Christliche Rechtslastigkeit


Quelle:heise.de

Wulff: Ein Missionar auf dem Weg nach Bellevue?

Christian Wulff pflegt Kontakte zu religiösen Eiferern vom rechten Rand – und befindet sich damit in bester Gesellschaft

Von Silvio Duwetp

Mit der Nominierung Christian Wulffs als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten haben sich die Spitzen von Union und FDP auf einen farblosen Parteisoldaten und Karrieristen geeinigt, so schreiben selten einmütig die Kommentatoren. Eine glatte Fehleinschätzung, denn Christian Wulff ist offenbar ein Politiker mit einer Mission: Er ist Mitglied im Kuratorium von ProChrist, einem evangelikalen Verein, der mit Massenevangelisationen „Jesus bekannt“ machen will. Zudem fiel Wulff kurz vor seiner Nominierung zum Bundespräsidentenkandidaten mit einer Rede vor dem Arbeitskreis Christlicher Publizisten (ACP) auf. Für den Sektenbeauftragten der evangelisch-württembergischen Landeskirche Hansjörg Hemminger ist die Zeitschrift des ACP „ein Vermittlungsorgan für Extremismus und Fanatismus aus der rechten Ecke, aber auch aus dem Kreis der Sektierer“. Der ACP stelle die Verfassung praktisch ständig in Frage. War Wulffs Abstecher zum ACP ein Fehltritt? Wohl kaum, wie Recherchen von Telepolis zeigen. Doch mit seiner Nähe zu christlichen Fundamentalisten ist Wulff nicht allein.

Wer die Zeitschrift des ACP, die ACP-Informationen, aufschlägt, findet sich in einer anderen Welt wieder, an der die Säkularisierung vorbeigegangen scheint. Hier zählt vor allem das Wort Gottes. So verkündet der ACP beispielsweise, dass es „nur eine Orientierung“ für „alle wesentlichen Handlungs- und Verhaltensweisen für unser Leben“ gebe: das Neue Testament.

Aus seiner Orientierung macht der ACP keinen Hehl: Unter der Überschrift „Die schwarze Hoffnung“ feiert er Stefan Mappus (CDU) dafür, dass er „über Homo-Paraden und Homo-Adoptionen“ schimpfe, für Leitkultur und Zuwanderungsbegrenzung eintrete und Ehe und Familie gegen den Ausbau von Krippenplätzen hochhalte. Für Bundesjustizministerin „Sabine Leutheuser-Schnarrenberger, atheistisch orientiert“, zeigt der Daumen in einer an die „Gewinner-Verlierer“-Rubrik der Bild angelehnten Grafik nach unten. Der Grund: ein Grußwort für eine „Schwulenparade“ (welches von Mappus übrigens verweigert wurde).

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8 Comments

  1. Das deutsche Staatsoberhaupt ist Kuratoriumsmitglied bei den „christlichen Taliban“. Wo ist das Problem, wenn nun auch in Deutschland Staat und Religion zunehmend verschmelzen?

    Das Problem könnte darin begründet sein, dass die Glaubengemeinschaft Recht hat mit ihrem Glaubensgrundsatz: Gott gibt es und Gott will uns.

    Wie das?

    Nun, möglicherweise haben sie mehr Recht, als ihnen lieb sein kann. Eine Grund für diese Annahme gibt es: Ein Fachmann mit staatsschutzpolizeilichem Verstand und technologischen Fingerspitzengefühl hat den Gott des monotheistischen Glaubens nachvollziehbar als eine kriminelle Realität erklärt. Vielleicht ist es an der Zeit, den Gott der Bibel differenzierter zu betrachten. Vernünftige Glaubensfragen und –antworten ergeben sich dann von selbst.

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  2. Pingback: Anonymous
  3. es würde schon reichen, wenn sich jeder der diesen Artikel über den Präsidentschaftskandidaten Wulf liesst sich zu seiner Geisteshaltung bekennen würde.

    Helft doch bitte mit und verbreitet den Link zum Artikel vielleicht über Facebook/Twitter etc… http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32871/1.html

    Gruß und auf in den Kampf..

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  4. Korrektur: Im letzten Satz meines Kommentars muss es heissen:

    Wieviele Jahrhunderte soll es denn noch dauern, bis unser gesellschaftliches Leben sich endlich frei v o n religiösem Popanz entwickeln kann ?

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  5. Was soll das Gejammer ? Die heimliche Mehrheit der Atheisten überläßt doch den christlichen Eiferern schon seit jeher freiwillig und kampflos das Feld. Im Prinzip wäre ich dafür, dass Religion Privatsache bleibt, aber das sehen offenbar die prochristlich orientierten Politiker ganz anders, wie das Beispiel Wulff nachdrücklich beweist. Folgerichtig sollten sich auch die atheistisch orientierten Politiker endlich offen bekennen, sich auf die Hinterbeine stellen und den (angeblich Gottgläubigen) christlich geprägten Politikern offen Paroli bieten. Deren Jahrhunderte altes religiöses Geschwafel muss doch endlich als Verirrung des menschlichen Geistes erkannt und entlarvt werden. Wie soll sich sonst die Menschheit jemals philosophisch und im humanistischen Sinne weiterentwickeln können ?

    Religion ist und war schon immer ein Politikum. Folgerichtig muss sich auch der Atheismus dieser Tatsache stellen. Wieviele Jahrhunderte soll es denn noch dauern, bis unser gesellschaftliches Leben sich endlich frei religiösem Popanz entwickeln kann ?

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  6. So wie es aussieht kann die säkulare Szene vom ersten Tag an den neuen Bundespräser mit aktueller Literatur zuwerfen. Am besten noch mit dem Gruß »Gegrüßt sei das indifferente Universum« oder, ganz provokant, »Heil Jesus«.

    Vielleicht klingelt es dann ein wenig im lymbischen System. »Die Zunge ist das einzige Werkzeug, dass durch ständigen Gebrauch schärfer wird.«

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