Was sagen uns die Vuvuzelas?


Vuvuzelas
Vuvuzelas Colors (CC-by/2.0 by Dundas Football Club)

Das Wort, das hängen bleiben wird als Bild dieser WM in Afrika, heißt Vuvuzela. Die bunten Plastik-Tröten sind fast so präsent wie die Fähnchen und sie sind vor allem laut. Daran stört sich so mancher. Es gibt mittlerweile Filter-Apps, die den Hintergrund-Krach m Kopfhörer eliminieren.

In Wirklichkeit steckt – wissenschaftlich unvoreingenommen gesehen – natürlich weit mehr hinter dem sozialpsychologischen Phänomen Vuvuzelas. Einen wirklich guten Text dazu habe ich heute morgen beim Frühstück im DeutschlandRadio Kultur gehört. Den möchte ich auf diesem Blog zur Diskussion stellen.

Er läuft übrigens auf eine nachdenklich-lustige Pointe hinaus. Da es eben kein Witz oder Krimi ist, darf man sie verraten, denn das steigert die Spannung in diesem Fall eher: „wenn wir mit der Vuvuzela Frieden schließen, fühlen wir uns ihrem Lärm weniger ausgeliefert und ersparen uns damit das Folter-Trauma. Wie sagte doch John Cage: „Wenn ein Lärm Sie stört, hören Sie ihm zu.“

Von Sieglinde Geisel, DeutschlandRadio Kultur

Wenn Menschen aus dem Häuschen geraten, machen sie Lärm, deshalb gehört der Lärm zum Fußball. Im Stadion ist er mehr als ein harmloser Ausdruck der Begeisterung: Mindestens so sehr ist er ein archaisches Mittel der psychologischen Kriegsführung. Die Gesänge und Hymnen der Fans lassen eine Mannschaft über sich hinauswachsen.

Auf die gegnerischen Fußballspieler wiederum haben die gleichen Schallwellen die umgekehrte Wirkung: Sie werden als Demütigung empfunden, und die Niedergeschrienen verlieren den Glauben an sich selbst. Dies ist eines der Geheimnisse des Lärms: Er kann den Hörer in Euphorie oder in Panik versetzen, und zwar ohne dass dafür die Lautstärke eine Rolle spielt.

Denn das Drama des Lärms spielt sich nicht im Ohr ab, sondern im Gehirn, das den Schall interpretiert und verarbeitet. Wichtiger als Dezibelzahlen ist die Situation. Sucht man den Lärm freiwillig auf oder ist gar auf Seiten der Lärmverursacher, hört man etwas anderes, als wenn man dem Lärm unterworfen wird und keine Fluchtmöglichkeit hat.

Lärm kann eine Droge sein und süchtig machen – doch ebenso gut lässt er sich als Folter einsetzen. So widersprüchlich sie ist, die Wirkung beruht auf dem gleichen psychologischen Vorgang. Der Lärm bringt die Mauern zum Einsturz, die unser Selbst beschränken, deshalb erleben wir ein Rockkonzert als befreiend. Doch weil diese Mauern das Selbst auch schützen, kann man einen Menschen durch gewaltsamen Lärm in den Wahnsinn treiben.

Auch im Raum kennt der Lärm keine Grenzen. Die Schallwellen breiten sich überall aus, wo die Luft sie hinträgt, deshalb eignet sich der Lärm zur Ausübung von Macht. Wer sich in einem Territorium akustisch durchzusetzen vermag, hat die Herrschaft – über die Ohren und damit auch über das Bewusstsein aller, die sich in Hörweite aufhalten.

Gerade jedoch weil Lärm ein Machtinstrument ist, reagieren wir besonders empfindlich, wenn er von unten kommt. Wir sind alarmiert, wenn jemand sich eine Lizenz zum Lärm herausnimmt, die ihm von seiner gesellschaftlichen Stellung her nicht zusteht. Unsere Empfindlichkeit hat einen guten Grund: Wenn die Machtlosen Krach schlagen, droht der Umsturz. Kleine Kinder genießen ihr erstes Machtgefühl, wenn sie mit ihrem Geschrei die Erwachsenen in die Knie zwingen. Sie haben die politische Dimension des Lärms für sich entdeckt:

Lärm ist eine Ressource, die jedem zur Verfügung steht. Dieser Umstand macht auch die Vuvuzela der Südafrikaner zu einem wirksamen politischen Statement. Noch der Ärmste kann sich die Plastiktröte leisten – und noch der Kleinste kann mit ihr akustisch zum Riesen werden. Afrika ist ein Kontinent ohne Macht.

