Das Gehirn – ein Unfall der Natur


und der Designer Gottes

Von Wolfgang Schneiderwelt online

Das menschliche Gehirn – die Krone der Schöpfung! Was tragen wir da doch für einen Supercomputer auf dem Hals herum, durchschnittlich nur 1,5 Kilogramm schwer. Solcher verbreiteten Gehirnverehrung tritt das Buch des amerikanischen Neurowissenschaftlers David Linden schon im Titel mit erfrischendem Witz entgegen: „Das Gehirn – Ein Unfall der Natur“.

Das zielt auch auf die Lehre vom „intelligenten Design“. Mit ihr versuchen Kreationisten vor allem in den Vereinigten Staaten der Evolutionsbiologie Boden abzugraben. Die vermeintliche Perfektion der Schöpfung setze demnach notwendig einen Schöpfer voraus. Linden dagegen zeigt, dass das Design des Gehirns alles andere als perfekt ist; angesichts der technischen Mängel und unnötigen Kompliziertheiten erscheint es eher wunderbar, dass es leistet, was es leistet.

So ist zum Beispiel die Leitung elektrischer Signale längs des Axons – das ist der die minifadendünne Fortsatz der Nervenzelle – alles andere als effizient. Linden schreibt: „Ein isoliertes Kupferkabel ist einem stählernen Wasserrohr mit einem Durchmesser von drei Metern vergleichbar, während das Axon ähnlich wie ein Tröpfelschlauch mit 3 cm Durchmesser arbeitet, der auf seiner ganzen Länge durchlöchert ist und stark leckt.“

Im Bau des Gehirns spiegeln sich Millionen Jahre der Evolution. Problemlösungen der amphibischen Urzeit werden bis heute mitgeschleppt. Wussten Sie, dass wir zwei Sehzentren haben? Außer den höheren visuellen Arealen im Großhirn gibt es noch ein archaisches System im Mittelhirn, das nicht mit dem Bewusstsein gekoppelt ist. Bei Fröschen steuert es etwa das Ausschleudern der Zunge. Bei Menschen, deren höheres Sehzentrum zerstört ist, kann es das Phänomen des Blindsehens erklären: Blinde Versuchspersonen greifen viel öfter richtig nach einem Gegenstand, als es statistisch wahrscheinlich wäre. Linden vergleicht diese Doppelung mit einem modernen MP-3-Player, der zusätzlich immer noch ein Tonbandgerät von 1965 eingebaut hätte – keine sehr elegante Lösung.

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2 Comments

  1. Rezension, S. Taborek – 18.07.2010
    „Das Gehirn – Ein Unfall der Natur“

    David J. Linden, Professor für Neurowissenschaft, hat 2007 das Buch „The Accidental Mind“ herausgebracht, indem er den aktuellen Stand des Wissens über die Funktion und Aufbau des Gehirns einbringt und dabei zu dem Schluss kommt, dass unser Gehirn, so wörtlich, „im Grunde genommen ein Mäusegehirn mit noch mehr obenauf gestapelten Dreingaben“ sei. In der deutschen Ausgabe lautet der Titel etwas polemischer: „Das Gehirn – Ein Unfall der Natur“ – die 2. Auflage erschien im Februar 2010.

    Interessant ist seine Motivation, das Buch geschrieben zu haben. Er stellt im Vorwort fest, dass es Bücher über das Gehirn gibt, die „sind so trocken, dass Sie spüren können, wie Ihre Seele Ihren Körper verlässt, bevor Sie auch nur die erste Seite zu Ende gelesen haben“. Und sofort nach dieser Feststellung kommt er zu seinem eigentlichen Motiv: „Schlimmer noch ist, dass viele Bücher über das Gehirn und noch mehr Wissenschaftssendungen im Fernsehen ein fundamentales Missverständnis über neuronale Funktionen zementieren. Sie stellen das Gehirn als ein wunderbar konstruiertes, optimales Instrument dar, den absoluten Gipfel der Designkunst.“ Damit diese Vorstellung über das Gehirn in der Öffentlichkeit endlich verschwindet, hat er sein Buch geschrieben. er schreibt dann ein paar Zeilen später: „Das Gehirn ist keinesfalls ein eleganter Entwurf, vielmehr ist es ein zusammengeschustertes Durcheinander …“. Als Leser werden wahrscheinlich viele davon ausgehen, dass dieser Fachmann es wissen sollte.

