Verschleppung im Kloster Ettal


Kloster Ettal
Kloster Ettal (CC-by-sa/2.0/en by Andreas H?emeier)

Im Kloster Ettal wurden über Jahrzehnte Schüler misshandelt, missbraucht, gequält. Vor vier Monaten kündigten die Mönche an, alle Fälle aufzuklären, doch die Wahrheit sieht anders aus.

Von Bastian Obermayer und Rainer Stadler, SZ Magazin

Seine Vergangenheit am Internat von Kloster Ettal holt Roman Hofer* (Name geändert) am Morgen des 5. März 1999 ein, auf der Bundesstraße B 20 zwischen Straubing und Landau in Niederbayern. Als er den Verkehr im Rückspiegel beobachtet, kann er plötzlich seine Augen nicht mehr kontrollieren, sie rollen zur Seite, sein Puls beginnt zu rasen, er fängt an, heftig zu schwitzen. Auf der Rückbank sitzt sein sechsjähriger Sohn.

»Was passiert mit ihm, wenn ich jetzt sterbe?«, schießt es Roman Hofer durch den Kopf. Er schafft es noch bis zum nächsten Parkplatz und ruft dort den Notarzt. Im Krankenhaus wird er gefragt, ob er schon mal einen Herzinfarkt hatte. »Herzinfarkt, mit 35?«, entgegnet Hofer irritiert, »ich bin Langstreckenläufer, ich trainiere fast jeden Tag!« Nach fünf Tagen EKG und Betablockern wird er entlassen, ohne Diagnose, aber mit dem Rat, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Der hört sich seine Symptome an, dann fragt er: »Junge, wer hat dich in deiner Kindheit ermordet?«

Wenn die Psyche eines Menschen von dem überwältigt wird, was ihm das Leben angetan hat, sendet sie Warnsignale an den Körper, so erklärt es ihm der Therapeut. Roman Hofer wurde zwischen seinem 12. und 17. Lebensjahr am Kloster Ettal vom Erzieher Pater Magnus mindestens fünfzigmal missbraucht; »Sexualverkehr in allen Varianten«, so beschreibt es Hofer. Nur die Küsse des Geistlichen konnte er abwehren. Zum Missbrauch durch Pater Magnus kamen die Prügel des Paters Gabriel, der ihn in der sechsten Klasse regelmäßig wegen schlechter Noten schlug, mit der flachen Hand und voller Wucht auf den nackten Hintern des damals Zwölfjährigen.

Nach seinem Zusammenbruch auf der Bundesstraße fängt Roman Hofer eine Therapie an, langsam gewinnt er wieder die Kontrolle über sich, die Schweißausbrüche werden weniger. Zurück bleiben tiefe Selbstzweifel – und Hass: Fast jedes Jahr denkt er an Ostern darüber nach, den Festgottesdienst in der Ettaler Klosterkirche zu stürmen und »rauszuschreien, was für Schweine hier am Werk sind«. Als Ende Februar 2010 die Zeitungen berichten, im Internat von Kloster Ettal seien Schüler von Geistlichen sexuell missbraucht worden, kann er es kaum fassen. Zum ersten Mal wird ihm klar, dass er nicht das einzige Opfer war.

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