Die Domestizierung Gottes


DANIEL DENNETT (68) ist Religionskritiker und Philosoph an der Tufts University in Medford, Massachusetts. Dennett sprach in Berlin auf Einladung des Dahlem Humanities Center der... - Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Religion hat sich in den letzten 100 Jahren mehr geändert, als in den 1000 Jahren zuvor. Der Philosoph Daniel Dennett spricht im Interview über gläubige Menschen, ungläubige Priester und wie man auf Mohammed-Karikaturen reagieren sollte.

Der Tagesspiegel

Herr Dennett, Sie sind Atheist. Warum erforschen Sie ausgerechnet Religion?

Weil sie ein sehr wichtiges Phänomen ist. Wenn wir im 20. Jahrhundert etwas gelernt haben, dann, dass gute Absichten nicht genug sind. Fast jedes Problem, mit dem wir konfrontiert sind, ob das die Verteilung von Reichtum oder Wasser ist oder die Verbreitung von Krankheiten, wird durch religiöse Phänomene verkompliziert. Die muss man verstehen, sonst riskiert man, trotz guter Absichten folgenschwere Fehler zu machen. Religion hat sich in den letzten 100 Jahren mehr geändert, als in den 1000 Jahren zuvor. Und vielleicht wird sie sich in den nächsten 20 noch einmal mehr verändern als in den letzten 100 Jahren.

Und in welche Richtung?

Wir sind so überzeugt, dass soziale Bewegungen träge sind. Ich glaube, das stimmt nicht. Die Dinge können sich sehr schnell ändern. In Vorträgen sage ich: Wer weiß, was in 20 bis 30 Jahren ist, und ich zeige ein Dia des Vatikans. Wird das hier vielleicht das europäische Museum für die römisch-katholische Kirche sein? Und das hier, dann zeige ich ein Foto von Mekka, wird vielleicht ,Disneys Magisches Königreich von Allah’ sein.

Das sollten wir vielleicht nicht drucken.

Doch, das sollten Sie. Im Übrigen: Ich glaube, die Welt hat eine hervorragende Gelegenheit verpasst, als die Mohammedkarikaturen erschienen. Ich glaube, jede Zeitung, jedes Magazin, jede Nachrichtensendung hätte sofort diese Bilder zeigen sollen. In Wirklichkeit war das doch eine Machtergreifung der radikalen Muslime. Die liberalen Muslime, die in der Mehrheit sind, wollten unbedingt, dass wir etwas tun, aber wir haben nichts unternommen und so haben wir den besten Elementen im Islam den Teppich unter den Füßen weggezogen. Dabei hätten wir die Aufregung einfach abtun sollen.

weiterlesen

1 Comment

Kommentare sind geschlossen.