Lügen vor Gericht


Engraving of Gilbert and Sullivan's Trial by Jury
Stich: Friston 1875 (Public Domain)

Wenn ein kleines Kind das Lügen für sich entdeckt, so ist das ein wichtiger Schritt in seiner Intelligenz-Entwicklung. Wenn derselbe Mensch später erkennt, dass die Welt voller kleiner und großer Lügen steckt, gefällt es ihm schon weniger.

Immer wenn es um „die Wurst“ geht, wird gelogen, was das Zeug hergibt. Natürlich nur, solange man Chancen sieht, damit durchzukommen. An dieser Herausforderung schärft sich das Denkvermögen. Auch Affen oder Rabenvögel sind, soweit es um Fressbares geht, sehr geschickt im Beobachten und Hereinlegen ihrer Artgenossen.

Vor Gericht steht immer genug auf dem Spiel, dass Lügen als eine Strategie naheliegt. Da es vorgeblich an sich um Wahrheitsfindung, tatsächlich aber meist nur um die Findung eines in etwa plausibel aussehenden Urteils geht, wird ein wenig Aufwand betrieben, Lügen aufzudecken.

Die forensische Psychologie stellt wissenschaftliche Methoden bereit, zumindest die Wahrscheinlichkeit zu beurteilen, ob und wieweit in Strafprozessen von Klägern und Beklagten die Unwahrheit vorgebracht wurde. Die Denkwege und Indizien dieser Gutachter sind beachtlich weit entfernt von unserer üblichen Alltagspsychologie. Ein Blick hinein lohnt sich.

Von Nikolas Westerhoff, Süddeutsche Zeitung

Nach Auffassung der forensischen Psychologin Renate Volbert von der Charité in Berlin ist Lügen kognitive Schwerstarbeit, schließlich muss der Lügner seine Story plausibel darlegen, auf spontane Nachfragen von Polizisten schlagfertig reagieren, sich selbst seine eigenen falschen Ausführungen merken und seine Wirkung auf andere kontrollieren.

Diese kognitive Belastung ist so groß, dass ihm kaum noch Kapazitäten bleiben, an der eigentlichen Schilderung der Tat zu feilen und diese detailliert, widerspruchsfrei und authentisch an den Mann zu bringen. Aus diesem Grund fällt laut Volbert eine erlogene Aussage in der Regel „weniger elaboriert“ aus als eine realitätsbasierte Schilderung.

Der Lügner vor Gericht steht noch vor einem weiteren Problem: Ein Erlebnis, das sich ereignet hat, hinterlässt stärkere Spuren im Gedächtnis als eine Lügengeschichte. Während er lediglich akustische und visuelle Eindrücke zu Protokoll geben kann, berichtet der wahr aussagende Mensch noch von anderen Sinneseindrücken, etwa Gerüchen, Berührungen, Körper- und Kältegefühlen. Die neuronale Verankerung des tatsächlich Erlebten ist komplexer und umfassender als die des bloß erdachten Geschehens.

Auch die strategische Ausgangslage des Lügners ist schlechter. Anders als derjenige, der sich auf ein reales Ereignis stützt, sieht er sich gezwungen, die Glaubhaftigkeit seiner Schilderung besonders betonen zu müssen. „Aus diesem Grund“, so Niehaus, „meidet er alle Äußerungen, die ihn in ein schlechtes Licht rücken oder sein Image beschädigen könnten.“Opfer von Vergewaltigung, Gewalt oder Missbrauch hingegen gehen die Tat im Kopf immer wieder durch, hadern mit sich selber und fragen sich, was sie besser hätten machen können, um das Geschehene zu verhindern.

„Solche selbstkritischen Überlegungen sind bei einem gezielt Falschaussagenden weniger zu erwarten“, sagt Niehaus. „Bei ihm finden sich weniger Selbstvorwürfe, seltener spontane Korrekturen der eigenen Aussagen und ein weniger differenziertes Porträt des Täters.“ Des Lügners Botschaft lautet: Ich bin gut, der Täter ist böse und alles, was ich sage, hat sich exakt so zugetragen.

Seine Aussage steuert zielstrebig auf den Höhepunkt des Geschehens zu – also auf das Verbrechen. Die Frage, warum es zur Tat kommen konnte und wie sie möglicherweise hätte verhindert werden können, stellt sich nicht.

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