    Beim Lesen des Buches erkennt man sehr schnell, es handelt sich weniger um ein gutes Buch mit Faktenwissen über Aufbau und Struktur des Gehirns, sondern eher um eine Kampfschrift gegen die ID-Wissenschaft. Jedes Kapitel enthält zahlreiche Aussagen über die absolut mangelhafte Qualität des Gehirns, wobei der aufmerksame Leser bald bemerkt, dass der Schreiber innerlich sehr gespalten ist, denn in den selben Kapiteln finden sich ebenso viele Aussagen über die unglaublichen Fähigkeiten des Gehirns. Die zwei Seelen in der Brust des Schreibers wechseln sich abrupt ab und man wird dauernd von großer Hochachtung zu absoluter Geringschätzung des Gehirns getrieben.

    Da findet man auch ein ganzes Kapitel mit der Überschrift „Das keineswegs intelligente Design des Gehirns“. Dieses Kapitel ist ausschließlich der Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Christen und Kreationisten gewidmet. Und wie in solchen Texten üblich, wird die ID-Wissenschaft so nebenbei mit Kreationismus gleichgesetzt. Da finden sich merkwürdige Behauptungen, die den ID-Wissenschaftlern in den Mund gelegt werden – wie folgende: Tatsächlich achten die Anhänger des intelligent Designs peinlich darauf, Gott oder Religion gar nicht zu erwähnen, wenn sie sich an die Öffentlichkeit im Allgemeinen wenden. Vielmehr behaupten sie, Lebewesen seien einfach zu komplex und zu schlau, um durch zufällige Mutationen und Selektionen entstanden zu sein.“ Es folgt ein Fehler nach dem anderen in diesem Kapitel.

    Auf der Seite S.273 befasst er sich noch mal mit ID und glaubt zu wissen, dass ID-Wissenschaftler eine ganz hinterhältige Methode benutzen, um gegen die Evolutions-Theorie Darwins zu kämpfen. Er schreibt: „Die öffentliche Seite des intelligent Designs ist mit viel Geschick so gestaltet worden, dass sie wie eine legitime wissenschaftliche Theorie ohne Bindung an eine bestimmte religiöse Agenda erscheint. Das gibt Politikern und Vertretern von Schulkommissionen politische Deckung, die sich so einen Anschein von Fairness geben und sagen können: ‚Lassen Sie uns unseren Schülern doch beide Seiten dieser faszinierenden wissenschaftlichen Debatte vorstellen.'“

    Nein, die Vertreter der Evolutions-Theorie Darwins lassen keine wissenschaftliche Debatte zu. Unsere Schüler in den Schulen dürfen nach Möglichkeit nicht den kleinsten Wind eines wissenschaftlichen Zweifels am Darwinismus zu spüren bekommen. Bezeichnenderweise vergleicht der Autor eine allseitige Informationsmöglichkeit mit Fairness. Im Gegensatz dazu wird dem Leser auf S. 274 noch einiges aufgebürdet. Da nutzt der Autor (wie das in anderen Schriften bereits erprobt ist) den Fahrtwind der weltweiten Entrüstung gegen einen verflossenen amerikanischen Präsidenten und leitet diesen geschickt so um, dass er gleich das ganze ID-Gebäude erschüttern soll. Das ist jedoch simpler Populismus und wird hoffentlich an allen Lesern vorbeiziehen, die selbst denken wollen.

