Fußball und Glaube


RITUAL: Deutsche Fans halten ihr Bekenntnis hoch – damit die Mannschaft es sieht. Foto: H. Kemme

Glaube und Aberglaube begleiten das Spiel, wecken irrationale Hoffnungen und erklären unerklärbare Siege. Fans und Spieler geben ihrer Sehnsucht Rituale. Die Parallelen zur Religion liegen auf der Hand. Eine Ausstellung in Osnabrück macht sie sichtbar.

VON HERMANN QUECKENSTEDTRheinischer Merkur

Zweimal berührte der Arm Luis Fabianos am vergangenen Sonntagabend im Strafraum den Ball. Dann platzierte der Brasilianer ihn – per Fuß – zum 2:0 im Tor der Elfenbeinküste. Die Frage des Reporters nach dem Spiel schien unvermeidlich: War es wieder die „Hand Gottes“, die das Leder leitete? So hatte Argentiniens „Fußballgott“ Diego Maradona sein Tor gegen England 1986 bei der WM in Mexiko gerechtfertigt, bei dem er den Ball mit ausgestreckter Hand über Englands Torhüter hinweg in die Maschen beförderte. Damals verschaffte Maradonas „göttlicher Fingerzeig“ seinen Landsleuten Genugtuung für die militärische Niederlage 1982 auf den Falklandinseln. Fabiano dagegen beschwichtigte: Sein Tor sei kein Regelverstoß durch absichtliches Handspiel.

Trotz solcher Zurückhaltung dokumentiert auch die Weltmeisterschaft in Südafrika wieder die Symbiose zwischen Fußball und Religion, die – je nach Erdteil und Region – mal zu einer skurrilen Sakralisierung des Sports, mal zum Einsatz von Zauberei auf und neben dem Spielfeld führt.

Vor Anpfiff der WM sorgten Geschichten über afrikanische Zauberer für Schlagzeilen: Sie stärkten per Magie die Teams ihrer Auftraggeber oder sie verhexten das Spielfeld und schwächten die Gegner. Der Publizist Oliver G. Becker hat solcherlei Treiben untersucht und seine Recherchen unter dem Titel „Voodoo im Strafraum“ vorgelegt. Ihm gilt der deutsche Trainer Dietmar Demuth als Gewährsmann: „Mal haben meine Spieler einen Hahn in der Kabine geschlachtet und das Blut verspritzt, und einmal haben sie einer weißen Katze den Hals umgedreht, weil sie ihr die Schuld für die Niederlage gegeben haben“, berichtet Demuth über seine Erfahrungen beim Ashanti Gold SC im ghanaischen Obasi. Ernst Middendorp – Fußballlehrer sowohl bei Arminia Bielefeld und dem VfL Bochum als auch bei Hearts of Oak und Asante Kotoko in Ghana sowie den Kaizer Chiefs im südafrikanischen Soweto – gewinnt magischen Ritualen Nutzen ab: „Wenn es darum geht, Stärke vor dem Spiel zu tanken, ist das doch toll.“ Folgerichtig kletterte er mit seinen Spielern über Mauern, wenn das Team die Eingangstore für verhext hielt.

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