Präsi-Viewing als Spektakel


The Laughter of Small White Dogs
Wenn alle Stricke reißen (CC-by-sa-3.0/en by Bill Lewis)

Je weniger Gewicht eine Sache hat, desto größer wird sie zu Beginn der 10er-Jahre offenbar aufgeblasen. Bis auf das formale Recht, seine Unterschrift unter Gesetze zu verweigern, hat das Amt des Bundespräsidenten keinerlei Befugnisse. Eigentlich könnte man diesen ausgabenträchtigen Posten folgenlos einsparen.

Aber nein, es wird ein Riesen-Trara drumherum veranstaltet. Der Fortbestand der schwarzgelben Koalition wird künstlich davon abhängig gemacht. Heiß wird die Idee dabattiert, ob nicht wie anderswo in Europa eine Direktwahl besser wäre. Als wenn dieser teure Redenhalten- und Repräsentier-Job ohne reale Macht das rechtfertigen würde. Ja, geht’s noch?

Die ARD setzt heute am Wahltag noch einen drauf: TV-Direktübertragung und Public Viewing auf Großleinwand vor dem Reichstag in Berlin. Wer soll das sehen wollen? Hat das irgendeinen Unterhaltungs- oder Nährwert? Sollen das Lehrer nutzen, die statt Unterricht lieber mit den Jugendlichen einen Ausflug im Freien verleben möchten? Die Tageszeitung taz hat vier lesenswerte Glossen dazu beigetragen.

taz

Heute wird ein neuer Präsident gewählt. Die ARD ist nicht nur live dabei. Sie überträgt auch auf Großleinwand vor dem Reichstag. Muss das sein? Vier Antworten. VON N. Apin, C. Prößer, U. Rada, E. Tasdemir

Das gemeinschaftliche Fernsehen im Freien scheint sich langsam als Kulturtechnik zu etablieren. Ob Fußball-WM oder schwedische Prinzessinnenhochzeit – man sitzt zusammen im Freien und konsumiert, was einem die Leinwand bietet.

Jetzt also auch die Bundespräsidentenwahl. Vor ehrwürdiger Reichstagskulisse zusammensitzen, was Kaltes trinken und dabei zusehen, wie der Kandidat der Herzen dem Kandidaten der rechnerischen Mehrheit unterliegt. Geht das? Nein, das Präsi-Viewing ist ein zynisches Spektakel in mehrerlei Hinsicht: Erstens wird den Bürgern durch das kollektive Gucken eine Teilhabe suggeriert, die sie nicht haben. Zweitens wird die mediale Aufbereitung dem Anlass nicht gerecht: Bei dieser Wahl sind Ablauf und Ergebnis relativ voraussehbar, viel entscheidender ist die Analyse. Aber die geht draußen in der Menge bekanntlich unter.

Drittens ist das Appellieren ans schwarz-rot-gelbe Zusammengehörigkeitsgefühl der Fernsehzuschauer ziemlich billig – während im Hintergrund die schwarz-gelbe Koalition die soziale Spaltung betreibt. Eine funktionierende Demokratie sollte das parlamentarische Kerngeschäft wieder ernster nehmen – und das kollektive Glotzen den Fußballfans überlassen. NINA APIN

So wird es kommen: Wenn die Mitglieder der Bundesversammlung an die Urnen streben, wird sich draußen, vor der Videowand, ein großes Geschrei erheben. Angestachelt von Flashmobbern und Aktivisten einer Facebook-Gruppe, skandiert die Menge im Wechsel „Wir sind das Volk“ und den Namen ihres Kandidaten. Bis in den Plenarsaal dringt der tausendfache Ruf, man sieht den Gesichtern auf der Großprojektion ihre Verwirrung an, ein Tumult entsteht, bis schließlich Joachim Gauck auf den Westbalkon des Reichstagsgebäudes tritt …

So wird es nicht kommen. Auch diesmal wird keine Revolution stattfinden, und am Ende wird der Kandidat der Regierung die Blumen überreicht bekommen. Was zählt, ist der Proporz, nicht das Charisma oder das intellektuelle Gewichtder Person.

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4 Comments

  1. Ich finde die Macht, jedes Gesetz durch fehlende Unterschrift blockieren zu können, ist keine Kleinigkeit. Das ist im Grunde genommen ein ganz allgemeines Veto-Recht.

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  2. Den fakten- und argumentreichsten Beitrag zum Thema fand ich hier: http://www.nachdenkseiten.de/?p=6041

    Es ist keine Nachbetrachtung und hat auch keine Wirkung bei den Wahlleuten gezeigt. Die Überschrift hat nichts mit dem Resultat zu tun, denn enthalten haben sich soweit bekannt nur die Leute der Linkspartei. Trotz dieser Wirkungslosigkeit – die evident genau so zu erwarten war – ist das die rundeste Auseinandersetzung mit dem Thema, soweit es die Wahl und nicht das Spektakel drumherum angeht.

    Ich entdecke gerade, dass es eine Hinterher-Perspektive auch noch gibt: http://www.nachdenkseiten.de/?p=6059 Die wichtigste Passage daraus:

    (Wulffs) kurze Rede nach seiner Wahl – auf die er sich lange und gut hätte vorbereiten können – war belanglos, ja geradezu grotesk: Da redete er von Abstimmung in freier und geheimer Wahl und von Gewissensentscheidung und den ganzen Wahltag über konnte man aus aller Munde erfahren, dass das Gegenteil eingefordert wurde, nämlich Parteiräson und Parteidisziplin.

    Belanglos war sie, weil ihm etwa zum Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland nur Plattitüden eingefallen sind: er möchte in seinem Amt „zur inneren Zusammenarbeit, zur inneren Einheit unseres Land und zu einem noch besseren gegenseitigen Verständnis“ beitragen. Gerade so, als ob Zusammenarbeit oder besseres gegenseitiges Verständnis noch die Probleme wären.

    Welcher Anstoß geht von folgendem Satz aus: „Parallelgesellschaften in unserem Land verhindern wir am ehesten dadurch, dass wir aufeinander zugehen und nicht aneinander vorbeileben“? Das waren die Worte des neuen Amtsträgers, dessen Amt vor allem vom Wort lebt.

    Ich befürchte, dass das Amt des Bundespräsidenten von Christian Wulff im Wortsinne „bekleidet“ wird. Will sagen: Er wird die herrschende Politik freundlich lächelnd mit Verständnis heischenden Worten begleiten.

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  3. Ich habe bisher noch nicht nachvollziehen können, wie man ein Amt, wie das des Bundespräsidenten, als so bedeutungsvoll darstellt, obwohl damit keine wirkliche Machtbefugnis verbunden ist. Als „Grüßonkel“ wird der Träger dieses Amtes hinter vorgehaltener Hand ja auch bezeichnet.

    Trösten wir uns damit, dass wir keine Monarchie sind und uns somit der weitaus kostspieligere Unterhalt einer königlichen Familie erspart bleibt. So ganz billig kommt uns der Grüßonkel allerdings auch nicht zu stehen. 17.000 €uro soll er monatlich bis ans Lebensende erhalten. Spesen, Reisen usw. werden selbstverständlich zusätzlich vergütet.
    Also ehrlich, ich hätt’s auch für die Hälfte getan !

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