    Gleich danach widmet er sich dem wesentlichen ID-Argument, der „nicht reduzierbaren Komplexität“. Er gibt zu, die Argumente der Spezialisten nicht beurteilen zu können („… ich bin weder das eine noch das andere), aber er vertraut darauf, dass „sorgfältige Untersuchungen“ gezeigt haben, dass es keine nichtreduzierbare Komplexität gäbe. Danach folgen einige ins Leere laufende Argumente. Doch das Ziel des Kapitels ist noch nicht ganz erreicht. Er möchte dem Leser doch deutlich erklären, dass das Gehirn absolut kein Design verrät. Das kann man am besten, wenn man den Spieß gleich umdreht und behauptet, dass das Gehirn für den großen Forscher der Gegenwart ein „Albtraum“, ein erweitertes „Mäusegehirn“, ist und weiter nichts (S.276).

    Diese Behauptung wird nun natürlich untersetzt. Aber zunächst nicht mit Fakten, sondern mit weiteren Glossen. Da kann man auf S. 277 lesen: „Das Gehirn ist wie ein Eishörnchen aufgebaut, wobei in jedem Stadium unserer Evolution neue Kugeln obendrauf gepackt wurden.“ Gleich anschließend kann man lesen: „Noch deutlicher wird die mangelnde Planung des Gehirn-Designs auf zellulärem Niveau.“ Diese beiden Sätze stehen tatsächlich unmittelbar hintereinander! Der Leser sollte demnach den Eiskugel-Vergleich ernstlich als Beweis für „mangelnde Planung des Gehirn-Designs“ betrachten, so wie die nun zu erwartende Enthüllung über die Unzulänglichkeiten des Designs auf zellulärem Niveau!

    Auf der S. 278 wird nun das „mangelnde Design“ auf zellulärem Niveau beschrieben. Als Beweis für diese Behauptung werden Neurone benutzt. Er behauptet: „Neurone arbeiten jedoch in fast jeder Hinsicht unzureichend.“ Ein Grund für die Unzulänglichkeit der Neurone bestehe darin, dass sie die Signale zu langsam weiterleiten. Die Geschwindigkeit der Reizleitung schwankt je nach Neuron-Typ zwischen 120 m/sec und 0,3 m/sec. Nun begibt sich der Autor auf ein fachfremdes Terrain und vergleicht in der Tat diese Signal-Geschwindigkeit mit der Signal-Geschwindigkeit eines elektrischen Impulses in einem Draht und kommt zu dem Schluss: Neurone leiten „eine Million mal langsamer als ein Kupferkabel“. Dieser Vergleich ist eine wissenschaftliche Selbstaufgabe, ein Trauerspiel, das man lieber nicht hören muss. Doch es steht geschrieben und so sollte doch eine Erwiderung nicht fehlen.

    Ein Axon der Nervenzelle hat eine Länge, die zwischen 1um und 0,9m liegt. Das Signal muss diese Strecke mit der Geschwindigkeit von ca. 160 Km/h zurücklegen, wobei bestimmte Neurone die Reize mit etwa 640 Km/h weiterleiten, während Schmerz-Signale erheblich langsamer weitergeleitet werden (S.53). In der Praxis bedeutet das für eine Axon-Distanz von 20cm z. B. eine Reizleitungs-Dauer zwischen 0.1 und 1 Mikrosekunde. Für die längsten Strecken von ca. 90cm liegt die Reizleitungs-Dauer dann bei 0.5 Mikrosekunden. Doch warum diese bereits extrem kurzen Signal-Laufzeiten noch kürzer sein sollten, kann man anhand dieser Zahlen noch nicht wirklich abschätzen, daher soll zunächst der Fall betrachtet werden, dass unser Gehirn tatsächlich mit winzig dünnen Kupferdrähten verdrahtet wäre. Ehe wir zum Innenleben der Kupfer-Konstruktion kommen, wollen wir uns die Hals-Wirbelsäule einer solchen Konstruktion einmal vorstellen. Dort vereinigen sich nun Millionen winzige, superisolierte Kupferdrähte, die auf engsten Raum zusammengepresst sind. Die logische Folge dieser Konstruktion wäre eine Steifheit, die etwa mit einer massiven Kupferstange von 5cm Durchmesser verglichen werden kann. Das wird sich wohl Herr Linden nicht gerade wünschen. Doch nehmen wir den von ihm geträumten Fall an, das Bündel mit den Millionen winzigen Kupferdrähtchen wären tatsächlich so biegsam wie unsere Wirbelsäule, so hätten wir wahrscheinlich schon bald ein ganz anderes Problem: Wir müssten zu einem Elektroniker laufen, damit der ein paar Bündel gebrochener Drähtchen erneuert! Und diese Prozedur würde uns das ganze Leben lang begleiten. Wie dankbar können wir Menschen daher sein, dass wir unser Wunderwerk Gehirn haben!

