Katholiken: nur Reformstau?


Neue Bemalung
Neue Bemalung ändert allzu wenig

Selbst in der straff hierarchisch organisierten römisch-katholischen Kirche gibt es interne Kritiker. Aber entweder sie sind zahlenmäßig schwach präsent (wie die „Kirche von unten“-Bewegung) oder sie sind ängstlich, energielos und überwiegend weggeduckt.

Wer gegen die Bischöfe oder gar den Vatikan das Wort ergreift, den versuchen sie mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Siehe Müllers Abmahnwahn gegen Blogger; siehe  Eugen Drewermann oder Willigis Jäger, den der Vatikan mit Rede- und Schreibverbot belegte.

Demokratische Spielregeln haben nach dem Selbstverständnis des Vatikans in der Kirche nichts zu suchen. Frauen dürfen ehrenamtlich schuften, aber keine Führungsposten übernehmen. In der gegenwärtigen Glaubwürdigkeitskrise wird das Murren im Kirchenvolk etwas lauter, viele Austritte, aber keine Zeichen auf Sturm oder Massenübertritte zu den Altkatholiken. Dabei haben letztere doch die Reformen, an denen es angeblich hängt, längst vollzogen. Sind Katholiken zu faul, sich darüber zu informieren? Tja, was soll man da noch glauben?

Wenig überzeugend sind vor diesem Hintergrund Überlegungen, dass es alles nur ein „Reformstau“ sei, wie manche Liberal-Katholiken offenbar meinen. Trotzdem sollte man zur Kenntnis nehmen, was ein ungewöhnlich langer Artikel im Deutschlandfunk dazu zusammentrug.

Von Hajo Goertz und Michael Watzke, Deutschlandfunk

Der – im doppelten Wortsinn – Fall des einstigen Augsburger Bischofs Walter Mixa ist symptomatisch für die Lage der katholischen Kirche in Deutschland. Obwohl oder gerade weil es in diesem Fall nicht um sexuellen Missbrauch Minderjähriger geht: Hier kann man nicht auf der Ebene der Aufklärung von Verbrechen durch Priester an jungen Menschen und ihrer Ahndung bleiben.

Hier geht es um die Diskrepanz zwischen kirchlicher Lehre – etwa zur Homosexualität – und dem Verhalten ihrer Prediger; also um die Glaubwürdigkeit der Kirche. Hier geht es um mögliche Veruntreuung von Spenden oder Steuern, dem Geld der Gläubigen, denen Mitbestimmung über die Verwendung oder gar Kontrolle weitestgehend versagt ist. Hier geht es um ein Bischofsamt, das nicht nur geistliche Allzuständigkeit beansprucht, um Strukturen, die ein Fehlverhalten der Entscheidungsträger vielleicht fördern, ihnen zumindest aber die Möglichkeit boten, alles unter den Teppich zu kehren.

„Es sind ja Vorgänge, die 20, 30, 40 Jahre zurückliegen und die durch ein ganz bestimmtes Schweigegebot, fast möchte man sagen Schweigekartell verdeckt waren. Dass sie jetzt besprechbar sind, ist eines der vielen Phänomene kirchlichen Machtverlustes, den man theologisch gesehen natürlich nur begrüßen kann,“ analysiert Professor Rainer Bucher. Der katholische Pastoraltheologe an der Universität im österreichischen Graz hat sich eingehend mit dem Skandal des sexuellen Missbrauchs in der Kirche beschäftigt; den stellt er, im Einklang mit Fachwissenschaftlern, in einen Zusammenhang mit dem Missbrauch von geistlicher Macht. Die allgemeine Empörung bringt Claudia Lücking-Michel zum Ausdruck; sie ist Vizepräsidentin der bundesweiten Vertretung der Laien: des Zentralkomitees der deutschen Katholiken:

„Sie sind nicht nur wütend und entsetzt über das, was da angesichts der Taten einzelner herauskommt, sondern vor allen Dingen auch, wie Kirche damit umgeht. Je mehr rauskommt, und je mehr uns da vor Augen geführt wird, wird deutlich, dass Strukturen und Probleme, die viele sicherlich von uns im Blick auf Kirche immer schon konstatiert haben, und wo sie Änderungen eingefordert haben, hier jetzt endgültig versagen. Mir geht es so, jetzt platzt einem irgendwann der Kragen.“

Brosseder: „Im Augenblick haben wir ja in Deutschland eine Krise. Daran kann kein Zweifel bestehen.“

Professor Johannes Brosseder, der an der Universität angehende katholische Religionslehrer ausgebildet hat, führt die prekäre Lage der Kirche nicht nur auf die aktuellen Skandale zurück, sondern auf eine Jahrzehnte währende Entwicklung:

„Diese Krise hat aber auch tiefere Ursachen, und sie hängt mit einem Reformstau zusammen, der schon seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht wirklich in Angriff genommen worden ist.“

Das Konzil, die weltweite Bischofsversammlung, hatte in den 1960er-Jahren etwa die alte, schon vorreformatorische Lehre vom Priestertum aller Gläubigen wieder entdeckt und damit auch den Laien eine Mitverantwortung für die Kirche zugesprochen.

„Daraufhin haben wir Diözesanräte, Pfarrgemeinderäte bekommen. Bei diesen Räten ist es geblieben, und eine wirkliche Mitbestimmung dieser Räte ist bis jetzt nicht gegeben. Im Gegenteil, wir haben eine ziemlich starke Re-Klerikalisierung bekommen, und im Grunde unser Kirchenverständnis – und darin sehe ich die eigentliche Krise – bischofs- und papstzentriert ausgerichtet.“

Krassestes Beispiel: Der Regensburger Bischof Müller hat seinen aus den Gemeinden heraus gewählten Diözesanrat kurzerhand vor die Tür gesetzt, weil das Laien-Gremium ihm zu kritisch wurde; nach einer neuen Satzung hat er sich seither mit einem lammfrommen Beratungsorgan umgeben. Auch in anderen Bistümern und Gemeinden werden gewählte Gemeindevertreter, die sich zu eigenständig geben, ausgegrenzt.

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