Kontext, in dem die Texte entstanden sind, werden ignoriert, ebenso werden alle, z.B. biblisch-historischen oder textanalytischen, Erkenntnisse, die in Bezug auf ihre Herkunft mittlerweile in großem Umfang vorliegen, beiseite gelassen oder abgelehnt: Das Buch Daniel stammt von Daniel, die Bücher Mose von Mose, Punkt!

Zweitens scheinen die Übereinstimmungen zwischen prophetischem Text und historischer Realität – folgt man den Darlegungen der Autoren – zunächst überraschend und geradezu frappierend. Bei näherem Hinsehen bemerkt man aber mit steter Regelmäßigkeit,

  1. dass in Bezug auf die Interpretierbarkeit die – mathematisch gesprochen – Freiheitsgrade in der Auslegung sehr hoch sind. Die Aussagen sind, wie beim Delphischen Orakel, immer sehr allgemein und vor allem mehrdeutig und metaphorisch verschlüsselt. (Hier wäre eigentlich die Frage angebracht: wieso? Wofür ist eine Prophezeiung gut, die kaum verständlich und alles andere als eindeutig ist?).
  2. Die prophetischen Texte müssen trotz ihrer allgemein gehaltenen Aussagen mit sehr viel Phantasie – teils regelrecht gewaltsam – interpretiert werden, damit sie „passen“. Was sich einigermaßen in das Interpretationsschema des Autors einfügen lässt, wird akzeptiert, alles andere einfach unterschlagen oder ignoriert.
  3. Ferner ist festzustellen, dass sämtliche „Vorhersagen“ immer erst im Nachhinein „erkannt“ werden – Prüfstein wäre z.B., wenn es durch Studium des Korans, der Bibel oder Nostradamus’ Texten gelänge, ein konkretes und dabei unerwartetes Ereignis oder bestimmte, bislang unerkannte Fakten im Vorfeld zu prognostizieren. Das ist jedoch noch niemandem gelungen.
  4. Macht man sich die Mühe, die historische Perzeption und Interpretation derartiger Vorhersagen zu recherchieren, dann stellt man fest, dass in der Regel Dutzende von Auslegungen unentscheidbar nebeneinander stehen, wobei keine plausibler als die andere erscheint.

Und dennoch ist die wörtliche Wahrhaftigkeit der biblischen Prophezeiungen in fundamentalistisch-biblizistischen Kreisen unantastbar, sakrosankt. Was ist der Grund dafür? Man kann wohl davon ausgehen, dass die Autoren bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht bewusst die Unwahrheit sagen und tatsächlich ihre ehrlichen Überzeugungen vertreten. Woher kommt dann die Realitätsverleugnung, die praktisch vollständig immun ist gegen sachliche, rationale Argumente?

Teils mögen fehlende Bildung oder Naivität der Grund sein, teils aber sicherlich eine tief sitzende Angst vor einem „Domino-Effekt“, was die Autorität der Bibel angeht: Wenn das Buch Daniel im AT nicht von Daniel persönlich geschrieben wurde und wenn die Prophetien eine andere, viel hintergründigere Geschichte erzählen, dann beweist der Bibeltext womöglich auch nicht, dass Jesus der Messias ist, dann ist er womöglich gar nicht auferstanden, und dann bricht der gesamte christliche Glaube zusammen. Also wählt man den einfachsten Weg, deklariert die Bibel als irrtumslos und verbietet sich selbst das Denken, vor allem aber das kritische Denken und das Zweifeln: eine Haltung, die für eine Bildungsgesellschaft fatal werden kann. Die Türkei sowie die USA zeigen, wie weit dieser Prozess selbst in unserer modernen Welt gehen kann; in anderen Ländern inklusive den ehemals „atheistischen“ des ehemaligen Ostblocks scheinen analoge Entwicklungen im Gange zu sein oder bevor zu stehen. Dass der wörtliche Bibelglaube nicht selten mit endzeitlichen Erwartungen gekoppelt ist, die auch einen gewalttätigen „Endkampf“ vor der Ankunft des Reiches Gottes einschließen, kann in einer Welt voller Konfliktherde und konkurrierender Interessen ebenfalls nicht beruhigen.

6 Comments

  1. Als ob Prophezeiungen so leicht zu verstehen wären…
    Per Definition sind Prophezeiungen mehrdeutig, alles andere als klar, „neblig“, verschwommen und es gibt keine wissenschaftlich anerkannte Gebrauchsanweisung wie man diese richtig deutet.

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  2. @Monika Ederer-Mosing
    Nicht ALLE nehmen den Koran wörtlich. Da gibt es sehr wohl auch Deutungen. Und sehr wohl nehmen MANCHE die Bibel wörtlich. Wenn Sie dies anders kennen: schön. Ist aber nicht die Regel. Ich kenne durchaus intelligente Christen, die ganz genau wissen, welche Teile wörtlich zu nehmen sind. Und welche nicht. Irgenwie seltsam ist – die wörtlich zu nehmenden Teile haben häufig mit den eigenen Wünschen, Vorlieben und Einstellungen zu tun 😉

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  3. „…Man kann wohl davon ausgehen, dass die Autoren bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht bewusst die Unwahrheit sagen…“

    ich behaupte mal frech, das gilt nur für die gehirngewaschenen anhänger und nicht für die rädelsführer solcher ideologien – die nutzen den blinden gehorsam ihrer opfer ohne irgendwelche skrupel aus.
    und falls sie selber an ihre wahnvorstellung glauben, sind sie in der tat geistesgestört und gehören besser in psychiatrische behandlung als auf die kanzel einer gemeinde.

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  4. Was hier über Bibel und Koran steht, stimmt natürlich, aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Bibel und Koran: Bei zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen gilt derzeit zwar nicht die Bibel, wohl aber der Koran als absulut unantastbar. Jeder rationale Einwand gegen seine Lehren wird mit heftiger Empörung als „Rassismus“ und „Hetze“ bezeichnet. Ich habe das bei Veranstaltungen mehrerer politischer Parteien erlebt, ja sogar bei „feministischen“ Veranstaltungen und bei Leuten, die sich zum Atheismus bekannten. Und wenn rationale Argumente überhaupt nicht die geringste Chance haben, wozu dann noch politische Veranstaltungen besuchen? Gegen den herrschenden Zeitgeist ist Logik machtlos.

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