    Das Design des Herrn Linden wäre im Vergleich zu unserem Gehirn auch aus ganz anderen Gründen eine kostspielige Katastrophe. Hätten wir Menschen die Fähigkeiten, den Design-Vorschlag des Herrn Linden zu realisieren, so erhielten wir ein Gehirn mit mindestens dem dreifachen Gewicht (dabei ist das Gewicht für die Isolierungen und Abschirmungen noch nicht berücksichtigt). Nach dem Einschalten der elektrischen Strom-Versorgung für das Linden-Gehirn würden wir feststellen, dass es einen wesentlich höheren Stromverbrauch hätte, denn wenn man für nur 10% der 500 Billionen Kontaktstellen je 0,1 Mikrowatt an Leistung berechnet so wären das 5 KW – etwa das 500 fache der Leistung, die Homo-Sapiens für sein Gehirn benötigt! (Die elektrische Leistung, die über eine Kupfer-Signal-Leitung übertragen wird, kann nicht beliebig minimiert werden, da bei minimalen Strömen zunehmend mehr Stör-Impulse wirksam werden.) Und das ist, was Herr Linden scheinbar gar nicht bedacht hat, nämlich die Tatsache, dass sein Kupfer-Gehirn nur in einem elektrostatisch absolut abgeschirmten Schutzraum (wenn überhaupt) funktionieren würde – und falls uns der Nachbau des Gehirns mit Kupferleitungen wirklich gelungen wäre, so würden wir auch noch feststellen, dass die von Herrn Linden erwartete millionenfache Steigerung der Arbeitsgeschwindigkeit nur ein Traum war.

    Die einzelnen Gründe für das Versagen des Designs von Herrn Linden sind: Kupfer hat ein wesentlich höheres spezifisches Gewicht als Nervengewebe, was zu einer enormen Gewichtssteigerung führen würde; – werden nur die elektrischen Leitungen durch Kupfer ersetzt, würde das einen erheblichen elektronischen Aufwand nach sich ziehen, die Signale an den Übergängen zu konvertieren; – die erforderlichen Konverter-Schaltungen benötigen zusätzlichen Strom; – das gesamte Gehirn müsste gegen elektromagnetische Strahlung des gesamten denkbaren Frequenzspektrums abgeschirmt werden, was bisher noch in keiner einzigen elektronischen Schaltung verwirklicht werden konnte! Herr Linden würde somit das Gehirn zu einer Antenne für alle Rundfunk- und Fernseh-Signale und viele anderen Signale machen, wodurch dann vielleicht doch wenigstens ein Vorteil für den Homo-Cuprium herauskäme: er brauchte keine zusätzlichen Geräte mehr!

    Die von Linden erwartete Steigerung der Arbeitsgeschwindigkeit wäre vor allem aus zwei Gründen unerreichbar. Der erste Grund besteht darin, dass bei der von ihm angegebenen Signal-Geschwindigkeit nur dann die entsprechenden Taktflanken realisiert werden können, wenn die Kupfer-Leitungen außerordentlich gut isoliert würden, damit nur winzige Kapazitäten (kleiner als 1pF) zwischen allen Leitungen auftreten. Die Realisierung einer solchen Kupferdraht-Schaltung mit teilweise 1m langen Drähten und mit 500 Billionen Übergängen würde (wie Elektroniker am ehesten erkennen) vermutlich auch bei sehr dünnen Kupferleitungen einen ganzen Wohnraum füllen. Der zweite Grund dafür, dass so eine Kupferdraht-Schaltung langsamer arbeitet, als von Linden erwartet, besteht simpel darin, dass Billionen Signal-Konvertierungen erfolgen müssten, die alle zusätzliche Zeit benötigen.