Vor der Vuvuzela jedoch sind alle Ohren gleich, deshalb zwingt sie nun die ganze Welt, den schwarzen Kontinent ernst zu nehmen, und sei es auch nur für vier Wochen Weltmeisterschaft. Die Vuvuzela ist ein Lärm von unten: Dass es ausgerechnet Afrikaner sind, die nun über unsere Ohren herrschen, ist für unsere Empörung über das Gedröhn durchaus von Bedeutung, denn von den Afrikanern müssen wir uns nichts sagen lassen.

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5 Comments

  1. Eine etwas eigenartige Form von Humor, denn uns „Kuro Sawai“ da verkaufen will. Tut mir wirklich Leid, dass ich über diese Art von Humor beim besten Willen nicht lachen kann. 150 Dezibel entsprechen nun mal dem Lärm, den ein Düsenflugzeug macht. Wenn künftig diese Trötenmusik in Sportstadien zur Norm werden sollte, werden sich dort nur noch Gehörlose wohlfühlen und solche, die sich damit abfinden, den Rest ihres Lebens mit einem ernsten Gehörschaden zu verbringen.

    Toleranz gegen diese Art von „Kultur“ ist absolut nicht angebracht. Sie erfüllt den Tatbestand der nicht zumutbaren Lärmbelästigung und das ist wahrlich nicht zum Lachen !

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  2. „Die Vuvuzela ist ein Lärm von unten: Dass es ausgerechnet Afrikaner sind, die nun über unsere Ohren herrschen, ist für unsere Empörung über das Gedröhn durchaus von Bedeutung, denn von den Afrikanern müssen wir uns nichts sagen lassen.“
    Bis zu diesen Sätzen war der Text noch einigermaßen interessant. Dass das monotone Gesumme der Vuvuzelas selbst im Vergleich zu den Fußballhymnen unmelodiös ist und auf einer Stufe mit Lärm aus Baustellen, Straßen- und Luftverkehr steht, kommt der Autorin anscheinend nicht in den Sinn. Stattdessen wird die Kolonialherrenkeule geschwungen.

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    1. Dass die zitierte Aussage pure, parodistische Ironie à la Gerhard Polt ist, scheint mal wieder entgangen zu sein. Humor hat es schwer in Deutschland – und spaltet die Geister.

      Dass das Getröte „auf einer Stufe mit Lärm aus Baustellen“ stehe, ist allerdings eine äußerst verächtliche Bewertung. Denn es sind Menschen, die da absichtsvoll Krach machen, weil sie im Stadion Hexenkessel spielen wollen. Wie war das mit der Menschenverachtung? – Schade eigentlich dass keine (Samba-)Trommeln im Stadion funktionieren, oder erlaubt sind? Denn in der Perkussion haben viele Afrikaner weit mehr Erfahrung als die Europäer.

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  3. Lärm ist die schlimmste Form der Umweltverschmutzung, denn Lärm macht krank ! Meine ursprüngliche Sympathie für Südafrika hat sich mit dem Auftreten der Vuvuzelas in den Fußballstadien ins pure Gegenteil verkehrt. Wenn das ein kultureller Beitrag eines Landes sein soll, dann kann ich darauf liebend gern verzichten. Die Südafrikaner haben sich mit diesem „Kulturexport“ letztlich einen Bärendienst erwiesen.

    Ein Lärm, der jede andere Art von sportbegeisterter Emotion übertönt, ist eine Zumutung für die unfreiwillig davon betroffenen Menschen. Ein Glück, dass die bavana bavana gleich in der Vorrunde ausgeschieden ist. Das hat den Tröten-Terror zum Glück doch etwas gemildert. In Zukunft müssen diese Folter-Tröten bei sportlichen Anlassen unbedingt verboten werden. Letztlich ist es egal, von woher der Lärm kommt, ob von oben oder von unten. Diese Art von Lärm ist organisierter Terror, den man sich nicht bieten lassen muss. Basta !

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