Ratlosigkeit und Wut auf FDP


Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung
Pfeifen auf der Brücke

Die Entzauberung der schwarz-gelben Koalition in den Augen der Wähler umfasst selbst ihre bisherigen Unterstützer und Anhänger. Das ist als ob eine ökonomistisch orientierte Religion ihre Glaubwürdigkeit und Bindungskraft verloren hätte. Doch statt sich über ihre eigene Desillusionierung und neue Erdung zu freuen und was daraus zu machen, herrschen Selbstmitleid und Wut vor.

Ist das wirklich so überraschend? Wer aus einer schiefgegangenen Verliebtheit oder anderen schweren Träumen aufwacht, reagiert doch meistens eher desorientiert und verärgert. Warum sollten Deutschlands Mittelstands-Lobbyisten da ganz anders, vernunftnäher agieren? Drohen uns gar ungarische (Rechtsruck) oder berlusconische (Ruf nach dem „starken Mann“) Umwälzungen? Muss man sich um die verbliebene Vernunft in Deutschland Sorgen machen? Das Handelsblatt tönt da ganz ungewohnt pessimistisch.

von Sven Afhüppe, Hans Eschbach und Thomas Sigmund, Handelsblatt

Den Wahlsieg der Wunschkoalition aus CDU und FDP haben die deutschen Unternehmer noch gefeiert. Doch längst ist die Enttäuschung groß. Vor allem die Liberalen sind für die Macher des Mittelstands und deutscher Familienunternehmen ein Totalausfall. Die Unternehmer fühlen sich allein gelassen – es herrscht Ratlosigkeit und Wut.

(..) Diese Zeiten der Harmonie zwischen Unternehmertum und Bundesregierung sind vorbei. Die Firmenchefs und ihre leitenden Angestellten sind nicht nur enttäuscht, sie sind wütend. „Die in Berlin“ ist zum Synonym für einen Frust geworden, der tiefer wurzelt, als es die Umfragen vermuten lassen. Die FDP ist zwar seither schon von 15 Prozent auf fünf Prozent in der Wählergunst abgestürzt. Aber der Vertrauensverlust geht weit darüber hinaus.

Einer wichtigen gesellschaftlichen Gruppe ist die politische Heimat abhanden gekommen. Wenn derzeit Unternehmer miteinander sprechen, kocht der Unmut über die Zustände in der Politik schnell hoch – man fühlt sich unverstanden und unerhört. So war es kürzlich beim „Tag des deutschen Familienunternehmens“ im Berliner Hotel Adlon, auf dem, so ein Teilnehmer, „ohnmächtige Wut“ auf die Politik zum Ausdruck kam.

Auslöser war ein Vortrag von Brun-Hagen Hennerkes, der in Stuttgart eine auf die Anliegen von Familienunternehmen spezialisierte Rechtsanwaltskanzlei betreibt und eine Stiftung für diese Zielgruppe ins Leben gerufen hat. Als Vorstand der Stiftung „Familienunternehmen“ warf er den Politikern vor, sich bei ihren Entscheidungen nur an der Großindustrie zu orientieren – wenn denn überhaupt wirtschaftliche Kategorien eine Rolle spielten.

Besonders der Schlingerkurs der Regierung verärgert die Unternehmer: „Wir erwarten, dass die Regierungsparteien das Heft in die Hand nehmen und nicht nur taktieren. Das macht die Leute wahnsinnig“, sagt Ulrich Dietz, Vorstandsvorsitzender der GFT Technologies AG in Stuttgart, der an der Tagung teilgenommen hat, – genauso wie Peter Kulitz, geschäftsführender Gesellschafter der ESTA Apparatebau GmbH und Präsident der IHK in Ulm. Nach dessen Beobachtung sind „die Koalitionspolitiker mit der Lage überfordert, orientierungslos, sie agieren nicht, sie reagieren nur. Das ist Hilflosigkeit, mit dem Willen an der Macht zu bleiben.“

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5 Comments

  1. @Jaquento: Da sprichst Du mir aus der (metaphorischen)
    Seele. Leider gab es bisher kaum liberale Alternativen zur
    FDP und ich weiß nicht, ob die Piratenpartei wirklich das Zeug
    dazu hat…

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  2. Die FDP hat einfach nicht das gemacht weshalb die meisten sie gewählt haben, nämlich ein wirtschaftspolitisches und bürgerrechtliches Korrektiv zu der Sozialdemokratischen Union zu sein.

    Zu lange hat sie sich von der Union und Merkel vorführen lassen, und anstatt auf ein Ende mit Schrecken zu setzen, will die Führung ein Schrecken ohne Ende. Das was die Koalition noch zusammenhält, ist die Selbsterhaltung, während die Basis der FDP den Aufstand probt.

    Stattdessen wir das Programm der Linken realisiert (Steuersenkung für Hoteliers), man verrät das hart arbeitende deutsche Volk (Griechenland Bailout), die eigenen liberalen Grundsätze (Banken Bailout), da ist es kein Wunder das so mancher FDP Wähler (wie ich) sich fragt ob die Piraten nicht die besseren Liberalen sind. Zumindest werden die Piraten bald die FDP überhohlen.

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  3. Jeder halbwegs informierte Wahlbürger konnte schon vor der letzten Bundestagswahl erkennen, dass das Wahlversprechen der FDP nach Steuersenkungen nicht nur unsinnig, sondern angesichts der hohen Staatsverschuldung schlichtweg nicht vertretbar sein konnte. Schon bald nach der Wahl zeichnete sich ab, dass eine Mehrheit der Wähler zu der Erkenntnis tendierte, dass der Schuldenabbau Vorrang vor Steuersenkungen haben mußte. Eine durchaus beachtliche Einstellung der Wähler, die von großem staatspolitischem Bewußtsein zeugte.

    Die FDP hat diesen Erkenntniswandel, der sich auch bei deren eigenen Klientel mehr und mehr breitmachte, schlichtweg nicht wahrgenommen. Noch nie in der deutschen Nachkriegspolitik hat sich eine Partei so dilettantisch angestellt. Allen voran Guido Westerwelle, der in nahezu jedes Fettnäpfchen trat und den Bürgern ein äußerst diffuses Bild eines Parteiführers präsentierte.

    Noch hat die FDP den unbeliebtesten Außenminister aller Zeiten noch nicht in die Wüste geschickt. Die FDP wird aber nicht umhin kommen, sich nach einer neuen Führungsfigur umzusehen. Tut sie es nicht, liegt ein Absturz unter die 5 Prozent Hürde durchaus im Bereich des Möglichen. Ein Verlust wäre dies für Deutschland sicher nicht. Auf diese FDP können wir getrost verzichten.

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    1. Ich habe keinen Grund, die Situationsschilderung aus dem mittelständlernahen Klientel des Handelsblatts anzuzweifeln. Diese angeblich „liberale“ Partei, die seit langem nicht mehr für Bürgerrechtspolitik steht, hat nicht gerade zufällig am Wochenende eine zweitägige Krisensitzung mit ihren Spitzenleuten abgehalten. Denen laufen die Unterstützer tatsächlich reihenweise davon.

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