    Aus diesem Grunde darf man das Buch von David J. Linden für Techniker und Elektroniker getrost als einen humorvollen Beitrag auf etwas höherem Niveau (oder auch als schwarzen Humor?) empfehlen. Was aber werden die vielen Leser aus diesem Buch machen, die diese Fehler und Irrtümer des Autors nicht bemerken, weil sie Laien sind? Das Ziel des Buches wird erreicht, wenn der Leser schließlich erkennt: Das, was ich bisher als das größte Wunderwerk der „Natur“ gehalten habe, das Gehirn, ist in der Tat nur ein evolutionärer Schrotthaufen, der aber seltsamer Weise funktioniert.

    Auf S.281 folgt dann eine tabellarische Zusammenfassung der drei Hauptfaktoren, die „die Evolution des Gehirns eingeschränkt haben“ sollen. Erstens: „Im Lauf der Evolution ist das Gehirn niemals von Grund auf neu konstruiert worden“. Zweitens: „Das Gehirn ist kaum in der Lage, Kontrollsysteme abzuschalten, selbst wenn diese Systeme in einer bestimmten Situation kontraproduktiv sind.“ Drittens: „Neuronen, die Basisprozessoren des Gehirns, sind langsam und unzuverlässig und haben eine sehr begrenzte Signalbreite.“ Zu dem dritten Argument wurden hier bereits einige Ausführungen gemacht, wobei allerdings die behauptete „Unzuverlässigkeit“ bisher noch nicht besprochen wurde. Zu dem Thema der angeblichen Unzuverlässigkeit folgen später einige Ausführungen.

    Zunächst soll die erste Behauptung aufgegriffen werden, die besagt, dass das Gehirn während der Evolutionsgeschichte niemals von Grund auf neu konstruiert worden ist. Als Ingenieur oder Elektroniker kann man die damit ausgedrückte Abwertung des Gehirns erst einmal nicht nachvollziehen, nicht begreifen. Erwartet Herr Linden tatsächlich, dass informationsverarbeitende Systeme auf beliebige Art und Weise konstruiert werden könnten? Das menschliche Gehirn ist zwar erst wenig erforscht, wie auch Herr Linden zugibt (dazu später mehr), doch was wir über das Gehirn wissen, verrät eine sehr klare Struktur, die sich kein Elektroniker zu verbessern wagen würde. Die einzelnen Komponenten, die im Buch auf den Seiten 15 bis 29 besprochen werden, können aus der Sicht von Ingenieuren und Technikern ganz sicher nicht verbessert werden – jedenfalls nicht gemäß unserem Wissensstand. Schon der leiseste Versuch würde das größte Team an fähigen Wissenschaftler und Technikern absolut überfordern. Der Leser darf sich also fragen, warum Komponenten, die sich in niederen biologischen Systemen hervorragend bewährt haben, nicht als Komponenten eines komplexeren biologischen Systems für entsprechende Teilaufgaben eingesetzt werden sollten. Eine Neukonstruktion von Grund auf wäre nur zu erwarten, falls die älteren biologischen Systeme störanfällig oder gar fehlerhaft waren – das zu beurteilen sollte man jedoch wirklichen Fachleuten überlassen und abwarten, bis wir Einblick haben, wie das Gehirn wirklich funktioniert. Die Modularität in der Konstruktion ist ein ID-Signal. Herr Linden möchte es vielleicht vertuschen und macht so auch hier einen Fehler nach dem anderen.

