Evolutionäre Entwicklungsbiologie (Evo-Devo)


Von Martin NeukammAG EvoBio

Die grundlegenden Irrtümer der Studiengemeinschaft ‚Wort und Wissen‘

Im Buch „Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus“ (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. ISBN 978-3-525-56941-2) befasst sich ein Kapitel mit dem Thema „Evolutionäre Entwicklungsbiologie“ (kurz: Evo-Devo) – eine neuere Disziplin, die Prozesse in der Embryonalentwicklung sowie den Einfluss der daran beteiligten Gene untersucht, um zu verstehen, wie neue Merkmale in der Evolution entstehen. Wie nicht anders zu erwarten, hat die evangelikale Vereinigung Wort und Wissen (W+W) darauf reagiert und es kritisiert. Dabei wird der Eindruck erweckt, Evo-Devo präsentiere über keinerlei Mechanismen zur Erklärung der so titulierten „Makroevolution“, sondern nur „Ideen“ und vage Vorstellungen.

Den Autoren wird unterstellt, sie würden nur „notwendige Bedingungen und bloße Beschreibungen möglicher evolutionärer Änderungen der Ontogenese“ auflisten und es versäumen, auf die angeblich „fehlenden empirischen und experimentellen Belege“ für die behaupteten evolutiven Prozesse hinzuweisen. Ferner wird behauptet, die Autoren verwendeten Fachbegriffe in sinnentstellender Weise, und ihr Text sei „durchsetzt von unwahren und sinnentstellenden Aussagen“. Auffallend sei „hier besonders eine fehlerhafte und geschönte Widergabe der Ausgangssituation der Evolutionsbiologie, sachliche Entstellungen von Argumenten sowie eine inkorrekte Einverleibung von Evo-Devo in das überkommene Gebäude der Synthetischen Evolutionstheorie“ usw.

Im vorliegenden Diskussionsbeitrag (Hemminger et al. 2010) analysieren die Autoren die von W+W bekannten

Neukamm, M. (2009, Hg.): Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. 1. Auflage 400 Seiten. Preis: 39,90 €. ISBN: 978-3525569412

methodischen und inhaltlichen Fehler im Detail und weisen die Anwürfe Reinhard Junkers als unqualifiziert zurück. W+W treibt den Skeptizismus bewusst auf die Spitze, wodurch, so das Kalkül, der Eindruck generellen Zweifels und der Ungewissheit vermittelt wird. Auf diese Weise soll versucht werden, den Schöpfer ins Spiel zu bringen. Dies hat aber zur Folge, dass die Kritik mit naturwissenschaftlichem Denken und empirisch-wissenschaftlicher Methodik nicht mehr allzu viel zu tun hat. Auch an weiten Teilen des Inhalts des von W+W kritisiertes Textes geht die Kritik vorbei. Im Fall der Autoren betrifft das u. a. die angeblich falsche Verwendung von Fachbegriffen.

W+W nimmt nicht zur Kenntnis, wie empirische Wissenschaft funktioniert und was das Wesen des naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns ist. Zwar klingen die vorgebrachten Argumente möglicherweise für Laien plausibel, fallen aber bei näherer Betrachtung in sich zusammen. Z. B. ist es offensichtlich, dass W+W noch immer nicht verstanden hat, was man in den Naturwissenschaften unter einer „Erklärung“ versteht. Die Behauptung, Evo-Devo liste nur „bloße Beschreibungen möglicher evolutionärer Änderungen der Ontogenese“ auf, zeugt von einer dramatischen Verkennung elementarer wissenschaftstheoretischer Zusammenhänge. Wer darüber hinaus behauptet, es fehlten „experimentelle Nachweise“, der kann nicht ernsthaft behaupten, sich mehr als nur oberflächlich mit Evo-Devo beschäftigt zu haben und muss sich fragen lassen, ob er das Buchkapitel der Autoren überhaupt gelesen hat. Inzwischen verfügen wir nämlich zum Teil schon über sehr detaillierte Einsichten und belastbare Modelle, die erklären, wie in der Evolution qualitativ neue Merkmale entstehen. Und wir können mithilfe neuer effizienter Methoden beobachten, wie sich durch Veränderungen in der Embryogenese die Komplexität und Vielfalt erhöht. Die Entdeckung des genetischen „Werkzeugkastens“ ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Arten von einem einfachen gemeinsamen Vorfahren abstammen, der dann modifiziert wurde. Die Verweigerung gegenüber solch elementaren Erkenntnissen lässt sich nur mit weltanschauliche Scheuklappen erklären, die im Falle Reinhard Junkers offensichtlich sind: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf, und darum wird jeder evolutionäre Mechanismus, jedes empirische Moment und jedes Modell so umgedeutet, dass es nicht mehr zur Erklärung taugt.“

Um eine Makroevolution „wegzuerklären“, verfährt W+W nach folgender Strategie: Es werden gezielt Hürden aufgebaut, die in Wahrheit nicht existieren. Sei es, dass Evolution komplizierter und unwahrscheinlicher gemacht wird, als sie in theoretisch angenommen werden muss, sei es, dass Gegensätze zwischen den verschiedenen Teiltheorien (z. B. zwischen der Synthetischen Evolutionstheorie und Evo-Devo) konstruiert werden, die es nicht gibt, sei es, dass wichtige evolutionsbiologische Erkenntnisse missachtet oder so umgedeutet werden, dass der Eindruck entsteht, sie sprächen gegen Evolution. Dass dabei – immer wieder – zentrale Teile unserer Argumentation sowie theoretische und empirische Fortschritte der Wissenschaft ignoriert werden, liegt auf der Hand.

Als Fazit kann festgehalten werden, dass eine kompetente Kritik an der Evolutionstheorie seitens der Studiengemeinschaft W+W weiterhin auf sich warten lässt. Dem Leser sei empfohlen, die beiden Texte von W+W sowie das Evo-Devo-Kapitel aus unserem Buch sorgfältig zu studieren und miteinander zu vergleichen.

Quellen

Hemminger, H./Beyer, A./Neukamm, M. (2010) Evolutionäre Entwicklungsbiologie (Evo-Devo): Die grundlegenden Irrtümer der Studiengemeinschaft Wort und Wissen.(pdf)