Glauben und Macht


Wie steht es mit der Gewaltentrennung zwischen Glauben und Macht in Mittelost? Ist das Erbe des Kalifen demokratiefähig? Antworten von Bernard Lewis, dem Nestor der angloamerikanischen Islamkunde.

Von Wolfgang G. SchwanitzFAZ.NET

Des Kaisers“, antworteten sie auf seine Frage, wessen Bild und Name auf dem Silberling seien. „Dann gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, aber gebt Gott, was Gott gehört.“ So spricht Jesus zu Pharisäern laut Matthäus darüber, ob es rechtens sei, Rom Steuern zu zahlen. Und dies sei das Prinzip zweier Autoritäten im Christentum, leitet Bernard Lewis sein neues Buch über Glauben und Macht in Mittelost ein. Kaiser und Gott hüteten je ihre Bereiche nach eigenen Regeln. Das Duale von Staat und Kirche treffe aber nicht auf den Islam zu. Dort sei die Trennung bis vor kurzem sinnlos gewesen, denn die Religion erwuchs aus der Einheit von Glauben und Macht.

Drei verwandte Religionen in Mittelost höben sich hierin ab, sagt der Nestor der angloamerikanischen Islamkunde. Moses führte sein Volk ins Gelobte Land, durfte es aber nicht betreten. Christus starb am Kreuz. Sein Gefolge blieb lange eine verfolgte Minorität im Streit um Staat und Rom. Allein Mohammed einte die Widerparte, da er als Religionsstifter zum Haupt seines Staates aufstieg, der zum Reich wuchs. Er war ein schlagender Rebell und erfolgreicher Unternehmer unter der Glutsonne Arabiens im Wüstenraum, den periodisch Streit laxer Städter und sittentreuer Nomaden aufrührte.

Die Kaiserregel führte zur Trennung von Staat und Kirche, das Kalifenerbe zur Einheit von Macht und Glauben. Die Kerndifferenz hebt die judäo-christliche Tradition von der islamischen Tradition ab. Dies beleuchtet der Princetoner Gelehrte in 13 Kapiteln. Meist nach dem Millennium notiert und in Teilen publiziert, geht es um Europa und den Islam sowie um Islam und Judentum. Lewis prüft, ob Islam und liberale Demokratie kompatibel sind. Dabei greift er, der gern auch im Internet surft, schon einmal auf die Websites der Taliban zurück, um die Rolle der Frau, Demokratie und Religion besser auszuloten.

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