    Die zweite Behauptung lautete, das Gehirn sei kaum in der Lage, Kontrollsysteme abzuschalten, selbst wenn diese Systeme in einer bestimmten Situation kontraproduktiv sind. Auch diese Behauptung wird von Ingenieuren absolut anders bewertet als von Herrn Linden, der offenbar von System-Konstruktion so gut wie nichts versteht. Kontrollsysteme haben nun mal per Definition einen übergeordneten Stellenwert in komplexen Systemen. Diese Systeme werden generell so konstruiert, dass sie unter allen (vorerst) denkbaren Umständen die Kontrolle behalten. Entwickler verbringen unglaublich viel Zeit damit, bei komplexen Systemen im Voraus an alle möglichen Konflikte und Komplikationen zu denken und Kontrollsysteme zu installieren, die in solchen Situationen effektiv wirksam werden. Was bei hochkomplexen Entwicklungen jedoch fast nie gelingt, ist die vollständige Vorhersage aller Prozess-Bedingungen und daraus resultierenden Prozess-Sicherungen durch ein Kontrollsystem. Je komplexer ein System ist, um so abwegiger wäre eine Einzelfall-Lösung für jede denkbare Situation. Da das im Fall des menschlichen Gehirns einfach sinnlos wäre, so ist die korrekte „technische“ Lösung ganz simpel (wie zum Beispiel auch bei einer Steuerung eines Kernkraftwerkes) die: Erlaube keinem Kontrollsystem unter keinem Umstand, sich selbst zu deaktivieren! So einfach ist das, Herr Linden!

    Das amüsanteste, aber auch oberflächlichste, Argument für die Unzweckmäßigkeit des Gehirns folgt nun in der Tabelle: „Hohe Rechenleistung lässt sich nur mithilfe eines sehr großen, stark vernetzten Gehirns erreichen, das im fast reifen Zustand nicht durch den Geburtskanal passt.“ Dieses Argument muss man ebenfalls zweimal lesen. Es wird im Buch auf S. 85 und 86 näher erläutert. Der entscheidende Satz von S. 85 lautet: „Das wichtigste bei der Geburt ist aus der Sicht der Gehirnentwicklung ganz klar: Der Kopf des Säuglings muss den Geburtskanal passieren, und das begrenzt die Größe des Kopfes zum Zeitpunkt der Geburt. Hier wird die Ineffizienz des Gehirndesigns für die Gebärende schmerzlich deutlich.“ Im Grunde genommen ist es peinlich für einen Professor für Neurowissenschaften, so etwas von sich zu geben. Dazu fällt doch jedem ungeübten Laien spontan ein, dass doch das Problem eher bei der Evolution des zu kleinen Geburtskanal zu suchen sei als am Gehirn, dem der Organismus doch grundsätzlich den Vorrang einräumt. Und außerdem würde jeder Laie als nächstes die Feststellung treffen, dass bekanntlich (und in dem Buch gründlich besprochen) das Gehirn sich nach der Geburt rasant weiterentwickelt und an Volumen zunimmt und demzufolge von der so erfinderischen Evolution die „abnorme“ Erweiterung des Hirn-Volumens auch locker nach der Geburt eingereiht werden könnte.

    Nun zurück zu der Tabelle auf S.281. Als nächstes erwartet den Leser eine weiteres Argument gegen das Hirn-Design, das aus technischer Sicht und damit aus der Sicht eines potenziellen Designers absoluter Unfug ist. Linden schreibt: „Der Schaltplan für die 500 Billionen Synapsen im Gehirn ist zu komplex, um vollständig genetisch festgelegt zu sein.“ Schreibt er das nur, um seine Tabelle zu füllen? Das Problem der genetischen Determination der Synapsen wurde im Buch auf S. 62 bereits ausführlich besprochen dort konnte der Leser noch folgen und verstehen, dass das gerade nicht so vorteilhaft wäre, da ja dann das Individuum genetisch völlig vorbestimmt wäre. Dort kann man noch vernünftige Sätze des Autors lesen: „Die präzise Ausführung und Verschaltung des Gehirns hängt von Faktoren ab, die nicht von den Genen codiert werden (und daher als epigenetische Faktoren bezeichnet werden), darunter Umwelteinflüsse.“ Aus der Sicht der ID-Wissenschaft sind die Freiheitsgrade bei der Selbstprogrammierung der genetisch nicht determinierten Synapsen ein sehr wichtiges ID-Signal für Konstruktion. Möchte der Autor das Signal verschleiern? Der Leser stelle sich die einfache Frage, ob es denn von Vorteil wäre, wenn wir Menschen uns im Verhalten und in den Wünschen und in den Fähigkeiten einander völlig gleichen würden.

    In der Tabelle auf S.281 folgt eine weitere, wirklich seichte Aufzählung, die für ein „zusammengeschustertes“ Gehirn sprechen soll. Fast alle einzelnen Argumente halten überhaupt keiner Prüfung stand und entbehren daher jeder wissenschaftlicher Relevanz. Der immer wiederkehrende Irrtum des Verfassers besteht darin, dass er von jedem Hirn-Modul und jedem Hirn-Prozess das Maximum erwartet es aber seiner Ansicht nach nicht vorfindet. Selbst falls seine Einschätzung in einem Punkt zutreffend wäre, so ist es generell unzulässig, irgendeine Komponente isoliert vom System einzuschätzen. So funktioniert das nicht, denn das angestrebte System-Optimum ist auch in biologischen Systemen, selbst wenn diese von einem genialen Konstrukteur stammen, stets ein Kompromiss. Das lässt sich theoretisch beweisen. Der Autor scheint sich dennoch darüber im Klaren zu sein, dass er über etwas geschrieben hat, das er noch lange nicht wirklich versteht.

    Dazu folgende Zitate, die dem Buch entnommen sind: „Es kann kaum überraschen, dass große Anstrengungen unternommen werden, um die chemischen Signale zu identifizieren, …. Bisher hat sich dies als weitaus schwieriger erwiesen als zunächst angenommen …“ (S.26) „Möglicherweise müssen wir Funktionen genauer definieren, um Lokalisation von Funktionen besser zu verstehen.“ (S.35) „Das ist eine schwierige und für die Neurobiologie grundlegende Frage, auf die es noch keine abschließende Antwort gibt.“ (S.60) „Die molekularen Hinweise, die die neuronale Zellwanderung lenken, sind noch nicht vollständig verstanden…“ (S.75) „Das gegenwärtige neurobiologische Wissen kann zu dieser Frage wenig beitragen. Wenn wir beispielsweise eine kritische Periode für das Rechnenlernen voraussagen wollten, ist nicht klar, wo im Gehirn wir danach suchen sollten und wonach wir suchen sollten, sobald wir den Ort bestimmt haben.“(S. 93) „Wir nehmen daher – meines Erachtens zu Recht – an, dass es auch beim Menschen Spiegelneurone gibt.“ (S.124) „Daher geht man gegenwärtig davon aus, dass es verschieden Arbeitsgedächtnis-Systeme für verschiedene Hirnregionen gibt…“ (S.137) „Obgleich Veränderungen der intrinsischen Erregbarkeit wahrscheinlich zu einigen Aspekten der Gedächtnisspeicherung beitragen, ist es unwahrscheinlich, dass dies alles ist.“ (S.150) „Räumliches Lernen ruft wahrscheinlich Veränderungen in einem sehr kleinen Teil der räumlich verteilten hippocampalen Synapsen hervor, und wir haben bisher keine Möglichkeit gefunden, diese Synapsen zu lokalisieren.“ (S.161) „Die kurze Antwort lautet: Wir wissen es nicht.“ (S.163) „… sind wir noch immer sehr weit von einer kompletten ‚Vom-Molekül-zum-Verhalten‘ -Erklärung des deklarativen Gedächtnisses entfernt.“ (S.165) „Erstaunlicherweise haben wir auf diese einfache Frage keine definitive Antwort.“ (S.215) „Wir kennen die Antwort nicht, doch es gibt mehrere Hypothesen.“ (S.235) „… ist die Art und Weise, wie der NSC die Schlaf-Kontroll-Schaltkreise beeinflusst, noch immer schlecht verstanden.“ (S.2236) „Der heilige Gral einer vollständigen biologischen Erklärung für Verhalten ist noch nicht in greifbare Nähe gerückt…“ (S.290)

    Diese Zitate entstammen zwar jeweils einem anderen Zusammenhang, doch die Kernaussage der Zitate ist kontextunabhängig und eindeutig: Der aktuelle Wissensstand erlaubt keine Kritik am Objekt „Gehirn“. Wer es dennoch tut, handelt wider besseres Wissen – und wie im Falle das Autors sogar wider sein eigenes Wissen.

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